Berlin - Pfiffe, Beleidigungen – als Bernd Lucke im Juli 2015 auf dem Bundesparteitag der AfD in Essen spricht, widerfahren ihm Dinge, die er so in der Partei noch nicht erlebt hat. „Das letzte Mal, dass ich wegen Pfeifens einen Vortrag nicht zu Ende bringen konnte, war im sächsischen Wahlkampf, als die Antifa gestört hat“, kontert er die Zurufe. Es nützt ihm nichts. Er verliert das Amt als Parteichef an Frauke Petry. Ein Tag, der die AfD verändern sollte. Und auch ihre Anhängerschaft.

Beliebt bei weniger Gebildeten

„Das Profil der AfD-Anhänger hat sich deutlich verändert“, erklärt Martin Kroh vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Während die Unterstützung für die AfD bei Älteren, Menschen mit Abitur und Frauen eher stagniere, ziehe die Partei mittlerweile vor allem folgende Gruppen an: Männer, Ostdeutsche, weniger Gebildete und junge Menschen unter 30 Jahren.

Zuspruch findet die Partei dabei vor allem unter denen, die mit der Demokratie in Deutschland unzufrieden sind. Bernd Luckes Traum von der Professoren-Partei ist endgültig ausgeträumt, dafür zieht die AfD mehr und mehr Enttäuschte an. Darunter auch Menschen, die eindeutig im rechten Lager zu verorten sind.

Wähler mit Partei-Neigung im Fokus

Gemeinsam mit Karolina Fetz von der Humboldt-Universität in Berlin hat Kroh Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) am DIW ausgewertet, für das in jedem Jahr etwa 16.000 Haushalte befragt werden. Verglichen haben die beiden Wissenschaftler dabei Ergebnisse von Befragungen in 2014, 2015 und 2016.

Im Fokus ihrer Auswertung standen dabei jene Personen, die angaben, dass die eine klare Neigung zu einer Partei haben. Politologen nennen dies oft eine langfristige Parteibindung. Solche Menschen wählen zwischendurch auch schon mal andere Parteien – teils aus Protest, teils taktisch, teils wegen bestimmter Kandidaten. Aber generell macht die ausgeprägte Neigung zu einer Partei ihre Wahl natürlich auch wahrscheinlich.

Derzeit geben noch etwa 50 Prozent der Menschen an, sich längerfristig einer Partei verbunden zu fühlen – die Langfristtendenz ist sinkend. Die AfD konnte dabei den Anteil ihrer Stammanhängerschaft ausbauen: Im Jahr 2014 haben sich laut SOEP etwa 1,5 Prozent derer, die nach eigenen Angaben eine langfristige Parteibindung haben, zur AfD bekannt. 2015 waren es schon knapp 3 Prozent, 2016 ungefähr 4,5 Prozent.

AfD gewinnt immer mehr feste Anhänger

Die AfD hat sich also recht schnell eine robuste Anhängerschaft aufgebaut: Bei der AfD ist die Parteibindung nach Angaben der Wissenschaftler inzwischen in etwa so hoch, wie sie bei der FDP seit vielen Jahren im Durchschnitt ist. Vergleicht man sie mit der Parteibindung der damals neu gegründeten Grünen in den Achtziger Jahren, so liegt die AfD etwas unter diesem Niveau – groß sind die Unterschiede aber nicht.

Hinzu kommt: Die AfD hat bei Landtagswahlen zuletzt Ergebnisse von mehr als 15 Prozent in Baden-Württemberg und fast 25 Prozent in Sachsen-Anhalt erzielt. Sie kann also über ihr Potenzial an festen Unterstützern hinaus erheblich an Protestwählern gewinnen.

Bindung ehemaliger Nicht-Wähler

Was aber haben die Menschen, welche die AfD im vergangenen Jahr als feste Anhänger hinzugewonnen hat, bei der Bundestagswahl 2013 noch gewählt? Oft gar nichts. „Aber auch aus dem Kreis ehemaliger FDP- und Linken-Wähler gewinnt die AfD Anhänger“, sagt Studien-Autorin Fetz.

Aus dem Kreis derer mit fester Parteibindung, die bei der Wahl 2013 Union oder SPD gewählt haben, wandern verhältnismäßig wenige als Anhänger zur AfD ab. Das kann aber auch daran liegen, dass die großen Parteien bereits in den Jahren zuvor stark ans Lager der Nichtwähler verloren haben.