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AmsterdamAls ich im Herbst letzten Jahres für meinen neuen Job in einem Buchverlag nach Amsterdam gezogen bin, hoffte ich noch auf ein paar schöne spätsommerliche Tage – vergeblich. Ich war damals noch ohne festen Wohnsitz und schlief bei einer gastfreundlichen Freundin in Haarlem auf der Couch und pendelte jeden Tag nach Amsterdam, vom ersten Tag an im maritimen Regen in seinen sämtlichen Varianten. Vom sanften Niesel an einigen guten Novembertagen über kitzelnde Tropfen bis zu einem Platzregen, der mich morgens förmlich gegen die Plexiglaswand des Haltestellenhäuschens peitschte – Holland begrüßte mich mit einem sehr nassen Handschlag. Ins Gesicht.

Den gesamten Winter über stürzte ich mich in die Arbeit und Wohnungssuche und tröstete mich damit, dass ich den ersten Frühling des neuen Jahrzehnts dafür umso mehr würde genießen können. Etwa ab März würde mein Leben hier so richtig losgehen, während ich schon mit drie, twee, een einen imaginären Countdown herunterzählte. Inzwischen habe ich sowohl Quarantäne als auch Suburbia hinter mir gelassen und bewohne mit meinem Hund eine gemütliche Single-Wohnung in einem Altbau im Innenstadtviertel Jordaan, dessen eigensinnige Bodenständigkeit ich inzwischen verinnerlicht habe. „In Amsterdam gibt es Amsterdamer, und es gibt Jordaanesen“, war ein Kalenderspruch, den ich vor meinem Umzug öfter hörte und nie verstanden hatte.

Durch vier große, für das Viertel typische Schiebefenster kann ich auf der gesamten Länge meiner Wohnung auf die angrenzende Lauriersgracht, in die Loftwohnung der Nachbarin von gegenüber und auf die Spaziergänger in der ruhigen Gasse schauen, an der ich wohne. Es ist endlich Sommer, durch die offenen Fenster wirft die Kletterpflanze an meiner Hausfassade immer mal wieder eine Ranke hinein, die Stadtgeräusche im Jordaan sind längst unaufdringliche Klangtapete und obwohl sowohl meine Wohnung im ersten Geschoss als auch die Straße klein und eng sind, ist das Lebensgefühl luftig und verschmilzt das Draußen entlang der Türen, Fenster und Fassaden mit dem Inneren der kleinen Altbauwohnungen. Kaum stiegen die Temperaturen auf über 20 Grad, haben die Jordaanesen gemütliche Sessel auf den manchmal nur einen Meter breiten Bürgersteig vor ihrer Wohnung gestellt, Decken und Kissen an die Gracht gelegt, entkorken eine Flasche Wein und verlagern ihr Leben in den öffentlichen Raum. Bei den horrenden Amsterdamer Wohnungspreisen bedeutet jeder halbe Quadratmeter mehr pure Lebensqualität – nach Wochen der Selbstisolation gilt das mehr denn je.

Überall in Amsterdam werden nun alte Sitzmöbel nach draußen gerückt, selbst einwandfreie Chesterfieldsofas stehen plötzlich in der Stadtlandschaft herum und lassen mein Viertel aussehen wie eine große WG-Party. Alle Jordaanesen verbindet die unerfüllte Sehnsucht nach einem Balkon, mit dem kaum eine der kleinen Wohnungen ausgestattet ist. Ich setze mich auf einen cremefarbenen Polsterstuhl, der vor meinem Haus steht und wohl der ebenerdige Balkonersatz eines meiner Nachbarn ist. Grüppchenweise und in regelmäßigen Abständen ist meine gesamte Straße gesäumt von Freundeskreisen, die den Abend mit einem Bier oder Picknick ausklingen lassen. Und nach monatelangem Winter und anschließender Pandemie fühlt es sich zum ersten Mal so an, als würde mein Leben in Amsterdam endlich losgehen.