Herr Schicha, haben Sie schon einmal gehört, dass Menschen – wie in London – eine Tat begangen und anschließend ihre Botschaft über Handyvideos von Passanten verbreitet haben?

Nein, normalerweise flüchten Täter ja vom Tatort. Dass der nächste Handynutzer zum Kameramann für ein Bekennerinterview wird, ist neu. Dem Täter öffnet sich so eine öffentliche Bühne.

Warum haben die Menschen in London das Handy gezückt, anstatt davonzulaufen?

Auf so eine Situation ist niemand vorbereitet. Möglicherweise standen sie unter Schock. Sollten die Täter sie aufgefordert haben zu filmen, hatten sie vielleicht auch Angst sich zu widersetzen, die Männer waren schließlich bewaffnet. Vielleicht fühlte sich aber auch jemand zum Reporter berufen. Wenn es so war, sehe ich darin eine große Gefahr.

"Die Täter bekommen eine Bühne"

Welche Gefahr meinen Sie?

Es ist die Aufgabe von Journalisten, Nachrichten und Bilder zu bewerten, nachzuprüfen und zu überlegen, welche Inhalte man verbreitet und welche nicht. Dabei muss man auch nachdenken, welche Wirkung bestimmte Inhalte haben können. Dadurch, dass heutzutage praktisch jeder die Möglichkeit hat, Dinge aufzunehmen und zu verbreiten, geht dieser Filter verloren. Auch, weil viele Medien solche Inhalte dankbar aufnehmen und weiterverbreiten – teilweise, ohne die Echtheit und die Herkunft zu überprüfen.

Welche Auswirkungen könnte das haben?

Zum einen muss an die Zuschauer gedacht werden. Bilder von einem Menschen mit blutverschmierten Händen können Schockreaktionen hervorrufen, vom Jugendschutz ganz zu schweigen. Zum anderen wird dem Täter eine Bühne gegeben, die er vielleicht nicht bekommen sollte. Ich befürchte, dass Menschen, bei denen latente Gewaltfantasien schlummern, sich nun berufen fühlen, Ähnliches zu tun. Ich würde mir wünschen, dass Medien bestimmte Bilder nicht zeigen und auch klar darüber aufklären, warum sie das tun. Es wird jetzt nur über die Tat diskutiert, über die Angemessenheit der Bilder findet kaum ein Diskurs statt, das finde ich falsch.

Das Interview führte Stefanie Schmidt.