Etwa 15.000 Menschen demonstrieren bei der „Silent Demo“ am Sonnabend in Deutschland.
Foto:  Sebastian Wells/Ostkreuz 

BerlinSeit ein paar Wochen liegt ein früher Roman von James Baldwin auf unserem Couchtisch: „Giovannis Zimmer“. Es ist die Geschichte einer Liebe zwischen zwei weißen Männern in Paris, die tragisch endet, weil es einem der beiden, David, nicht gelingt, sich als schwul zu outen. Das Buch liegt dort, weil der Deutsche  Taschenbuchverlag (dtv) eine ganze Reihe von Baldwins Büchern neu herausgebracht hat, eine überfällige Wiederentdeckung eines der wohl aufregendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Baldwin war für mich Mitte der 70er-Jahre Schullektüre: „Sonny’s Blues“. Ich erinnere mich kaum an die Geschichte, sehr wohl aber an die direkte Sprache, in der die Schimpfwörter des Originals in unseren Ohren wie poetische Offenbarungen klangen. Baldwins Sprache hatte Tempo und Rhythmus und schien mehr über die amerikanische Gesellschaft zu verraten als die Bücher vielgepriesener Kollegen.

„Giovannis Zimmer“ habe ich erst jetzt aufgeschlagen, seit die Proteste gegen rassistische Polizeigewalt trotz der Corona-Einschränkungen Millionen Menschen in aller Welt auf die Straße gebracht haben. Ein Akt der Solidarität für George Floyd, dessen Tötung durch einen unerbittlichen Polizeieinsatz zum Fanal geworden ist? Noch immer macht das 8 Minuten und 46 Sekunden lange Video fassungslos, das zeigt, wie er um sein Leben rang. „I can’t breathe“ ist zum Slogan einer systematischen Wehrlosigkeit geworden, der „people of color“ in aller Welt, aber ganz besonders in den USA ausgesetzt sind.

Wir kennen solche Szenen aus vielen Krimis. Aber erst jetzt scheint man die gesteigerte Anspannung zu verstehen, die jedes Mal aufkommt, wenn ein Streifenwagen ein verdächtiges Fahrzeug anhält. Es ist ein sich millionenfach wiederholender Moment in einer Gesellschaft der Angst, der George Floyd das Leben gekostet hat. Natürlich geht es jetzt darum, sich solidarisch zu zeigen. Es ist eine nachholende Anteilnahme, denn George Floyd ist kein Einzelfall und wird es nicht bleiben.

Ein wichtiger Effekt der Demonstrationen – die auch in Deutschland zum Ausdruck gebracht haben, dass es neben einem Abstandsgebot immer noch ein Anstandsgebot gibt –, sind die sich laut artikulierenden Stimmen von Einheimischen nichtweißer Hautfarbe. Sie verweisen auf einen rassistischen Alltag, dessen Handlungen und Äußerungen oft unterhalb der Schwelle zu körperlicher Gewalt verlaufen. Worte und Blicke können einschneidend und verletzend sein, auch wenn sie den anderen nicht körperlich berühren.

Trotzdem bleibt da ein Unbehagen, wenn man den Slogan liest, der Millionen Menschen nicht erst seit der Tötung George Floyds zu einer Bewegung geformt hat: „Black lives matter“ – schwarzes Leben zählt. Das Unbehagen rührt allein schon daher, dass man glaubt, diese Selbstverständlichkeit anmahnen zu müssen. Und es geht tief durch die Haltungen bester Absichten hindurch. Eine Nachrichtenseite mit großer Reichweite im Internet etwa verweist auf die herausragenden Stimmen schwarzer Autoren. James Baldwin befindet sich unter den Tipps zum Entdecken oder Wiederlesen, aber auch Toni Morrison, Brit Bennett sowie Michelle und Barack Obama. Zusammengefasst werden sie da als PoC-Autoren, die Abkürzung für „People of Color“. Das klingt, als handele es sich dabei um ein selbstständiges literarisches Genre. Dabei geht es jenseits äußerer Zuschreibungen um universelle Geltung und Akzeptanz.

Die Solidarität für George Floyd kann nur eine sein, wenn sie das Bedürfnis zu Anteilnahme weniger befriedigt als aufwühlt. Es bleibt irritierend, dass ich erst jetzt die ersten Seiten von „Giovannis Zimmer“ gelesen habe, ein Buch, das Baldwin 1956 geschrieben hat und für das er, als es fertig war, aus seinem Verlag herausgeschmissen wurde, weil er darin den Tabubruch begangen hatte, als schwarzer Mann über eine homosexuelle Beziehung unter weißen Männern geschrieben zu haben. Es ist nicht zu spät, dem Selbstverständlichen zur Geltung zu verhelfen. So lange es jedoch in Kundgebungen der Solidarität überführt werden muss, ist man weit davon entfernt, sich in einer Gesellschaft zu bewegen, die durch Reibung, Widerspruch und Neugier auf andere zu Ruhe kommen kann.