Berlin - Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung verleiht der Debatte über die Förderung von Kindern in Deutschland neuen Schwung. Der Untersuchung zufolge geben die meisten Eltern das Kindergeld einer Studie für ihren Nachwuchs aus. Familien oder Alleinerziehende investierten die staatliche Leistung vor allem in größere Wohnungen oder bessere Betreuung, Bildung und die Hobbys der Kinder. Vorurteile, wonach Kindergeld für Alkohol, Tabak oder Unterhaltungselektronik konsumiert werde, beruhten allein auf Einzelfällen, erklärte die Stiftung. Untersucht wurde die Verwendung des Kindergeldes und des in einigen Bundesländern gezahlten Landeserziehungsgeldes für den Zeitraum von 1984 bis 2016.

Stiftungsvorstand Jörg Dräger erläuterte ein weiteres Ergbnis der Studie: „Direkte finanzielle Leistungen für Familien sind sinnvoller als aufwendig zu beantragende Sachleistungen“, sagte er. Bei zweckgebundenen Leistungen wie dem Bildungs- und Teilhabepaket legten jüngste Untersuchungen nahe, dass rund 30 Prozent der Mittel in den Verwaltungsaufwand flössen. Zudem beantragen viele Bedürftige wegen der Bürokratie die Mittel erst gar nicht.

Grundlegende Reform gefordert

Dräger fordert eine grundlegende Reform der Familienförderung, etwa durch ein Teilhabegeld. Es soll bisherige Leistungen wie das Kindergeld, Teile des Bildungs- und Teilhabepakets, der Kinderzuschlag für Geringverdiener und die Grundsicherung für Kinder bündeln. Das Teilhabegeld solle mit steigendem Einkommen der Eltern sinken und so gezielt Kinder aus ärmeren Familien unterstützen, so Dräger.
Kinderhilfswerk plädiert für Kindergrundsicherung

Auch die FDP verlangt einen umfassenden Umbau und eine Zusammenfassung der Familienleistungen. „Die Studie zeigt, dass finanzielle Direkthilfen das beste Mittel gegen Kinderarmut sind“, sagte FDP-Parteivize Katja Suding dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Als nächster Schritt müssten die staatlichen Leistungen als eigener Anspruch des Kindes gebündelt werden, damit sie unbürokratischer ausgezahlt werden können. Dieses Paket solle eine einkommensunabhängige Förderung für jedes Kind, eine zusätzliche Unterstützung für Kinder in bedürftigen Familien und Leistungen für Bildung und Teilhabe beinhalten. „Damit geben wir jedem Kind die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben“, betonte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende.
Das Deutsche Kinderhilfswerk plädierte für die Einführung einer Kindergrundsicherung. Die Familienförderung müsse grundlegend entbürokratisiert werden, sagte Bundesgeschäftsführer Holger Hofmann. Viele Menschen verzweifelten an der Undurchsichtigkeit des Systems und beantragten Leistungen nicht, die ihnen zustünden.
Nicht die Eltern sind das Problem, sondern die unzureichenden Instrumente zur Bekämpfung von Kinderarmut, sagt der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie. „Die gerade beschlossene Erhöhung des Kindergeldes kommt bei Familien, die Hartz IV beziehen, und bei vielen Alleinerziehenden erst gar nicht an, denn es wird mit dem Arbeitslosengeld II und dem Unterhaltsvorschuss verrechnet", kritisiert er.

Katrin Werner: 328 Euro für alle Kinder

Hier setzt auch die Linke an. Die familienpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Katrin Werner, fordert: „Wir brauchen endlich 328 Euro Kindergeld für alle Kinder und langfristig eine Kindergrundsicherung.“

An der Entbürokratisierung der Leistungen für sozial schwächere Familien basteln Arbeitsminister Hubertus Heil und Familienministerin Franziska Giffey (beide SPD) gerade. Derzeit leben in Deutschland nach Angaben des Familienministeriums ungefähr 8,2 Millionen Familien mit rund 13,4 Millionen minderjährigen Kindern. Rund 1 Million Familien mit 2 Millionen Kindern haben kleine Einkommen, leben aber oberhalb der Hartz-IV-Grenzen. Darum wollen sie Zuwendungen und Förderungen für Familien in einem Gesetz zusammenführen, das möglichst noch Ende des Jahres ins Kabinett kommt. (RND)