Greta und ich Kolumne.

MUTTER: Freust du dich auf die Ostsee?

TOCHTER: Na ja, nachdem meine Interrail-Tour dieses Jahr ins Wasser fällt, ist Zelten mit Freunden am Meer natürlich nur eine Notlösung. Interrail mache ich aber nächstes Jahr als Abschlussfahrt nach der Schule. Dann auf jeden Fall.

Ich hoffe natürlich auch, dass man all diese Sachen nächstes Jahr wieder machen kann. Ich weiß aber nicht, ob ich wirklich will, dass beim Reisen alles wieder genauso wird wie vorher. Das Reisen ist in den vergangenen Jahrzehnten auf eine merkwürdige Weise eskaliert. Viele Leute fühlen sich beruflich in ein Hamsterrad gesperrt, sind nicht richtig zufrieden und deshalb muss der Sommerurlaub was leisten und alles aufwiegen. Also alle rein in den Billigflieger, wie in eine Legebatterie. Im Hotel, am Büfett und am Strand ist es auch wie in der Massentierhaltung. Darüber sollte man mal nachdenken.

Es ist zweischneidig, wenn das normale Leben grau gestaltet ist und der Sommerurlaub der einzige Lichtblick. Da frage ich mich auch, warum Leute ihr ganzes Geld dafür ausgeben, für einen Ausweg aus dem eigenen Leben. Sie könnten auch das Urlaubsgeld in schöne Einrichtung, besseres Essen, Bilder, Hobbys investieren. Würde ihnen vielleicht mehr geben, als zwei Wochen Ägypten. Machen sie aber nicht. 50 Wochen unzufrieden und zwei Wochen im siebten Himmel. Aber wenn Leute das möchten, ist es ihr eigener Wunsch und sie entscheiden sich dafür. Man kann niemandem etwas anderes aufzwingen.

Da hast du recht. Aber vielleicht fällt es vielen Menschen auch einfach nur schwer, sich etwas anders vorzustellen. Jetzt ist aber eine gute Gelegenheit, das Reiseverhalten in Frage zu stellen. Weil wir dieses Jahr nicht alles machen können, wie immer.

Vielleicht wird es aber auch zu einem Jetzt-erst-recht. Ich bin doch ein gutes Beispiel. Ich bin total enttäuscht, dass meine Sommerpläne ins Wasser gefallen sind und deshalb will ich sie nächstes Jahr unbedingt umsetzen. Schon aus Prinzip.

Reisen ist ja auch toll. Andere Menschen kennenlernen, andere Natur und Kultur. Reisen bietet einem andere Perspektiven und bereichert. Mir geht es eher um dieses Immer so weiter, weil es alle so machen. Es kommen ja auch viele Menschen unzufrieden aus dem Urlaub zurück und verklagen dann erst mal ihren Reiseveranstalter oder Ferienhausvermieter. Viel Stress für viel Geld. Das muss ja so nicht sein. Es kann auch anders sein.

Es hat perverse Züge. Fürs Wochenende nach New York zum Beispiel, wenn man um die halbe Welt reist, nur weil es geht. Da ist Corona ein gutes Stoppschild. Aber ich glaube, das wird nur ein, zwei Jahre so sein und danach geht es wieder weiter wie vorher. Vielleicht sogar noch mehr, weil sich alle eingesperrt fühlen.

Wenn nach der Krise ein Fragezeichen übrig bleiben würde, wäre es aber auch nicht schlecht.

Ich glaube, das ist aber auch so. Viele haben die Zeit des Zu-Hause-Sitzens genutzt und die Wände gestrichen und alles schöner gemacht. Damit sind sie jetzt bestimmt auch zufriedener als vorher.