Sonne, Wind und Kerne: Warum 20 Professoren den Atomausstieg stoppen wollen

Die Bundesregierung will unbedingt alle Kernkraftwerke abschalten, und das mitten in der Energiekrise. Ein Risiko für 83 Millionen Bürger. Ein Gastbeitrag.

Das Atomkraftwerk in Baden- Württemberg
Das Atomkraftwerk in Baden- Württembergdpa

Die phänomenale Sicherheit der zivilen Luftfahrt zeigt sich, wenn ein mit 300 Passagieren und 100 Tonnen Treibstoff startender Airbus A350 selbst bei einem unwahrscheinlichen Triebwerksausfall und einem noch unwahrscheinlicheren Herztod des Flugkapitäns vom Ersten Offizier nach einer Platzrunde sicher gelandet werden kann.

Die Sicherheitskultur der Luftfahrt wirft ein Schlaglicht auf drei Risiken des geplanten deutschen Atomausstiegs: für die Versorgungssicherheit, für die Bezahlbarkeit und für die Umweltfreundlichkeit unserer Energieversorgung.

Risiko für Leben und Gesundheit

Erstens: Das deutsche Stromnetz ist komplexer als ein Airbus. Ein Blackout fordert mehr Menschenleben als ein Flugzeugabsturz. Das Abschalten von Kernkraftwerken mitten in der Energiekrise ist ein Risiko für 83 Millionen Bürger. Und für die Leistungsfähigkeit der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt. Die Abschaltung eines Zehntels der Stromproduktion nimmt sich gegenüber 50 Prozent Schubverlust bei einem Triebwerksausfall harmlos aus.

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Foto: André Thess
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André Thess ist Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart.

Doch unser Netz ist nichtlinear wie das Erdklima. Schon Eingriffe von wenigen Prozent können es in die Nähe von Kipppunkten bringen. Dann drohen schwere Störungen und im schlimmsten Fall ein Blackout. Der Atomausstieg ist somit ein Risiko für die Versorgungssicherheit.

Zweitens: Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie und der Wohlstand der Bürger stehen und fallen mit bezahlbarer Energie. Zwar existieren bislang keine Studien über die kostendämpfende Wirkung einer Laufzeitverlängerung deutscher Atomkraftwerke; zumindest keine, die das Qualitätssiegel des Peer-Review tragen. Es gibt jedoch Indizien für die kostendämpfende Wirkung einer Laufzeitverlängerung. Der Atomausstieg ist somit ein Risiko für die Bezahlbarkeit von Energie in Deutschland.

Drittens: Die Umweltfreundlichkeit der Stromversorgung umfasst mehrere Kenngrößen. CO₂-Emissionen und Rußpartikel dürften die wichtigsten sein. Die CO₂-Emissionen bestimmen die Risiken für den Klimaschutz. Rußpartikel bestimmen die Risiken für die Gesundheit. Deutschland emittiert pro Kopf doppelt so viel CO₂ wie Frankreich. Mit der Rückholung von Kohlekraftwerken und dem Abschalten der CO₂-armen Kernenergie wird sich dieses Verhältnis weiter verschlechtern. Der Atomausstieg ist somit ein Risiko für die Erreichung der Klimaziele.

Jede Terawattstunde Kohlestrom verursacht rund 25 Todesopfer – hauptsächlich wegen Atemwegserkrankungen. Die oft fälschlicherweise als Hochrisikotechnologie bezeichnete Kernenergie fordert für die gleiche Strommenge hingegen weniger als 0,1 Menschenleben – ebenso wie Sonne und Wind. Der Ersatz von 50 Terawattstunden Atomstrom durch Kohlestrom kostet rein rechnerisch 1250 Menschenleben pro Jahr. Der Atomausstieg ist somit auch ein umweltbedingtes Risiko für Leben und Gesundheit.

Die Stuttgarter Erklärung

Um die Öffentlichkeit über diese Risiken aufzuklären und eine Rettungsgasse zu weisen, haben am 26. Juli 2022 unter Mitwirkung der Technikhistorikerin Dr. Anna Veronika Wendland 20 Hochschullehrer die Stuttgarter Erklärung gegen den Atomausstieg unterzeichnet. Zur Gruppe gehören die sechs Professorinnen Francesca di Mare, Kerstin Eckert, Sabine Enders, Martina Hentschel, Rafaela Hillerbrand und Andrea Luke sowie die vierzehn Professoren Burak Atakan, Michael Beckmann, Alexander Dilger, Antonio Hurtado, Matthias Kind, Marco Koch, Axel Meyer, Frank Schilling, Harald Schwarz, Klaus Steigleder, Robert Stieglitz, Gerhard Wegner, Thomas Wetzel und André Thess.

Bei den 20 Forschern handelt es sich um berufene Hochschullehrer im aktiven Universitätsdienst. Im Gegensatz zu Aktivisten, Verbandsfunktionären und Denkfabrikpersonal haben die Professoren eine akademische Bestenauslese im Rahmen strenger Berufungsverfahren durchlaufen. Mehr als die Hälfte der Petenten ist im Gebiet der Energieforschung zu Hause. Die anderen vertreten Berufungsgebiete mit weiterem Bezug zur Kernenergie.

Konkret bildet das Kollegium mit den Fachgebieten Energieforschung, Energieethik, Kerntechnik, Elektrotechnik, Thermodynamik, Technikphilosophie, Ökonomie, Biologie, Geotechnik, Physik und Sicherheitsforschung die große interdisziplinäre Breite der zivilen Nutzung der Kernenergie ab.

Die Stuttgarter Erklärung war Grundlage für eine Petition an den Bundestag. Sie hat in der Zeichnungsfrist vom 16. September bis zum 14. Oktober 58.577 Stimmen erreicht. Damit wurde das Quorum von 50.000 deutlich überschritten. Dies war Voraussetzung für eine Anhörung. Am 9. November wurde das Anliegen von Wendland und Thess im Petitionsausschuss des Bundestages vorgetragen. Die Unterzeichner formulierten drei Forderungen an das Parlament.

„Wir benötigen erstens einen Weiterbetrieb der drei laufenden Kernkraftwerke über den 15. April 2023 hinaus. Dazu fordern wir die Streichung der Passagen aus §7 des Atomgesetzes, die dem Weiterbetrieb entgegenstehen.

Wir benötigen zweitens für die Energiesicherheit auch die drei stillgelegten Kraftwerke. Dazu fordern wir ein Rückbau-Moratorium und eine rasche Evaluierung der Möglichkeiten ihrer Wiederinbetriebnahme.

Wir benötigen drittens eine Abwägung zwischen den Risiken des Klimawandels und den Risiken der Kernenergie. Dazu fordern wir eine breite öffentliche Debatte auf wissenschaftlicher Basis.“

Die Vermeidung kontroverser Debatten

Die einstündige Anhörung ist auf den Internetseiten des Bundestags-Petitionsausschusses als Video verfügbar. Der Mitschnitt ist aus zwei Gründen sehenswert. Er zeigt die Versuche der Petitionsvertreter Wendland und Thess, durch faktenbasierte Argumentation Mythen über die Kernenergie zu entkräften. Die Aufzeichnung dokumentiert jedoch auch, wie leicht sich die Redezeit von Petenten aushebeln lässt. Neben dem Petenten und seiner Begleitperson sind üblicherweise Vertreter von Ministerien anwesend – im vorliegenden Fall zwei Staatssekretäre.

Ein bekanntes Werkzeug zur Umgehung von Petenten und zur Vermeidung kontroverser Debatten besteht darin, Fragen nur an die Regierungsvertreter zu stellen. Davon machten einige Parlamentarier Gebrauch. Die befragten Beamten überzogen mehrfach Redezeiten. Den Petitionsvertretern stand somit weniger Zeit für die Diskussion mit den Abgeordneten – das Kernelement des Dialogs zwischen dem Souverän und seinen Repräsentanten – zur Verfügung.

Die Regierungsvertreter beanspruchten insgesamt 22:17 Minuten Redezeit, den Petitionsvertretern blieben 14:28 Minuten. Immerhin ist es gelungen, der Öffentlichkeit wichtige Fakten zu Kosten, Klimapolitik und Langzeitlagerung zu vermitteln:

Kosten: Die CO₂-Vermeidunsgskosten beim Umstieg von Kohle auf Atomkraft liegen mit 100 bis 200 Euro pro Tonne an vermiedenem CO₂ deutlich unter den Werten anderer Klimaschutzmaßnahmen wie der Einführung von Elektroautos, grünem Wasserstoff und synthetischen Brennstoffen. Damit ist Kernenergie – entgegen landläufiger Meinung – eine kosteneffiziente Klimaschutztechnologie.

Sie vereint zwei Vorteile: Sie ist klimafreundlich wie Sonne und zuverlässig wie Kohle. Würde Deutschland die sechs betriebsfähigen Kernkraftwerke am Netz halten und Kohle in gleichem Umfang abschalten, könnte Deutschland schlagartig seinen CO₂-Ausstoß um rund zehn Prozent verringern. Schon ein einziges Kernkraftwerk hat ein dreimal höheres CO₂-Minderungspotenzial als ein hypothetisches Tempolimit auf 120 km/h!

Klimapolitik: Deutschland emittiert pro Kopf doppelt so viel CO₂ wie Frankreich. Mit der Rückholung von Kohlekraftwerken und dem Abschalten der CO₂-armen Kernenergie wird sich dieses Verhältnis weiter verschlechtern. Auch der Zubau von Erneuerbaren löst das Problem nicht. Denn gesicherte Leistung aus Kernenergie kann nicht durch schwankende Erzeuger ersetzt werden. Die Petenten forderten daher, die Kernenergie neben Sonne und Wind als dritte Klimaschutzsäule zu nutzen.

Dabei konnten sie sich darauf berufen, dass die Kernenergie vom Weltklimarat IPCC und von der EU-Taxonomie als nachhaltige Energiequelle eingeordnet wird. So steht in Kapitel 2.4.2. des IPCC-Berichts von 2018: „Einige Charakteristiken der Energieversorgung sind in den 1,5-Grad-Szenarien dieses Kapitels evident: ein wachsender Anteil von Energie, die aus CO₂-armen Quellen einschließlich erneuerbarer Energie, Kernenergie [Hervorh. d. Verf.] und fossilen Energiequellen mit CO₂-Abscheidung gewonnen wird.“

Langzeitlagerung: Die These von der alternativlosen „Endlagerung“ erweist sich bei näherer Betrachtung als unhaltbar. Es genügt eine rückholbare Lagerung über einige Hundert Jahre. Relevant sind vor allem Radioisotope mit einer mittleren Halbwertszeit wie zum Beispiel Strontium-90 (28 Jahre) und Caesium-137 (30 Jahre). Aufgrund der exponentiellen Zerfallsrate bleibt ein radioaktiver Stoff über zehn Halbwertszeiten hinweg relevant.

Das sind für Strontium-90 280 Jahre und für Caesium-137 300 Jahre. Es gilt, den radioaktiven Abfall einige Hundert Jahre lang sicher zu lagern. Dies ist mit dem heutigen Stand der Technik möglich. Das ist immer noch lang, aber weit von einer sicheren Lagerung von mehreren Jahrtausenden oder Jahrmillionen entfernt.

Es werden fossile Kraftwerke benötigt

Weiterhin wurde erläutert, dass es keine grundsätzlichen technischen Hürden für einen Weiterbetrieb deutscher Kernkraftwerke gibt. Das Beharren auf dem Narrativ der Kernenergie als vermeintlicher Hochrisikotechnologie wurde gegen Ende der Anhörung von Wendland mit den Worten kommentiert: „Wenn Isar 2 in Tschernobyl gestanden hätte, würden wir den Namen heute nicht kennen, wenn Isar 2 in Fukushima gestanden hätte, wäre es nicht zum Reaktorunfall gekommen.“

Für die 20 Initiatoren lautet das Fazit: Das emissionsfreie, bezahlbare und sichere Energiesystem der Zukunft für 83 Millionen „Passagiere“ wird voraussichtlich mit den „Triebwerken“ Sonne, Wind und Kerne angetrieben. Es wird ergänzt durch die Speichertechnologien Batterien, Wärmespeicher und Wasserstoff. Bis dieses System so ausfallsicher fliegt wie heute ein A350, werden wir für einige Zeit fossile Kraftwerke mit CO₂-Abscheidung benötigen.

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