Washington - Seine Flucht dauerte gerade einmal 14 Stunden. Dann nahmen Polizisten den mutmaßlichen Todesschützen fest. In die Trauer um den Tod von neun Afro-Amerikanern, die der 21 Jahre alte Mann in einer Kirche in Charleston im US-Bundesstaat South Carolina erschossen hatte, mischte sich am Donnerstag etwas Erleichterung. Ungeklärt ist aber noch das Motiv für die Bluttat, die viele Amerikaner an die Hassverbrechen von Weißen an Schwarzen in der Zeit der Rassenunruhen in den 60er Jahren erinnert.

Der Täter war erstaunlich ruhig vorgegangen, sagten Zeugen der Polizei. Er sei am Mittwochabend eine Stunde lang auf der Kirchenbank gesessen und habe der laufenden Bibellesung zugehört. Dann erst sei er aufgestanden und habe einer Frau bedeutet, er werde sie leben lassen, damit sie von seiner Tat berichten könne. Schließlich eröffnete Dylann R. das Feuer auf die Betenden. Neun Menschen starben in einer der ältesten afro-amerikanischen Kirchen der USA.

Die Menschen in Charleston standen am Morgen nach dem Massaker unter Schock. Eine Anwohnerin sagte einem TV-Reporter: „Wenn wir nicht einmal mehr in der Kirche vor dem Teufel sicher sind, wo denn dann?“ Auch Präsident Barack Obama, der am Mittag kurz nach der Festnahme des mutmaßlichen Täters in Washington vor die Presse trat, zeigte sich in tiefer Trauer. Es breche ihm das Herz, dass so ein heimtückisches Verbrechen ausgerechnet an einem Ort stattgefunden habe, an dem gebetet werde, sagte Obama: „Das ist ein heiliger Ort.“

Der Präsident beklagte zudem, dass solche Taten in den USA viel häufiger vorkommen als in anderen entwickelten Staaten. „Ich musste solche Statements schon viel zu oft abgeben“, sagte Obama. Wieder einmal habe es der Todesschütze viel zu leicht gehabt, an eine Schusswaffe zu kommen. Dylann R. soll die bei dem Blutbad verwendete Pistole vor einigen Wochen von seinem Vater zum 21. Geburtstag geschenkt bekommen haben.

Der Schauplatz des Massakers ist ein wichtiges Symbol für viele Afro-Amerikaner in den USA. Die Emanuel African Methodist Episcopal Church wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts von freien Schwarzen gegründet. Sie diente Sklaven, die aus dem Süden der USA nach Norden flohen, als Ort der Zuflucht. Einer der Kirchengründer war der Anführer eines 1822 gescheiterten Sklavenaufstandes. Martin Luther King, der wichtigste Bürgerrechtler in der Geschichte der USA, hielt im April 1962 eine Rede in dem Gotteshaus in Charleston.

Rassistischer Hintergrund vermutet

Die örtliche Polizei und die US-Bundespolizei FBI vermuten einen rassistischen Hintergrund für die Bluttat. Offiziell wollte zwar US-Justizministerin Loretta Lynch die These von einem Hassverbrechen, dass sich gezielt gegen Afro-Amerikaner richtete, noch nicht bestätigen. Allerdings sollen die Ermittlungen in diese Richtungen laufen.

Der mutmaßliche Täter, soll Medienberichten zufolge unmittelbar vor der Tat in der Kirche rassistische Bemerkungen gemacht haben. „Ich muss es tun“, soll R. gesagt haben: „Ihr vergewaltigt unsere Frauen und reißt unser Land an euch. Ihr müsst verschwinden.“

Die  Menschen auf den Straßen von Charleston waren sich am Donnerstag sicher, dass die Hautfarbe der Betenden zumindest ein Grund war, warum sich der Schütze das vorwiegend von Schwarzen besuchte Gotteshaus ausgesucht hatte. David Mack, ein demokratischer Abgeordneter im Parlament des Bundesstaates South Carolina, sagte: „Das ist doch offensichtlich.“  Unter den Toten war auch der Pastor der Kirche, ein in South Carolina bekannter Bürgerrechtler und Abgeordneter des Parlaments in dem US-Südstaat.

Seit Monaten wird in Amerika wieder eine erbitterte Rassismusdebatte geführt. Diese hat sich an zahlreichen Fällen entzündet, in denen weiße Polizisten Gewalt gegen Afro-Amerikaner angewendet haben. Erst vor zwei Monaten erschoss ein Polizist einen Schwarzen in Charlestons Nachbarstadt North Charleston. Der Beamte muss sich nun wegen Mordverdachts vor Gericht verantworten.

Der Präsident der einflussreichen afro-amerikanischen Bürgerrechtsorganisation NAACP, Cornell William Brooks, verglich das Blutbad von Charleston mit dem Schulmassaker von Columbine im Jahr 1999, bei dem 15 Schülerinnen und Schüler erschossen wurden. Der US-Präsident erinnerte dagegen an den Bombenanschlag von Birmingham in Alabama. Dort hatte der rassistische Ku-Klux-Klan im Jahr 1963 einen Sprengsatz in einer Kirche gezündet. Vier junge Mädchen kamen damals ums Leben. Obama sagte, das Massaker von Charleston werfe Fragen zu „einem dunklen Kapitel in unserer Geschichte“ auf: „Es ist nicht das erste Mal, dass schwarze Kirchen angegriffen wurden.“ Das sei eine Gefahr für die Demokratie in den USA.