Am 13. Januar 1953 erscheint in der Prawda ein Leitartikel mit der Überschrift „Bösartige Spione und Mörder unter der Maske von Professoren-Ärzten“. Darin berichtet das Parteiorgan der KPdSU von einer geradezu haarsträubenden Verschwörung: Neun Ärzte, die hohe Parteifunktionäre betreuen, sollen die Ermordung der Kremlführung geplant haben.

Sechs der Beschuldigten seien Juden. „Diese terroristische Gruppe hatte zum Ziel, das Leben der Führer der Sowjetunion durch medizinische Sabotage zu verkürzen“, heißt es in dem Prawda-Artikel weiter. Die vermeintlichen Mordverschwörer stünden demnach im Sold von amerikanischen Geheimdiensten. Angeworben habe sie die „internationale jüdische bourgeois-nationalistische Organisation Joint“.

Die 1914 in den USA gegründete Hilfsorganisation für jüdische Glaubensgenossen in aller Welt, deren vollständiger Name American Jewish Joint Distribution Committee lautet, sei laut Prawda eine „Zweigstelle“ der US-Geheimdienste. „Das schmutzige Gesicht dieser zionistischen Spionageorganisation, die ihre bösartigen Handlungen hinter der Maske der Wohltätigkeit verbarg, ist nun vollständig zum Vorschein gekommen“, wettert das Parteiorgan. „Die Demaskierung einer Bande von Gift verabreichenden Ärzten stellt einen schweren Schlag gegen die internationale jüdisch-zionistische Organisation dar.“

Antisemitische Pressekampagne 

Der Artikel ist der Auftakt einer Propagandakampagne, mit der Sowjetführer Josef Stalin den Boden für den ersten antizionistischen Schauprozess in Moskau bereiten will. Dieser Prozess wäre der vorläufige Höhepunkt einer seit 1948 immer stärker zunehmenden antisemitischen Verfolgungswelle in der Sowjetunion. Doch er kommt nicht mehr zustande – am 5. März 1953 stirbt der Diktator unerwartet in Moskau. Unmittelbar nach seinem Tod erklärt die Parteiführung die Vorwürfe gegen die Ärzte als frei erfunden. Die Angeklagten kommen sofort auf freien Fuß und werden später von einem Gericht offiziell rehabilitiert.

Noch zwei Monate vor Stalins Tod aber fielen die krude Prawda-Story von der jüdischen Ärzte-Verschwörung und die sich daran anschließende antisemitische Pressekampagne auf fruchtbaren Boden in der sowjetischen Bevölkerung. Eine regelrechte Panik ergriff die Bürger, die sich plötzlich nicht mehr von jüdischen Medizinern behandeln oder sich von ihnen Medikamente verschreiben lassen wollten. Juden wurden in aller Öffentlichkeit beschimpft, es gab Entlassungen aus Betrieben.

In der sowjetisch-jüdischen Gemeinschaft von Moskau, Leningrad, Kiew und Odessa ging die Angst um. Gerüchte über bevorstehende Massenverhaftungen machten die Runde. Angeblich seien bereits Baracken in Sibirien und Kasachstan für Deportationen errichtet worden, hieß es. Auch wollten einige gehört haben, dass Stalin Züge mit Viehwaggons zusammenstellen lässt. Zu frisch noch war in der Diaspora die Erinnerung an die Shoa in Deutschland.

Ermittlungen zur „Ärzte-Verschwörung“

Die Ermittlungen des sowjetischen Geheimdienstes gegen die vermeintlichen Verschwörerärzte hatten bereits 1950 begonnen. Anlass war der überraschende Tod des Politbüro-Mitglieds und engen Stalin-Vertrauten Andrei Schdanow im August 1948 sowie die anschließenden Erkrankungen weiterer hochrangiger Staats- und Parteifunktionäre.

Zu den ersten Festgenommenen, die man der Beteiligung an dem angeblichen Ärzte-Komplott verdächtigte, gehörten der berühmte Kardiologe Yakov Gilyarievich Etinger und sein Sohn, der damalige Geschichtsstudent Yakov Yakovlevich Etinger. Während der Vater die Verhöre im NKWD-Gefängnis nicht überlebte, erinnerte sich der Sohn noch Jahrzehnte später in einer Dokumentation des ZDF an die unmenschlichen Methoden in der Ljubljanka, der Moskauer Zentrale des sowjetischen Staatssicherheitsministeriums.

Im September 1952 wurden die Ermittlungen zur „Ärzte-Verschwörung“ intensiviert. In zwei Wellen verhaftete der NKWD insgesamt 37 Personen, verhörte und folterte sie. Zwei der Beschuldigten starben während der Ermittlungen. Nikita Chruschtschow, damals Politbüromitglied und nach Stalins Tod dessen Nachfolger als KPdSU-Chef, bestätigte in seinen 1970 erschienenen Erinnerungen, dass der Diktator die Verhöre persönlich überwacht und massiven Druck auf Staatssicherheitsminister Semjon Ignatjew ausgeübt habe, um Geständnisse zu erhalten.

Insgesamt 2000 Opfer

„Stalin tobte vor Wut, schrie Ignatjew an und drohte ihm. Er verlangte, er solle die Ärzte in Ketten legen, zu Brei zerstampfen und zu Pulver zermalmen“, schreibt Chruschtschow in seinen Erinnerungen. Schon in seiner sogenannten Geheimrede auf dem XX. Parteitag im Februar 1956, in der er mit den Verbrechen Stalins abrechnete, gab Chruschtschow zu, dass die angebliche Verschwörung von „Anfang bis Ende fabriziert“ gewesen sei.

Dass die von der Prawda verbreitete Mär vom jüdischen Mordkomplott von weiten Teilen der Bevölkerung jedoch geglaubt wurde, lag auch daran, dass der Antisemitismus im russischen Volk eine lange Geschichte hat. Auch zu Anfang des 20. Jahrhunderts, zur Zarenzeit, hatte es mehrere, von der russischen Regierung geschürte Pogrome gegeben. Zwischen 1903 und 1906 fielen diesen Übergriffen insgesamt rund 2000 Menschen zum Opfer. Eine Folge der Pogrome war eine größere Auswanderungswelle russischer Juden nach Palästina und in die USA.

Auch nach der Revolution 1917 richtete sich der Hass vor allem der Bauern und der städtischen Unterklasse gegen Juden. Im Bürgerkrieg lautete eine Parole der leninfeindlichen Bauern „Nieder mit den Bolschewiki und den Juden!“ Die Bolschewiki hingegen bekämpften den Antisemitismus und ahndeten Morde an Juden mit der Todesstrafe. Was auch daran lag, dass viele Mitglieder der engsten Parteiführung um Lenin wie etwa Leo Trotzki und Lew Kamenew jüdischer Herkunft waren.


Auch nach der Machtübernahme durch Stalin habe die Sowjetregierung noch „ernsthafte Anstrengungen“ unternommen, „den Antisemitismus als Relikt der zaristischen Vergangenheit auszumerzen“, stellt der britische Historiker Orlando Figes in seinem 2007 erschienenen Buch „Die Flüsterer“ fest. Zwar waren von der einsetzenden Verfolgungswelle der 30er-Jahre gegen vermeintlich abtrünnige Kommunisten und Andersdenkende auch Juden betroffen, aber Stalins „Großer Terror“ dieser Zeit richtete sich nicht explizit gegen sie.

Mit der deutschen Besatzung der Sowjetunion 1941 jedoch flackerte in der Bevölkerung wieder die Judenfeindlichkeit auf – was vom Kreml geduldet wurde. Die Autoren des kürzlich im Münsteraner Verlag edition assemblage erschienenen Sammelbandes „Stalin hat uns das Herz gebrochen“ vertreten den Standpunkt, dass der Diktator während des Krieges den Antisemitismus bewusst geduldet habe, um einen „panslawischen Nationalismus“ zu fördern. 

„Dieser Antisemitismus hatte während des Krieges vom Stereotyp gelebt, dass ,die Russen‘ an der Front kämpften und für das Vaterland starben, während ,die Juden‘ im sicheren Hinterland Geschäfte machten“, heißt es in dem Buch.

Vor allem in der sowjetischen Elite

Tagebucheinträge des sowjetischen Schriftstellers Ilja Ehrenburg aus der Kriegszeit belegen den weit verbreiteten Antisemitismus in der sowjetischen Elite. So zitiert Ehrenburg in einem Eintrag von 1941 seinen berühmten Autorenkollegen Michail Scholochow mit dem Satz: „Du kämpfst, aber Abraham macht in Taschkent Geschäfte.“

Auch nach dem Krieg veränderte sich das judenfeindliche Klima in der Sowjetunion nicht. Zwar schien sich zunächst eine Annäherung Moskaus an den im Mai 1948 gegründeten israelischen Staat abzuzeichnen. Stalin unterstützte das zionistische Projekt in der Hoffnung, den jungen Staat auf die sozialistische Seite zu ziehen. Doch das junge Israel näherte sich dem Westen an und schlug Moskaus ausgestreckte Hand aus.

Mit der Abkehr von Israel begann nun die offene Repression gegen „Kosmopoliten“, ein Synonym der sowjetischen Propaganda für jüdische Intellektuelle. Im Januar 1949 gab die Prawda in einem Artikel mit dem Titel „Über eine antipatriotische Gruppe von Theaterkritikern“ die Richtung vor: Nun waren vor allem „Vagabunden ohne Pass“ und „wurzellose Kosmopoliten“ besonders verdächtig, weil man ihnen eine größere Verbundenheit mit dem Ausland als mit der Sowjetunion unterstellte.

Die Hatz auf die „Kosmopoliten“ erreichte jetzt ihren ersten Höhepunkt mit der Verhaftung von mehr als 200 Schriftstellern, hundert Schauspielern und zahlreichen Malern und Musikern, von denen die meisten Juden waren. Darüber hinaus gab es Massenentlassungen von jüdischen Lehrern, Journalisten, Künstlern, Wissenschaftlern und Offizieren. Auch jüdische Kultureinrichtungen wurden geschlossen.

Jagd auf „zionistische Verschwörer“

Bereits im Dezember 1948 hatte Moskau das während des Krieges gegründete Jüdische Antifaschistische Komitee (JAK) aufgelöst. Grund dafür war unter anderem ein Brief des Komitees von 1944 an den Kreml, mit dem die Gründung einer jüdischen Republik auf der Krim gefordert wurde. Nikita Chruschtschow schrieb in seinen Erinnerungen, dass der Krim-Plan den Diktator erbost habe.

Stalin sei davon überzeugt gewesen, dass das jüdische Komitee auf der Krim „einen Vorposten des amerikanischen Imperialismus… errichten“ wolle. In Stalins Hirn sei „der Antisemitismus wie ein Tumor“ gewachsen, schrieb Chruschtschow. In einem Geheimprozess wurden im Frühjahr 1952 insgesamt 105 JAK-Angehörige wegen angeblicher Spionage für die USA zu schweren Strafen verurteilt, zehn von ihnen zum Tod.

Auch in den verbündeten Ostblockstaaten wurden auf Druck Moskaus vermeintliche Einflussagenten Washingtons und „zionistische Verschwörer“ in der politischen Führung gejagt. In Budapest und Prag kam es zu Schauprozessen. Vor allem der Prozess gegen Rudolf Slansky, von 1945 bis 1951 Generalsekretär der tschechischen KP, war antisemitisch geprägt.

Elf der 14 Angeklagten in dem Prager Verfahren waren Juden, vor Gericht wurden sie als „Kosmopoliten jüdisch-bürgerlicher Herkunft“ bezeichnet. Verurteilt wurden sie im November 1952 als zionistische Agenten, Slansky und die meisten anderen zum Tode durch Erhängen. Der Slansky-Prozess war für Moskau auch eine Art Probelauf für den geplanten Schauprozess gegen die jüdischen Ärzte, der im Frühjahr 1953 beginnen sollte. Der Tod Stalins verhinderte das.