Berlin - Noch nie war die Stimmung in der Pandemie so schlecht, viele Menschen beschreiben sich als „wütend“ und „müde“. Daraus ist ein neues Wort entstanden, das man immer wieder hört: „mütend“. Wir sprechen mit dem Berliner Soziologieprofessor Steffen Mau, der vor kurzem für seine Arbeit mit dem wichtigen Leibniz-Preis geehrt wurde, im luftigen und leeren Café des Berliner Verlags.

Herr Mau, sind Sie mütend?

Ich würde sagen, ich bin eher müde und auch erschöpft von der langen Zeit, die die Pandemie andauert. Aber „mütend“ ist auch nicht schlecht. Im Englischen gibt es die Wortschöpfung „hangry“: eine Verbindung aus „hungry“ und „angry“. Das bedeutet im Kontext der Pandemie wohl, dass man einen Hunger auf das Leben hat und man latent aggressiv wird, da dieser derzeit nicht befriedigt wird. Ich glaube, das kann auch jeder nachvollziehen.

Laut allen Umfragen ist die Stimmung in Deutschland auf dem Tiefpunkt, die Unzufriedenheit zieht sich quer durch alle Altersgruppen. Woher kommt dieser Wutberg?

Das hat sich in den vergangenen 13 Monaten gedreht. Wenn man sich im vergangenen Sommer mit verschiedenen Menschen unterhalten hat, gab es ein neues positives Staatsbewusstsein. Da waren viele stolz, dass sie in einem funktionierenden Staatswesen mit rationalen, vernunftbegabten und maßvollen Politikern leben. Das hat sich stark gewandelt. Die Politik ist weniger erfolgreich, sie wirkt mitunter kopflos, aktionistisch, zum Teil gibt es auch gravierende Fälle von Korruption und Machtmissbrauch. Wenn dann noch das Ergebnis des politischen Handelns nicht mehr stimmt, macht sich so ein unterschwelliger Groll breit, der weite Teile der Gesellschaft erfassen kann.

Das nehmen Sie auch so wahr?

Ja. Das mündet nicht überall in eine Fundamentalopposition, aber es gibt einen sehr kritischen und zum Teil auch gereizten Blick auf die Politik. Es passiert dann das, was man auch mit dem Begriff „Erregungsdemokratie“ verbindet: Die Leute schimpfen, und es gibt weniger Möglichkeiten, Stimmungen zu befrieden und konstruktiv zu wenden. Ich denke, ein Stück der angestauten Unzufriedenheit ist durchaus nachvollziehbar, weil die Pandemie doch auch Schwachstellen des staatlichen Handelns und der demokratischen Institutionen freigelegt hat, die vorher vielen nicht bewusst waren.

Welche Schwachstellen meinen Sie genau?

Es gab lange so etwas, was man „permissiven Konsens“ nennt. Die Bürger sind weitgehend einverstanden und fragen nicht genauer nach, solange es halbwegs läuft. Wenn es dann nicht mehr läuft, dreht sich das schnell um. Es sind in der Tat viele handwerkliche Fehler passiert, in der Kommunikation, bei der Schnelligkeit und Verbindlichkeit der Entscheidungsfindung, bei der Beschaffung von Impfstoff und Masken, bei der föderalen Abstimmung oder in der Schulpolitik. Das summiert sich auf und verstärkt den Impuls zu meinen, dass man von der Politik nicht mehr viel erwarten kann. Keine gute Ausgangslage in einem Wahljahr.

Es geht ja so weit, dass man selbst als EU-Fan inzwischen an der Inkompetenz und Ineffizienz verzweifelt und sich fragt, ob das Pandemiemanagement ohne die EU nicht besser funktionieren würde.

Wenn es autoritären Regimen besser gelingt, zum Beispiel eine effektive Impfkampagne zu organisieren oder das Virus zurückzudrängen, dann gerät man argumentativ in die Defensive. Das Versprechen der Demokratie ist ja nicht nur das der Beteiligung an der politischen Macht, sondern auch das des guten Regierens. In der Politikwissenschaft gibt es den Begriff der Output-Legitimität. Das ist die Legitimität, die die Politik dadurch gewinnt, dass sie Probleme löst und effektiv handelt. In dieser Hinsicht gibt es schon eine Enttäuschungshaltung.

Aber es funktionieren ja nicht nur autoritäre Staaten besser. Auch die USA und Großbritannien impfen schneller.

Ja, da wirkt die EU manchmal schon auch wie ein lahmer Haufen, ohne Augenmerk darauf, worauf es in solchen Situationen ankommt. In unserem System werden Routinen gut abgearbeitet, Verwaltungsakte durchgeführt, Entscheidungen vielfach abgesichert und reglementiert. Das funktioniert im Normalbetrieb gut, aber weniger in einer Krise, wenn man Pragmatismus an den Tag legen und auch einmal Vorpreschen muss, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Mit Verwaltungshandeln allein lässt sich eine Krise kaum lösen, da kann man sie höchstens bürokratisch verstolpern.

Ich sehe bei der jetzigen Situation schon Ähnlichkeiten zur Lage nach der Wiedervereinigung.

Steffen Mau

Ist diese Wut, die man jetzt spürt, erst in den vergangenen Monaten entstanden oder gibt es da tiefere Ursachen?

An den Rändern der Gesellschaft hat sich schon länger einiges abgesetzt, ob das jetzt esoterische Zirkel sind, Reichsbürger oder die Pegida-Bewegung. Corona ist ein Kristallisationspunkt, wo sich Gruppen verbinden, die früher nichts miteinander zu tun hatten. Vielleicht zerfällt das nach der Pandemie auch wieder, das lässt sich jetzt noch nicht beurteilen. Es gibt aber auch darüber hinaus Erfahrungen im Umgang mit den staatlichen Instanzen, die zu Enttäuschung und Unmut geführt haben. Diese Menschen wechseln dann womöglich in eine mentale Haltung des Nörglertums, aus der man schwer wieder rauskommt. Wenn man erst mal so ein mentaler Eckensteher geworden ist, bleibt man oft am Rand und beobachtet argwöhnisch das Geschehen. Da sehe ich schon einen Vergleich mit der Wiedervereinigungs-Situation.

Inwiefern?

Da sind Menschen 1989 aufgestanden und haben sich engagiert. Dann gab es durch den Institutionen- und Elitentransfer von West nach Ost relativ wenige Möglichkeiten mitzumachen und viele haben sich in eine passive Rolle zurückbegeben. Hatten ihre Meinung, aber grummelten. Das waren schon 1992 etwa 70 bis 80 Prozent, die eine Unzufriedenheit ausdrückten. Auch diese Klage, Bürger zweiter Klasse zu sein, begann schon damals. Das sind mentale Einstellungen, die sich verhärten und festsetzen können. Deshalb ist die Pandemie nicht nur ein Gesundheitsthema, sondern auch ein Thema für die Demokratie insgesamt.

Wenn ich in der Nörgelecke drin bin: Wie komme ich da wieder raus?

Dazu bräuchte man ein gesellschaftliches Projekt, auf das man sich positiv beziehen kann. So was haben wir im Moment nicht. Es gibt sogar eine Angst vor der Zukunft, eine gewisse Düsternis. Jürgen Habermas hat einmal von der „Erschöpfung der utopischen Energien“ gesprochen. Das kann man wohl heute als Beschreibung eines allgemeinen Stimmungsbildes heranziehen. Die Leute wollen raus aus der Krise, aber ein Mehr an Zukunftsvorstellung ist bislang nicht erkennbar. Da fehlt uns gesellschaftlich eine programmatische Idee, wo es hingehen soll. Das sozialdemokratische Projekt hat sich erschöpft, das neoliberale Projekt hat viele frustriert zurückgelassen. Bei der wichtigen ökologischen Frage ließe sich das vielleicht entwickeln, aber nur, wenn sie eine breite Bindekraft entfaltet und nicht zu sehr auf eine Angstrhetorik setzt, die auch lähmen kann. Joe Biden versucht es gegenwärtig mit den Themen der Infrastruktur und der massiven öffentlichen Investitionen. Wichtig wäre ein emphatisches Konzept der Chancen, das viele Menschen mitnimmt.

Meinen Sie, man sollte in eine Partei eintreten, sich engagieren, um nicht mehr so wütend zu sein?

Dazu braucht es vermutlich mehr, eine größere Idee, einen Zukunftsbegriff, damit man nicht nur das Gefühl hat, man wurstelt sich von einem Tag zum nächsten durch. Diese Idee muss einem das Gefühl vermitteln, es gibt einen Sinn und eine positive Richtung, sodass es lohnt. Und dann sind Leute auch bereit mitzumachen. Wenn man hingegen das Gefühl hat, dass Politik nicht mehr ist als die Wiederholung des Immergleichen, das Abarbeiten von Problemen oder ein sich drehendes Personalkarussell, wird das die Nörgler nicht aus der Ecke herausholen.

Am Anfang der Pandemie gab es die Hoffnung, dass diese Krise die Menschen eher zusammenrücken lässt und zu mehr Solidarität führt. Was ist daraus geworden?

Diese Hoffnung hatte ich auch. Es gibt auch historische Beispiele, dass es Kollektivierungen geben kann, die durch Krisenerfahrungen zustande kommen. Zum Beispiel wurden so der britische Sozialstaat und der Nationale Gesundheitsdienst durch einen Masterplan von William Beveridge 1942 erfunden. Es war die Kriegserfahrung, die die unterschiedlichen Klassen zusammengeführt hat. Sie saßen zusammen im Bunker und haben festgestellt, sie gehören zusammen, und die Lehre daraus war, einen Sozialstaat in einem sehr marktliberalen Staat aufzubauen. Das wird jetzt sicher nicht passieren. Man wird aber auch mit radikalen Kürzungskonzepten im Gesundheitswesen nicht mehr durchkommen. Es gibt allerdings keine neue Solidaritätswelle, dazu ist die Spannung der Pandemie zu groß und die Unterschiedlichkeit der Krisenerfahrung auch. Da bricht sicher etwas ein Stück auseinander und kann in eine neue Besitzstandswahrung münden.

Hat die Pandemie Ost- und Westdeutschland näher zusammengebracht?

Eine gemeinsame Krise ist immer auch ein Vereinigungsgenerator, weil eine neue Krise das Alte, das Trennende auch überlagert. Die Pandemie lief zunächst sozialstrukturell von oben nach unten, erst waren Menschen betroffen, die in sehr teuren Skigebieten Urlaub gemacht haben, inzwischen trifft es eher untere Schichten und Menschen im Grenzgebiet. Ich glaube, viele in Sachsen und Thüringen haben noch mal mehr verstanden, dass sie Teil Europas sind, wie abhängig sie von Arbeitskräften aus Tschechien und Polen sind.

Können Sie erläutern, was Sie mit Vereinigungsmotor meinen?

Die Unterschiede in den Bewusstseinsformen werden weniger. Ich finde es zwar schade, dass der 30. Jahrestag der Vereinigung im vergangenen Jahr mehr oder weniger untergegangen ist. Zugleich gibt es viel mehr gemeinsame Probleme, die man lösen muss. Es gibt auch keine spezifisch ostdeutsche Haltung zur Pandemie, die Ministerpräsidenten Manuela Schwesig in Mecklenburg-Vorpommern und Reiner Haseloff in Sachsen-Anhalt haben doch sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Wir haben ja kein erkennbares ostdeutsches Kollektiv, das sich in allem einig ist. Ostdeutsch-Sein ist eher eine Erfahrungsschicht neben anderen. Der einzige Unterschied ist vielleicht nur die Haltung zum russischen Impfstoff. Da gab es im Osten nach meiner Beobachtung doch von Anfang an eine größere Offenheit.

Zur Person

Steffen Mau, geboren 1968, studierte nach einer Ausbildung zum Elektronikfacharbeiter beim VEB Schiffselektronik Rostock Soziologie und Politikwissenschaften an der FU Berlin und promovierte 2001 am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz. 2005 wurde er Professor für politische Soziologie in Bremen. Seit 2015 ist er Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bei Suhrkamp erschien sein Buch „Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“, in dem er sein Aufwachsen in Rostock, die Erfahrung der Wende mit soziologischer Analyse mischt.