Herr Dr. Göttlich, wir warten schon eine ganze Weile auf eine neue Regierung. Und nun wird es noch einmal etwa drei Wochen dauern, bis die SPD-Basis über den Koalitionsvertrag mit der Union abstimmt. Warum ist warten eigentlich so frustrierend?

Warten ist per Definition mit Verzögerungen verbunden. Das heißt, wir haben ein Ziel, das wir realisieren wollen – und irgendetwas tritt dazwischen. Diese Zeit, die zwischen das Ziel und seine Erfüllung tritt, wird im Allgemeinen als unangenehm empfunden. Das können wir insbesondere bei Kindern beobachten: Wenn sie einen Wunsch haben, der nicht sofort erfüllt wird, dann quengeln sie. Wartezeit zu ertragen ist eine Fähigkeit, die wir erst lernen müssen.

Welche Strategien können uns das Warten erleichtern?

Da müssen wir unterscheiden zwischen Strategien, die wir selbst anwenden, und solchen, die diejenigen anwenden, die uns warten lassen. Gerade im Kundenverkehr in der Wirtschaft ist das oft der Fall. Es gibt verschiedene Techniken, um Wartende zu besänftigen – angefangen bei der Musik in der Warteschleife. Außerdem wird ihnen ständig versichert: Sie sind der nächste. Wenn wir warten, wollen wir sicher sein, dass wir das Erwartete auch bekommen. Ungewissheit ist ein sehr negativer Faktor.

Konnten wir so etwas auch in den Koalitionsverhandlungen beobachten?

Die Verantwortlichen haben uns immer wieder versichert, dass sich das Warten lohnt. Nach dem Motto: „Ihr habt lange ausharren müssen, aber dafür kommt etwas Gutes dabei raus.“ Das Erwartete soll so möglichst gut verkauft und mit Wert aufgeladen werden. In öffentlichen Äußerungen geschieht das ständig. Einerseits wird versucht, sich strategisch zu verorten: „Wir gehen nur in die Koalition, wenn wir unsere Standpunkte durchsetzen“. Auf der anderen Seite gibt es immer die Versicherung, dass man sich nicht verweigert, sich im Dienste der Nation positiv einbringen möchte. Auch das ständige Weitergeben von Wasserstandsmeldungen zählt dazu. Etappenziele werden benannt. Den Leuten wird kommuniziert: Wir kommen voran. Genau wie in der Warteschleife: Die nächste freie Leitung ist Ihre. Die Struktur ist ähnlich.

Welche Strategien können wir selbst anwenden?

Im Alltag machen wir etwas ganz simples: Wenn wir absehen können, dass wir in eine Wartesituation kommen, nehmen wir uns Dinge mit, um uns zu beschäftigen. Heute haben wir natürlich Smartphones. Früher war es eher eine Zeitschrift. Wir können uns auf Wartesituationen vorbereiten und versuchen, etwas Zweckmäßiges zu tun.

Inwiefern unterscheiden sich Menschen beim Warten voneinander?

Es gibt sicherlich verschiedene Wartetypen. Wir sind unterschiedlich sozialisiert, mit unterschiedlichen Tugenden, und in unterschiedlichen sozialen Milieus aufgewachsen. Auch unser Kulturkreis spielt eine Rolle. Bei uns im Westen ist Beschleunigung in den letzten Jahrzehnten ein großes Thema. Alles muss schnell gehen und effizient sein. Wenn wir einmal einen Plan gefasst haben, muss er schnell umgesetzt werden. Dieser Zeitdruck ist ein Spezifikum, das in unserer westlichen Gesellschaft sicher größer ist als Anderswo. Und das dafür sorgt, dass wir dem Warten gegenüber eine sehr negative Einstellung haben.

In anderen Kulturen ist das anders?

Das ist sicher anders, aber wir dürfen nicht in Klischees verfallen. Die Romantik des Südamerikaners, der einfach nur in den Tag hineinlebt – das stimmt auch nur für gewisse Schichten. Man kann aber schon sagen, dass Pünktlichkeit in Europa und Nordamerika in der Regel wichtiger ist als beispielsweise in Afrika oder Südamerika. Aber es gibt immer auch große Unterschiede innerhalb der Kulturen.

Zum Beispiel?

Unterschiede in sozialen Milieus zeigen sich zum Beispiel da, wo wir in Gruppen warten. An der Bushaltestelle, im Wartezimmer der Arztpraxis. In unserer westlichen Mittelschicht warten wir ziemlich vereinzelt. Es gilt das Gebot: Ich spreche dich nicht an, aber ich möchte auch nicht angesprochen werden. Gerade das Smartphone nutzen wir in solchen Situationen nicht nur, um uns zu beschäftigen. Wir signalisieren damit auch, dass wir beschäftigt sind. In unteren Einkommensschichten gilt dieses Kontaktverbot nicht so stark.

Wir haben jetzt viel über die negativen Aspekte des Wartens gesprochen – was ist mit Vorfreude?

Das Erwartete hat natürlich einen Wert. Dieser Wert kann gesteigert werden, wenn wir längere Zeit darauf warten. Auf Musikkonzerten machen sich die Veranstalter diese Technik zunutze: Der große Star lässt gerne ein wenig auf sich warten. Dieses Prinzip kann aber natürlich ins Gegenteil kippen. Irgendwann kommt der Punkt, an dem wir uns denken: Jetzt lohnt es sich nicht mehr.

Inwiefern kann „jemanden warten lassen“ vielleicht auch als Machtmittel genutzt werden?

Macht ist nichts, das durch Wartenlassen zustande kommt. Aber wer warten lassen kann, demonstriert damit seine Macht. Er zeigt, dass er in der Hierarchie oben steht. Dadurch werden bestehende Verhältnisse zementiert.