Der Soziologe Wolfgang Engler.
Berliner Zeitung /Markus Wächter

Berlin Der Soziologe Wolfgang Engler hat mehrere Bücher über die Ostdeutschen veröffentlicht. Im Interview analysiert er den Rücktritt der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer und die politische Lage in Ostdeutschland.

Herr Engler, AKK ist zurückgetreten, in der Bundes-CDU herrscht Orientierungslosigkeit. Zerstört der Osten jetzt die alte Bundesrepublik?Zumindest bringt er sie in Turbulenzen. Was wir sehen, ist der Ausbruch eines Grundwiderspruchs der CDU und auch in der FDP. Man konnte das bereits nach der Wahl in Thüringen ahnen, als relativ klar war, dass es mit den Mehrheitsverhältnissen schwierig werden würde, eine Regierung zu bilden. Als sich die Thüringer CDU auf die Linke zubewegen wollte, wurde sie sofort von Berlin zurückgepfiffen. Als dann dieser unsägliche Unvereinbarkeitsbeschluss bekräftigt wurde, in Abgrenzung zur Linken und AfD, hat das zu einer Lähmung geführt. Das hat die Thüringer CDU in eine schwierige Lage gebracht. Diese Entscheidung hat mit der Realität in Ostdeutschland nichts zu tun und hat die beiden Lager innerhalb der CDU auch nicht beschwichtigt.

Es gibt in der CDU Gruppen, die eine Öffnung zur Linken wollen. Andere würden lieber mit der AfD zusammengehen, bevor sie die Linke unterstützen. Woher kommt der Linken-Hass?

Die Gleichsetzung von äußerster Rechter zur Linken, die man weder radikal noch demokratiefeindlich nennen kann, ist ein Erbe des Kalten Krieges, das in Teilen der bürgerlichen Parteien nicht überwunden ist. Das führt zu einer Politik-Unfähigkeit. Man merkt das an dem Gerede von den „Rändern“, die man unbedingt klein halten müsse: In Ostdeutschland kommen diese „Ränder“ zusammen auf über 50 Prozent. Die Volksparteien schrumpfen und geraten mitunter selbst in eine randständige Position.

Was hat Annegret Kramp-Karrenbauer falsch gemacht?

Sie hat sich ja nach der Wahl persönlich gegen eine Koalition mit der Linken oder der AfD ausgesprochen. Dann hat sie die Dinge laufen lassen und sich erst vergangene Woche wieder eingemischt. Da kommt so ein Muster durch: Die meisten Spitzenpolitiker kümmern sich nur um den Osten, wenn was schief geht, wenn er Katastrophen produziert, wenn es machtpolitisch relevant wird. Dann fahren sie hin, dann gibt es Vor-Ort-Termine, wir kennen das aus Chemnitz, aus Halle. Sie sind wenig dran interessiert, was Realität ist.

Der Politologe Herfried Münkler erklärte in einem Interview den Erfolg der AfD sinngemäß damit, dass die ostdeutschen Wähler wegen der mangelnden DDR-Aufarbeitung des Nationalsozialismus nicht immun gegen rechts seien. Stimmt das?

Das ist eine bekannte, weit verbreitete These. Wenn man die Geschichte des Ostens mit dem starken Aufschwung einseitig auf die DDR verbucht, dann heißt das auch, dass man all jene Prozesse, die nach 1990 passiert sind, gering schätzt oder negiert. Aber das sind Erfahrungen fundamentaler, epochaler Art, die zu politischen Entscheidungen führen, dass sich Protest in dieser Form äußert. Insofern muss man Herrn Münkler widersprechen.

Welche Rolle spielt Kanzlerin Angela Merkel in dieser Krise der CDU?

Sie hat die Krise zugespitzt, vielleicht, um selber klarer zu sehen. Diese Äußerung, dass die Wahl von Kemmerich als Ministerpräsidenten „unverzeihlich“ war, das war eine starke Vorgabe, auch der Rauswurf des Ostbeauftragten. Ich glaube, dass sie damit eine offene Diskussion herbeiführen wollte. Ein riskanter Schritt mit ungewissem Ausgang.

Kippt die CDU nach rechts?

Das ist nicht ausgeschlossen. Wir erleben einen offenen Kampf der Lager innerhalb der Partei – ein Kampf, der schon lange schwelte und der irgendwann aufbrechen musste. Die Beziehung zwischen Zentrale und vor allem den ostdeutschen Landesverbänden ist seit 2015 gestört. Die Politik der offenen Tür hat viele Wähler vergrault. Und da grummelte es in den Kapillaren der Partei und den Ausbruch sehen wir jetzt. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass nun ein ostdeutsches Bundesland den Gärungsprozess beschleunigt hat. Es sind viele Fragen zu klären: Wie ist das mit der Werteunion? Ist sie ein legitimer Teil der CDU oder steht sie schon so weit rechts, dass sie für konservative Menschen aus der Mitte nicht mehr tragbar ist? Man kommt um ein paar unbequeme Fragen nicht herum. Wie macht man Politik in einem Teil des Landes, in dem die Problemlagen sehr viel zugespitzter sind, als im Westen? Kann man möglicherweise hier und da einen Brückenschlag zu einer Partei versuchen, die jeden vierten Wähler hinter sich hat?

So argumentieren auch viele Menschen in Thüringen. Sie sagen: Es geht doch nicht, dass die AfD so gebasht wird. Andererseits ist die AfD eine rechtsextreme, völkische Partei, die keine verantwortungsbewusste Politik machen will, sondern die Institutionen zerstören. Ist das den Wählern egal?

Wir stecken da in einer Zwangslage, für die es auch kein Patentrezept gibt. Ich habe keine Sympathien für die AfD, die in Thüringen besonders unappetitlich ist. Aber ich will auf ein Problem hinweisen: Wenn sich alle zusammentun, um die AfD zu verhindern, dann führt das bei den AfD-Wählern und –Sympathisanten doch zu einer Verhärtung. Und sie wählen dann erst recht AfD.

Wie gefährlich ist die Lage jetzt für die Demokratie?

Soweit würde ich nicht gehen, die Demokratie in Gefahr zu erklären, das ist eine Überreaktion. Aber die Lage ist problematisch. Man sieht, dass die kulturellen und politischen Selbstverständlichkeiten der alten Bundesrepublik generell zur Disposition stehen. Der entscheidende Punkt ist: Wie gehen wir mit sozialen Realitäten um? Wie gehen wir mit der beachtlichen Ungleichverteilung zwischen Chancen und Lebensmöglichkeiten um, der daraus erwachsenden Verunsicherung und Verbitterung? Es wäre wünschenswert, wenn diese Krise zu einer stärkeren Fokussierung auf die Probleme führt. Wie wird man der Wirklichkeit so gerecht, dass man Menschen, die empört sind, die verbittert sind, die wütend sind, die Dinge tun, von denen sie glauben, dass sie zur besseren Wahrnehmung führen, wie kommt man mit denen wieder ins Gespräch?

Zur Person

Wolfgang Engler wurde 1952 in Dresden geboren. Promotion 1981, Habilitation 1989, lehrt seit 1981 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch und amtierte von 2005 bis 2017 als deren Rektor. 1999 veröffentlichte er das Buch „Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land“, eine der ersten umfassenden Analysen zur ostdeutschen Gesellschaft. Zuletzt erschien der Gesprächsband mit der Journalistin Jana Hensel „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“.