Soziologen: „Querdenker haben grundlegende Zweifel an der Realität kultiviert“

Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger haben die Querdenker-Szene von Anfang an begleitet. Im Interview erklären sie, warum viele nicht mehr zurück können.

Oliver Nachtwey, deutscher Soziologe, geb. 1975, und Carolin Amlinger, deutsche Literatursoziologin, geb. 1984 
Oliver Nachtwey, deutscher Soziologe, geb. 1975, und Carolin Amlinger, deutsche Literatursoziologin, geb. 1984 www.juergen-bauer.com

„Libertären Autoritarismus“ nennen die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey die Denkweise der Querdenker – auf den ersten Blick ein Paradox. Noch 2016 analysierte Nachtwey in seinem Bestseller „Die Abstiegsgesellschaft“ eine Bundesrepublik, die ihre eigenen Versprechen nicht mehr halten kann.

Amlinger legte 2021 mit „Schreiben“ eine Untersuchung der Arbeitsbedingungen von Schriftstellern vor. Seit den Anfängen der sogenannten Querdenken-Bewegung 2020 haben sie die Szene gemeinsam beobachtet. Mit „Gekränkte Freiheit“ erscheint nun ihre umfassende Analyse einer neuen, gefährlichen Weltanschauung.

Frau Amlinger, Herr Nachtwey, die Proteste gegen Corona-Maßnahmen waren geprägt von einem Beharren auf Freiheit und Autonomie, eigentlich also anti-autoritären Werten. Sie analysieren die Querdenker-Szene dennoch als „libertäre Autoritäre“. Was macht dort den autoritären Charakter aus?

Carolin Amlinger: Die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, würden sich selbst nicht als Rechte oder Autoritäre bezeichnen. Oft wurden sie links oder liberal sozialisiert, Selbstverwirklichung und Kosmopolitismus sind wichtige Werte für sie. Mittlerweile tragen sie jedoch ein so absolutes Freiheitsverständnis vor, dass wir einen Drift ins Autoritäre beobachten können. Wir sehen aber keine Identifikation mit einem starken Führer wie beim klassischen Autoritären. Es gibt auch keinen Hang zu konventionellen Werten. Was wir aber gefunden haben, ist autoritäre Aggression gegenüber Personen und Institutionen, die angeblich ihre individuellen Freiheitsrechte missachten.

Aus welchen Milieus stammen diese libertären Autoritären? Sind das alles abgehängte Arbeiter?

Oliver Nachtwey: Eben nicht. In unseren Untersuchungen sind wir fast gar nicht auf Arbeiter, sondern auf Personen aus der modernen Mitte gestoßen. Wenig Industrie- oder Facharbeiter, dafür viele Angestellte und Selbständige, Menschen mit höherer Qualifikation. Wir haben nicht den klassischen Konservativen gefunden, der auch mal zu autoritären Ideen neigt, sondern Leute, die von progressiven Ideen kommen und über die politische Dynamik dann immer schneller nach rechts gehen. Das meinen wir, wenn wir von „Drift“ sprechen.

Wie kam es, dass der Staat in diesem Milieu schnell zu einer Hassfigur wurde?

Oliver Nachtwey: Es gibt erhebliche Klassenunterschiede in der Art, wie man den Staat vorher erlebt hat. Man sieht das zum Beispiel am Hartz-IV-Empfänger: Wer in Deutschland Transferzahlungen bezogen hat, der hat unmittelbare Erfahrungen mit dem Staat gemacht. Man musste sein Privatleben bis ins Badezimmer, bis zur Zahnbürste offenbaren und konnte sanktioniert werden, wenn man sich dem nicht gefügt hat.

Carolin Amlinger: Für die unteren Klassen und Arbeiter hat der Staat immer schon stark in das Alltagsleben hineindirigiert. Für jene Milieus, die auf Selbstverwirklichung und Autonomie zielen, war der Staat hingegen immer Garant ihrer Freiheit. Er war also nicht als disziplinierende Instanz präsent.

Oliver Nachtwey: Die Leute in unserer Untersuchung haben eigentlich immer vom Staat profitiert. Man hatte gute Straßen, eine gute Bildung und generell eine Gesellschaft, die funktioniert. Aber weil diese Gesellschaft funktioniert hat, blieb sie unsichtbar und wurde als selbstverständlich hingenommen.

Carolin Amlinger: Und in der Pandemie waren plötzlich auch diese Milieus mit Staatsinterventionen konfrontiert, die sie vorher nicht kannten.

Oliver Nachtwey: Durch die vorherige Unsichtbarkeit des Staates haben gerade diese Menschen vergessen, dass sie abhängig sind vom Rest der Gesellschaft. Jetzt nehmen sie Freiheit als etwas Absolutes, das ihnen persönlich gehört und verdrängen, dass diese Freiheit soziale Voraussetzungen hat. Jemand aus der oberen Mittelschicht begegnet dem Staat fast nie oder höchstens mal, wenn er die Kinder in der Schule anmeldet oder in eine Verkehrskontrolle kommt. Nur bei der Steuer ärgert man sich jedes Jahr. Aber da kommt nicht das Jugendamt oder das Sozialamt vorbei. Da gibt es keine Sanktionierung. Den Staat haben sie vorher als Enabler, nicht als Eingreifenden wahrgenommen. Jetzt haben diese Leute plötzlich gesehen: Der kann auch anders. Und das waren sie nicht gewohnt.

Werden wir also zu Bürgern, die nicht mehr mit Krisen umgehen können, die nur der Staat lösen kann? 

Oliver Nachtwey: Der Kapitalismus erzeugt diese Krisen. Auch die Pandemie ist eine Folge der Globalisierung. Wenn man sich die Geschwindigkeit ihrer Verbreitung anschaut, lag das daran, dass die Welt so eng vernetzt ist. Der Staat hat immer eine Doppelfunktion: Er muss die Wirtschaft am Laufen halten, aber dafür auch Regeln setzen. Das auch das nötig ist, haben viele verdrängt. Die Wahrnehmung lautet jetzt, dass er sich gegen eine Gruppe richtet, die immer wahnsinnig vom Staat profitiert hat. Und vor allem in dem Sinn, dass sie konkret wenig mit ihm zu tun hatte.

Carolin Amlinger: Krisen erscheinen so nicht mehr als gesellschaftliche Konflikte, sondern als individuelle Angelegenheiten. Dieses, wie wir es angelehnt an den ungarischen Philosophen Georg Lukács nennen, verdinglichte Bewusstsein der eigenen Situation sorgt dafür, dass man nicht mehr so leicht in Zusammenhängen denken kann. Alles erscheint fragmentiert: Energiekrise, Klimakrise, Pandemie. Die Proteste, die wir beobachtet haben, wehren die Gesellschaft als solche – teilweise eben autoritär – ab und verdrängen die eigene Verstrickung in ihr.

Zu den Personen
Carolin Amlinger, geboren 1984, ist Literatursoziologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Departement Sprach- und Literaturwissenschaft der Universität Basel.
Oliver Nachtwey, geboren 1975, ist Soziologe und Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel.

Damit einher geht die Vorstellung, dass Krisen nur durch Verschwörungen erklärbar seien. Aber auch wenn man vernünftig über das isolierte Bewusstsein hinausgehen will, muss man doch Zusammenhänge erkennen und Verantwortliche benennen. Wie unterscheidet sich das Verschwörungsdenken davon?

Carolin Amlinger: Letztlich geht das Verschwörungsdenken von einem ähnlichen Punkt aus wie klassische Formen der Gesellschaftskritik: Am Anfang steht die Vorstellung, dass sich hinter der oberflächlichen Realität noch tiefere, im Alltag nicht unmittelbar sichtbare Herrschaftsstrukturen verbergen. Der Unterschied ist, dass es im Verschwörungsdenken immer intentionale Akteure gibt, die das Geschehen im Hintergrund lenken. Statt diese Akteure dann in gesellschaftlichen Prozessen zu denken, werden sie als einzelne, oft antisemitisch codierte Figuren gedacht. Da sieht man die Gesellschaftsvergessenheit: Einzelne Figuren initiieren Krisen, nicht unsere Gesellschaft.

Oliver Nachtwey: Verschwörungstheorien funktionieren auch deshalb gut, weil es historisch tatsächlich Verschwörungen gab. In der Regel ist die sparsamste und naheliegendste Erklärung die korrekte. Die Verschwörungstheorien kennen hingegen keine zu hohe Komplexität: Demnach wurde das Coronavirus von ein paar Akteuren mit bösen Absichten in die Welt gebracht, um die große Umvolkung zu beginnen. Dass es das Coronavirus gab, lag in Wirklichkeit am Vordringen der kapitalistischen Zivilisation in die bisher unberührte Natur. Im Verschwörungsdenken wird die Basis von sozialen Dynamiken auf geheime Machenschaften zurückgeführt. Wir nennen das eine ver-rückte Gesellschaftskritik – mit Bindestrich –, weil es nicht einfach pathologisch ist, sondern weil es eine im Ansatz legitime Gesellschaftskritik aus der Bahn trägt.

Dazu kommt eine Maßlosigkeit der Kritik. Sie zitieren in Ihrem Buch einen Herrn Hoffmann, der das Tragen der Maske als „neuen Hitlergruß“ bezeichnet. Warum fällt es den Menschen so schwer, ihre Kritik im richtigen Maß zu formulieren?

Oliver Nachtwey: Wenn Sie mit dem Staat häufiger konfrontiert waren, dann haben Sie zwar auch eine Wut auf ihn, aber Sie können die Härte der Maßnahmen gut einordnen. In der Mittelschicht trafen die Maßnahmen aber auf totale Erfahrungslosigkeit. Früher gab es außerdem viele Institutionen, die negative Affekte zwar haben gelten lassen, sie dann aber auch wieder in Bahnen einer regulierten Kritik geführt haben. Als Soziologe habe ich eine etwas andere Sicht auf den Stammtisch, als er gemeinhin in der Öffentlichkeit gesehen wird. Er ist eine soziale Form, in der Affekte ausgetragen werden, wo soziale Kontrolle aber auch eine Abkühlung bewirkt.

Der Stammtisch ist ja eher zum Sinnbild einer aggressiven Wut geworden. Wie kann man sich diese Kontrolle genau vorstellen?

Oliver Nachtwey: Diese Vorstellung ist natürlich nicht unberechtigt. Denn beim Stammtisch konnte man auf den Tisch hauen, sich über Minderheiten auslassen und gegenseitig in seinem Ressentiment bestätigen. Aber irgendwann hat der Wirt oder Kollege am Nachbartisch gesagt: „So, jetzt reicht's mal!“, und dann ist man angetrunken nach Hause gegangen. Jetzt haben wir atomisierte Individuen, die solche Formen der Öffentlichkeit nicht mehr haben. Stattdessen gibt es Orte wie Twitter, die grenzenlose Affektbestätigung betreiben. Da gibt es keine Abkühlung oder soziale Kontrolle.

Carolin Amlinger: Natürlich treffen Menschen auch dort auf Kritik, teilweise auf harte Kritik. Aber die führt nicht zur Reflexion des eigenen Standpunktes, durch die man etwa auf die Idee käme, dass der Diktaturvergleich nicht ganz so angebracht ist. Wir haben eher beobachtet, dass es zur Radikalisierung beiträgt, wenn man die Menschen bei Querdenken-Protesten als krude Verschwörungstheoretiker abtut. Wir nennen das eine projektive Gegenidentifikation, also: „Wenn ihr mich Verschwörungstheoretiker nennt, dann bin ich halt einer. Wenn ihr mich Nazi nennt, dann bin ich halt Nazi.“ Dadurch, dass sich die Reihen so schnell geschlossen haben, wurde diesen Menschen auch der Weg zu einer rationalen Form der Kritik versperrt.

Autoritäre Stammtisch-Besucher zeichnen sich durch soziale Härte aus. Währenddessen verstehen sich die atomisierten Querdenker als empathisch und vernetzt. Wie passt die Atomisierung der Individuen mit diesem Selbstverständnis zusammen?

Oliver Nachtwey: Im Konflikt um die Corona-Maßnahmen haben sich Menschen, die ohnehin hochindividualistisch veranlagt waren, vereinzelt und ohnmächtig gefühlt. Wir haben beobachten können, dass viele von ihnen durch ihre Radikalisierung Freunde verloren haben. Vereinzelung heißt aber nicht zwangsläufig, dass man allein ist. Man kann sich auch in Gemeinschaft vereinzeln. Viele haben sich dann nämlich eine Leidensgemeinschaft von Gleichgesinnten gesucht, die sie aber in ihren Ansichten immer weiter bestärkt haben.

Carolin Amlinger: Das Entscheidende ist, dass diese „Misstrauensgemeinschaften“, wie sie der Historiker Sven Reichardt nennt, nach innen politisch indifferent sind. Dem Außen begegnen sie zwar mit generalisiertem Misstrauen, nach innen herrscht aber ein absolutes Vertrauen. Bei den Querdenken-Protesten wurde diese Imagination der Einheit immer heraufbeschworen und dadurch wurden Rechte in den eigenen Reihen geduldet. Und diese politische Indifferenz wird natürlich gefährlich, wenn sich am Ende Rechte und Linke zusammen mobilisieren.

Gerade scheint es eher so, dass Querdenker mit der Pandemie aus dem öffentlichen Diskurs verschwinden. Haben sie sich ins Private zurückgezogen? Oder müssen wir damit rechnen, dass sie sich neue Themen suchen?

Oliver Nachtwey: Ihr Generalverdacht gegen das vermeintlich „linksliberale Establishment“ ist nicht gesunken, sondern gestiegen. Viele Querdenker sehen sich wirklich in einer diktaturähnlichen Situation, in der das linksliberale Establishment die Macht an sich gerissen hat. Sie hatten immer den Eindruck, dass ihre Interessen in der Gesellschaft sehr stark vertreten sind und jetzt wird scheinbar gegen ihre Interessen regiert. Deshalb sagen sie: „Das kann nur eine Diktatur sein.“ Aus der Diktatur leiten sie auch dieses wahnsinnige Widerstandsrecht ab.

Carolin Amlinger: Die Querdenker haben insgesamt einen grundlegenden Zweifel über die Beschaffenheit der Realität kultiviert, der sich radikalisiert und verselbständigt hat. Dieses generelle Misstrauen findet so immer wieder neue Themen, neue Objekte und stellt am Ende die Realität als solche infrage. Deshalb kann man daran zweifeln, dass die ehemaligen Querdenker wieder in die Bahnen einer emanzipatorischen Gesellschaftskritik zurückfinden.

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de