Berlin - In der DDR wurden Suiziddaten erhoben, aber streng geheim gehalten. Nach der Wende galten diese Statistiken als verloren. Die Soziologin Ellen von den Driesch machte sich für ihre Doktorarbeit auf die Suche danach. In alten Kartons beim Bundesarchiv stieß sie auf vergilbte Tabellen mit Todesstatistiken. Sie wühlte weiter, bis sie immer mehr Akten fand. Sie hat das Material rekonstruiert, ausgewertet und erstmals veröffentlicht. Demnach wurden zwischen 1952 und 1990 über 204.000 Suizide registriert, das war europaweit Spitze. Im Schnitt war die Selbstmordrate anderthalb bis doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik. Doch warum das so war, darum ranken sich viele Mythen.

Frau von den Driesch, wie sind Sie darauf gekommen, sich mit den Selbstmorden in der DDR zu befassen?

Ich habe eher durch Zufall erfahren, dass die DDR-Behörden die sehr hohen Suizidraten seit den sechziger Jahren unter Verschluss gehalten hatten. Ich habe dann naiv gedacht: Die müssen doch irgendwo zu finden sein. Bei der Recherche stieß ich auf einen Artikel eines Wissenschaftlers aus der DDR, der sich mit Suiziden beschäftigt hat. Dem Wissenschaftler wurden Mitte der neunziger Jahre anonym Tabellen der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik zugespielt. Als ich ihn traf, berichtete er, dass das vor allem Tabellen zu Suiziden geordnet nach Geschlecht und Alter waren. Das fand ich interessant, aber mich haben die Unterschiede innerhalb des Landes interessiert. Wie hoch waren die Suizide nach Bezirken? Er verwies mich aufs Bundesarchiv.

Was fanden Sie im Bundesarchiv vor?

Ich habe nach und nach die regionalen Statistiken finden können. Aber das war etwas abenteuerlich. Die Originalakten waren nach dem Ende der DDR ins Robert-Koch-Institut geliefert worden, manches ist auch gestohlen und vernichtet worden. Da lagen sie auf dem Speicher, man hat sich damit nicht weiter beschäftigt. Nach und nach wurden die Daten dann ins Bundesarchiv übergeben. Dort wurde alles so abgelegt, wie es in den Kartons gefunden wurde. Das war zum Teil ganz durcheinander. Die Todesursachenstatistiken lagen teilweise zwischen Akten zum Bildungswesen.

Wer wusste in der DDR über die hohen Suizidraten Bescheid?

In der DDR waren die Informationen bis 1961 verfügbar. Bis in die siebziger Jahre hatten die Wissenschaftler Zugriff auf die Daten, aber die dazu angefertigten Arbeiten wurden wie die Statistiken unter Verschluss gehalten. Nur der Ministerpräsident und Gesundheitsminister wussten Bescheid.

Die Suizidrate in der DDR war durchschnittlich anderthalb bis doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik. Das wurde auch als ideologische Waffe benutzt, um zu zeigen, wie repressiv die Politik war. Sie schreiben, dass diese Argumentation zu kurz greift. Das müssen Sie uns erklären.

Diese Art der spekulativen Berichterstattung gab es auf beiden Seiten. Auch in der DDR gab es Berichte, die behaupteten, dass die BRD die internationale Suizid-Statistik anführen würde. Das stimmte aber nicht. Im Spiegel gab es Anfang der 1960er-Jahre einen Artikel, der die hohen Suizidraten in der DDR als „Index des Grauens“ bezeichnete, der direkt Walter Ulbricht zuzuschreiben sei. Die genauen Zahlen kannte der Spiegel aber zu diesem Zeitpunkt auch nicht, weil die damals nicht mehr veröffentlicht wurden. Es gab auch ganz viele Berichte über Suizide in Gefängnissen, da hat man sich aber auf Berichte von früheren Gefangenen berufen. Später zeigte sich dann, dass die Suizidrate in DDR-Gefängnissen niedriger war als in der BRD. Wegen der engmaschigen Überwachung.

Grafik: BLZ/Hecher, Quelle: Ellen von den Driesch, 2021: Unter Verschluss...Frankfurt/New York, Campus Verlag 

Was waren denn die Gründe für die hohen Suizidraten in der DDR?

Es gibt sehr starke regionale Unterschiede. In Thüringen und Sachsen wurden schon im 18. und 19. Jahrhundert sehr hohe Selbstmordraten registriert. Wenn man das salopp formulieren will, hat die Sowjetunion einfach Pech gehabt bei der Grenzziehung. In der DDR waren auch bestimmte Methoden möglich, die es in der Bundesrepublik nicht gab, wie Vergiftungen durch Hausgas. Nachdem es eine Umstellung des Hausgases gab, sind die Zahlen gesunken.

Sie stellen infrage, ob man die Raten in der DDR und der BRD überhaupt vergleichen kann. Warum?

In der DDR gab es zentrale und einheitliche Erhebungen, es wurde viel gesammelt, es gab ein zentrales Einwohnermeldeamt. Dadurch ergibt sich eine viel bessere Vergleichbarkeit, zudem wurde viel obduziert. Man kann davon ausgehen, dass die Daten sehr sauber erhoben wurden. In der Bundesrepublik gibt es föderale Erhebungen, jedes Bundesland macht seine eigenen Statistiken, es gibt sehr wenig Obduktionen. Und in der BRD wurden Suizide lange religiös problematisiert. Im Rheinland durfte ein Toter noch bis in die 90er-Jahre nicht auf einem christlichen Friedhof beerdigt werden, wenn er Suizid begangen hatte. Dadurch wird angenommen, dass es eine viel größere Verschleierung gab, um eine Ächtung von Angehörigen zu vermeiden.

Wie hat sich die Selbstmordrate im Laufe der DDR gewandelt?

Ich konnte sehen, dass es innerhalb des Landes sehr große Schwankungen gab. Es gibt Regionen wie Ost-Berlin, wo die Suizidraten zu Beginn sehr hoch waren, aber im Verlauf sanken. In Rostock, Schwerin und Brandenburg waren Suizidraten anfangs sehr niedrig, aber sie sind mit der Zeit immer höher geworden. In Leipzig waren sie auf überdurchschnittlichem Niveau stabil. Man sieht, dass es nicht allein auf die Demografie zurückzuführen ist. Ich konnte sehen, dass in Regionen, die starke Modernisierungen erfahren, die Suizidrate steigt.

Sie weisen nach, dass es einen Zusammenhang zwischen erhöhter Suizidrate und hoher Erwerbstätigkeit gibt. Erstaunlich.

Das Ergebnis ist tatsächlich sehr ungewöhnlich und regt zu weiterer Forschung an. Dazu müsste man aber noch mehr Daten erheben, um das genau zu erklären. Ich kann dazu nur spekulieren, dass es womöglich ein Übermaß an Integration gab, einen Mangel an Freiheit, was den Umfang und die Wahl der Berufstätigkeit angeht.

Und warum steigt die Zahl der Selbstmorde, wenn es mehr emanzipierte Frauen gibt?

Die Emanzipation von Frauen ist ein Hinweis auf eine moderne Gesellschaft, die sich unter anderem anhand der steigenden Frauenerwerbstätigkeit messen lässt. Meine Ergebnisse zeigen, dass Veränderungen, die moderne Gesellschaften ausmachen, mit höheren Suizidraten im Zusammenhang stehen. Dazu zählen neben der steigenden Frauenerwerbstätigkeit auch der medizinische Fortschritt, der steigende Wohnungsbau oder die Urbanisierung. Eine Erklärung hierfür ist, dass diese Umbrüche mit einer Anomie einhergehen, das heißt, Strukturen, an denen man sich bisher orientiert hat, ins Wanken geraten. Diese Ergebnisse sind nicht überraschend und spiegeln den internationalen Forschungsstand wider.

In Filmen und Bücher geht es meist eher um Suizide von jungen Menschen. Sie beschreiben, dass Suizide vor allem unter Älteren verbreitet sind.

Das ist einer der größten Mythen, dass mehr Junge Suizid begehen. Auch heute wird in Bezug auf die Folgen der Pandemie viel über depressive Jugendliche geredet – und die Alten dabei vergessen. Dabei sind sie viel stärker gefährdet. Seit jeher steigen die Suizidraten mit zunehmendem Alter an. In der DDR gab es eine unverhältnismäßig hohe Zahl an Suiziden im Rentenalter. Die Abdeckung psychologischer Angebote war sehr schlecht in der DDR, die Bedingungen in Alten- und Pflegeheimen waren oft nicht so wünschenswert.

Sophie Kirchner
Ellen von den Driesch

Wie hat sich die Selbstmordrate nach 1989 entwickelt?

In der Nachwendezeit hat sich das Suizidverhalten bei Frauen und Männern angeglichen. Das kann damit zusammenhängen, dass es eine Hoffnung gab. Aber ich habe die Nachwendezeit nicht mehr untersucht. Nach dem Beitritt der DDR wurde die Erhebungsmethodik der BRD übernommen und dadurch ist ein direkter Vergleich nicht mehr möglich. Jedes Bundesland hat seine eigenen Totenscheine, es gibt keine einheitliche Erhebung der Todesursachen und geringere Obduktionszahlen.

Bei den Geburten gab es einen starken Knick nach 1990. Kann es sein, dass es umgekehrt einen starken Anstieg der Suizide gab?

Die Suizidraten gingen schon in den achtziger Jahren in der DDR zurück und schrumpften dann weiter. Die Unterschiede zwischen Ost und West waren nicht mehr so groß.

Was kann man aus den Erfahrungen der DDR lernen?

Ich würde mir wünschen, dass der Suizid eine größere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommt. Suizide fordern in allen Teilen Deutschlands seit Jahren mehr als doppelt so viele Todesopfer wie der Straßenverkehr, Gewalttaten und HIV zusammen. Es muss mehr Geld in die Prävention gesteckt werden. Immer, wenn es Modernisierung und Umbrüche gibt, steigen die Suizidzahlen; das ist etwas, was auch die Zahlen der DDR zeigen. Und da wir heute auch mitten in einer Transformation stecken, sollte man sensibilisiert sein und niedrigschwellige Angeboten machen. Nicht nur für junge Menschen, für die gesamte Bevölkerung.

Das Gespräch führte Sabine Rennefanz.

Zur Person: Ellen von den Driesch wurde 1986 in Haan (Nordrhein-Westfalen) geboren. Sie studierte in Marburg und Rostock BWL, Sozialwissenschaften und Demographie, promovierte an der Universität Potsdam. Derzeit ist sie am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung tätig und Gastwissenschaftlerin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Ihr Buch „Unter Verschluss: Eine Geschichte des Suizids in der DDR 1952-1990“ ist im Campus Verlag erschienen.

Hilfe-Nummern

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de.

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischer, regionaler, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de