Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit, bewertet die derzeit hohe Nachfrage nach Grippeschutzimpfungen als „ermutigendes Zeichen“.
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BerlinBundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wirbt für die Grippeschutzimpfung. Vor dem Hintergrund steigender Coronafälle sei eine hohe Impfquote besonders wichtig, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern.

Seinen Impfappell richtete Spahn während der Bundespressekonferenz am Mittwoch an die, denen die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Impfung empfiehlt. Demnach sollten sich Menschen, die ein erhöhtes Risiko schwerer Influenza- oder Covid-19-Verläufe haben, impfen lassen, also Über-60-Jährige, Mitarbeiter des Gesundheitswesens und Schwangere. „Auch wer durch seinen Beruf viel Kontakt mit anderen Menschen hat, sollte das tun“, sagte der Minister. Dazu zählt Spahn neben Erziehern oder Lehrern auch Mitarbeiter des ÖPNV. Im August sprach der Minister noch eine Impfempfehlung für alle Menschen aus: „Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun.“ Diesen Satz wiederholte er am Mittwoch nicht. Er selbst habe sich erst kurz vor der Pressekonferenz in der Charité gegen die Grippe impfen lassen.

Die Grippeschutzimpfung verhindert jährlich 400.000 Fälle

Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, mahnte in der Bundespressekonferenz, die Gefahr, die von der Grippe ausgeht, nicht zu unterschätzen und verwies auf die Grippewelle 2017/2018. „Das war die schwerste Welle seit 20 Jahren, damals mussten rund 60.000 Menschen zur Behandlung ins Krankenhaus, 25.000 sind gestorben.“ Die Impfung sei ein mächtiges Instrument im Kampf gegen die Grippe, denn sie verhindere jährlich rund 400.000 Fälle. Wie schwer eine Grippewelle werde, könne jedoch niemand prognostizieren, auch wenn der Blick auf den globalen Süden Mut mache. In Ländern wie Australien oder Neuseeland sei die Grippewelle aufgrund der Coronamaßnahmen praktisch ausgefallen.

In den vergangen zehn Jahren ist die Nachfrage nach Grippeschutzimpfungen hierzulande laut Zahlen der Stiko kontinuierlich zurückgegangen. Nur rund ein Drittel der zur Risikogruppe gehörenden Personen ließen sich impfen. Auch bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen lag die Impfquote laut Spahn in der Vergangenheit nur bei 30 bis 40 Prozent.

Dieser Trend kehrt sich nun im Zuge der Corona-Pandemie um. Die aktuell hohe Nachfrage nach Grippeschutzimpfungen ist laut Spahn ein „ermutigendes Zeichen“. „Derzeit planen laut Umfragen 55 Prozent der Risikogruppe, sich impfen zu lassen. Wir können sie nur ermutigen, dies auch zu tun“, sagte Doris Pfeiffer, Vorsitzende des GKV-Spitzenverbands am Mittwoch. In einigen Regionen Deutschlands ist es dieses Jahr sogar erstmals möglich, sich in einer Apotheke impfen zu lassen, was den Menschen den Zugang zu einer Impfung erleichtere. „Das Modellprojekt wird sehr gut angenommen.“

Sechs Millionen Impfdosen vernichtet

Allerdings stehen nicht für alle, denen die Stiko eine Impfung empfiehlt, genügend Impfdosen zur Verfügung. Die Kommission rechnet in einem solchen Fall mit einem Bedarf von 40 Millionen Dosen. Tatsächlich möglich sind jedoch nur 26 Millionen Impfungen. Vor diesem Hintergrund lehnt die Stiko eine Ausweitung der Impfempfehlung auf die gesamte Bevölkerung ab, da so Risikogruppen nicht ausreichend versorgt werden könnten.

Mit Blick auf die Erfahrung der vergangenen Jahre sei jedoch nicht davon auszugehen, dass der Impfstoff knapp werde. „In den letzten Jahren konnten vier bis sechs Millionen Impfdosen nicht verimpft werden und wurden daher vernichtet“, sagte Spahn. Dass einigen Arztpraxen derzeit keine Impfdosen zur Verfügung stehen, sei nicht auf einen Versorgungsengpass zurückzuführen. Die Dosen würden erst nach und nach freigegeben. Lokale und zeitlich begrenzte Lieferengpässe seien die Folge. Eine Grippeschutzimpfung ergebe allerdings nicht nur im Oktober, sondern auch im November oder Dezember noch Sinn. Denn die Grippewelle beginnt in der Regel erst um Silvester herum.