Madrid - Solche Bilder muss man aushalten können: An diesem Wochenende veröffentlichte das spanische Netzportal aplausos.es das Foto eines von oben bis unten aufgeschlitzten und wieder zusammengeflickten Arms. Der Arm gehört dem Matador David Galván. Er erholt sich gerade in einem Krankenhaus von seinen schweren Verletzungen, die ihm vor drei Wochen ein Stier in der Arena im andalusischen Jaén beibrachte. Galván hatte sich in den Sand gekniet, um den letzten Stier an diesem Nachmittag zu empfangen. Das Tier rannte auf ihn zu, rammte ihm sein Horn in den rechten Arm und zerrte ihn, am Horn hängend, über den Platz.

Szenen wie die in Jaén zeigen, worum es bei der Tauromaquia geht: Ein Torero begibt sich in Todesgefahr – und kommt gewöhnlich aber doch nicht um. Tauramaquia wird ins Deutsche mit „Stierkampfkunst“ übersetzt, aber das ist ein irreführender Begriff: Der Torero kämpft nämlich nicht mit dem Stier, er tötet ihn nach einem klar festgelegten Ritual.

Dabei setzt er sein eigenes Leben aufs Spiel, was dem Ganzen seine Spannung gibt. Die Aficionados, die Freunde der Tauromaquia, kommen nicht in die Arena, um einem Kampf von Gleich und Gleich beizuwohnen. Sie wollen sehen, wie der Torero den Stier, der ihm auf den ersten Blick an Kraft und Gefährlichkeit überlegen ist, dominiert und schließlich mit einem gekonnten Degenstoß tötet.

Die Tauramaquia gehört zu Spanien wie der Karneval zu Köln, aber das atavistische Spektakel interessiert die Spanier immer weniger. Immer wieder bleiben die Ränge der Stierkampfarenen leer. Im Jahr 2008 fanden in ganz Spanien noch 3 295 Stierkampfveranstaltungen statt, im vergangenen Jahr waren es nur noch knapp 2000. „Die Dinge laufen nicht gut“, sagt Mariano Aguirre, Präsident des Königlichen Stierkampfbundes Spaniens. „Viele Leute können nicht zu den Stieren gehen, aber das ist logisch. Wenn man sich zwischen einem Stierkampf und dem Brot für die Kinder entscheiden muss. Natürlich entscheidet man sich für das Brot der Kinder.“

Aus Aguirres Sicht ist also allein die schwere Wirtschaftskrise für das abnehmende Interesse an der Tauromaquia verantwortlich. Kinos und Theater leiden in diesen Jahren genauso unter Besucherschwund, wie die Stierkampfarenen. Doch im Falle der Tauromaquia gibt es eine schon länger andauernde Tendenz der allmählichen Entfremdung. Nach einer Umfragenreihe von ICSA-Gallup interessierten sich 1977 noch 17 Prozent der Spanier sehr für den Stierkampf und 54 Prozent überhaupt nicht. 30 Jahre später war die Zahl der überzeugten Aficionadas auf sieben Prozent geschrumft und die der völlig Desinterssierten auf 72 Prozent gestiegen.

Zum erlahmenden Interesse kommt politischer Druck von Tierschützern, die den rituellen Stiertod seit langem als „brutale Folter“ und „Mord“ geißeln. Im Sommer 2010 machte sich das Regionalparlament von Katalonien die Argumente der Tierschützer zu eigen und stimmte für das Verbot der Stierkämpfe auf katalanischem Boden ab Anfang 2012.

„Ein schwerer Schlag für das Ansehen Spaniens“

Dieses Verbot widerum rief die Freunde der Tauromaquia auf den Plan. Der katalanische Stierkampfverband sammelte fast 600.000 Unterschriften für ein Volksbegehren mit dem Ziel, den Stierkampf zum nationalen Kulturgut zu erklären. Die Initiative stieß bei Spaniens regierender konservativer Volkspartei auf offene Ohren. Nach der abschließenden Abstimmung im spanischen Senat in der vergangenen Woche gehört die Tauromaquia nun offiziell zum „historischen und kulturellen Erbe“ Spaniens.

„Ein schwerer Schlag für das Ansehen Spaniens in der Welt“, kommentierten mehrere internationale Tierschutzverbände nach dem Senatsbeschluss. Gegner und Befürworter des Stierkampfs stehen sich so unversöhnlich gegenüber wie Torero und Stier in der Arena. Während die Tauromaquia-Verbände die „historische Entscheidung“ des Parlaments bejubelten, beklagten die Tierschützer in einer gemeinsamen Erklärung den „zynischen und verzweifelten Versuch der Stierindustrie, die Zukunft eines Geschäftes im Niedergang zu sichern“. Die Tauromaquia sei „grausam und überholt“ und passe nicht in eine moderne Gesellschaft.

Die Aficionados lassen sich von solchen Worten nicht beeindrucken. Sie warten auf weitere Schritte der spanischen Regierung, vor allem auf den angekündigten Nationalen Plan zur Förderung der Tauromaquia. Die Erhebung des Stierkampfs zum spanischen Kulturerbe hat keinerlei praktischen Konsequenzen. Ein nationaler Förderplan, so hoffen die Befürworter, könnte statt moralischer etwas handfestere Unterstützung für die Tauromaquia bedeuten.