Völlig erschöpft sitzt ein Arzt vor dem Krankenhaus im spanischen Txagorritxu.
Foto: AP/dpa/Alvaro Barrientos

MadridZurzeit kann man nicht allgemein sagen, dass es einen Kollaps der spanischen Intensivstationen gibt“, sagt am Freitag der Arzt Pedro Rascado von der Universitätsklinik in Santiago de Compostela zur Nachrichtenagentur Efe. „Aber es gibt Krankenhäuser, die in einer komplizierten Lage sind.“

Die Lage wird täglich komplizierter. Die Zahlen vom Sonntag: Insgesamt 28.572 positiv Getestete. 1720 Tote. 1785 Patienten auf der Intensivstation. Die Zahl der Intensivpatienten ist an einem Tag um 173 gestiegen, die der Toten um 394.

Leitfaden für Entscheidungsfindung

Die Spanische Gesellschaft für Intensivmedizin Semicyuc hat einen ethischen Leitfaden für die Entscheidungsfindung in Ausnahmesituationen während der Covid-19-Krise herausgegeben. „Eine Person aufzunehmen kann bedeuten, einer anderen Person, die davon mehr profitieren würde, die Aufnahme zu verweigern“, steht darin. Das Prinzip „Wer zuerst kommt, wird zuerst behandelt“ müsse vermieden werden. Unter zwei ähnlichen Patienten müsse derjenige bevorzugt werden, der mehr gute – in der Fachsprache: qualitätskorrigierte – Lebensjahre vor sich habe.

Das gilt in jeder Krisensituation. In dieser Epidemie müssen solche Entscheidungen bald täglich, vielleicht stündlich getroffen werden. Wahrscheinlich werden sie jetzt schon getroffen.

Todesrate von 6 Prozent in Spanien

Die Zahl der Toten im Verhältnis zur Zahl der positiv Getesteten ist in Spanien besonders hoch. Die derzeitige Todesrate von 6 Prozent widerspricht allen Erwartungen. Der Hauptgrund ist die niedrige Zahl der durchgeführten Tests: Man weiß nicht, wie viele Menschen in Spanien wirklich infiziert sind. Mutmaßlich vielfach mehr als die bisher positiv Getesteten. Die Regierung verspricht seit Tagen, dass „in den kommenden Tagen“ mehr getestet werde.

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Dass so viele Menschen sterben ist aber auch Folge des jetzt schon überforderten Gesundheitssystems. Die Berichte aus den Krankenhäusern sind steinerweichend. „Ich habe nie etwas Ähnliches erlebt“, sagt ein Intensivmediziner aus der Madrider Vorstadt Getafe zu El País. „Wir kommen nicht mehr nach.“ María Antonia Estecha, Ärztin in einem Krankenhaus in Málaga, sagt: „Die Arbeit ist immens, erschöpfend, anstrengend. So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Eine Krankenschwester aus Madrid sagt: „Die Lage ist brutal. Wir kommen an unsere Grenzen. Wir stehen unter gewaltigem Stress. Und leben immer mit der Angst, uns anzustecken.“ Celia González, Anästhesistin aus Bilbao, sagt: „Das ist der Krieg, den unsere Generation erlebt.“ Unter den 28 572 positiv Getesteten in Spanien sind 3 475 Ärzte und Pfleger. Und sie machen noch allen anderen Mut. Ein Video, gedreht auf dem Flur der Intensivstation des Krankenhauses Gregorio Marañón, eines der größten Spaniens, macht die Runde. Die Gesundheitsarbeiter halten kleine Plakate in die Höhe, die zusammen den Text ergeben: „Wir danken euch für euern Zuspruch, den Beifall, dafür dass ihr zuhause bleibt. Wir geben weiter alles und pflegen eure Angehörigen. Eine Freundeshand wird ihnen nicht fehlen.“ Niemand darf die Kranken besuchen. Sie sterben ohne den Trost ihrer Angehörigen.

Notlazarett in Madrid

Auf dem Messegelände in Madrid wird am Sonntag ein Notlazarett in Betrieb genommen, das bis zu 5000 Patienten aufnehmen soll. Die Regierung kündigt an, 50.000 zusätzliche Ärzte und Pfleger zu aktivieren. Außerdem soll der bis zum kommenden Samstag geltende Alarmzustand um zwei weitere Wochen verlängern. Das kündigte die Regierung ebenfalls an. Dazu braucht sie die Zustimmung des Parlaments und wird sie auch bekommen. Niemand kann sich im Moment eine schnelle Rückkehr zur Normalität vorstellen.

Auf dem Messegelände in Madrid wird am Sonntag ein Notlazarett in Betrieb genommen, das bis zu 5000 Patienten aufnehmen soll.
Foto: Pacific Press Agency/imago images

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Die Regierung verlässt sich bei ihren Entscheidungen auf einen sechsköpfigen wissenschaftlichen Beirat. Von den sechs Ratgebern haben drei die Herausforderung lange kleingeredet. Eine von ihnen, die Seuchenforscherin Hermelinda Vanaclocha, sagte Anfang Februar: „Es gibt eine Epidemie der Angst, die wahrscheinlich bedeutender ist als die des Coronavirus.“

Das Vertrauen in die Regierung ist bei einem bedeutenden Teil der Bevölkerung angeschlagen. Oriol Mitjà, Spezialist für ansteckende Krankheiten, veröffentlichte am Samstag gemeinsam mit 70 anderen Seuchenexperten eine Petition, die seit einer Woche geltende Quarantäne zu verschärfen. In den hauptbetroffenen Regionen – Madrid, La Rioja, Navarra, Baskenland, den beiden Kastilien und Katalonien – sollte eine vollständige Ausgangssperre verhängt werden. Die bisher getroffenen Maßnahmen „werden nicht ausreichend sein, um den Kollaps des Gesundheitssystems zu verhindern“.