Grabkammern im neuen Forensik-Institut in Madrid, das wegen der massiven Zahl der Corona-Toten zum Leichenhaus umfunktioniert wurde.
Foto: dpa/Comunidad De Madrid/Europa Press

MadridWir sind auf eine ernsthafte Epidemie nicht vorbereitet“, sagte Bill Gates 2015. Eine Epidemie, die sich schneller ausbreite als Ebola, sei eine größere Gefahr für die Menschheit als ein Nuklearkrieg oder ein gewaltiges Erdbeben.

Lesen Sie unseren Corona-Newsblog

Die Wahrscheinlichkeit, dass er eine solche Epidemie miterlebe, schätzte der damals 59-Jährige auf „deutlich über 50 Prozent“. Angela Merkel sprach 2017 von der Gefahr einer „Epidemie an einem Ort der Welt, die sich dann vielleicht auch noch schnell ausbreitet“ und danach „die Wirtschaft der gesamten Welt in Mitleidenschaft ziehen kann“.

Spanien dient als Warnung

In Berlin eröffnete sie damals ein Treffen der G20-Gesundheitsminister: Man wollte „Gemeinsam Pandemien verhindern“. Mit dabei war die damalige spanische Gesundheitsministerin Dolors Montserrat. Froh verkündete sie, dass Spanien im Kampf gegen Epidemien „viel beizutragen hat“.

Der spanische Beitrag zum Kampf gegen die Covid-19-Epidemie besteht soweit darin, allen anderen als Warnung zu dienen, was geschieht, wenn die entscheidenden Leute vor der nahenden Gefahr die Augen verschließen. Nämlich das: Das Gesundheitssystem kollabiert. Die Ärzte müssen entscheiden, wen sie sterben und wen sie leben lassen, wenn sie nicht selber sterben. Im Madrider Eispalast stapeln sich die Särge, weil die Krematorien nicht mehr mithalten.
849 Verstorbene an einem Tag

Lesen Sie hier: Spanische Regierung fährt die Wirtschaft komplett herunter

Überfordertes Gesundheitssystem

Spanien steht seit gut zwei Wochen unter Totalquarantäne, um neue Ansteckungen zu verhindern. Weil es nicht genügend Tests gibt, ist nicht erkennbar, wie sich die Zahl der Infektionen entwickelt. Am Montag lag die Zahl der neu registrierten Toten erstmals leicht unter der des Vortags, am Dienstag wieder höher: 849 Verstorbene an einem Tag, macht insgesamt 8189.

Erst viel später wird man abschätzen können, wie viele Todesfälle der vergangenen Wochen noch nicht erfasst sind: Corona-Tote ebenso wie jene, die von einem überforderten Gesundheitssystem nicht mehr angemessen behandelt werden konnten.

Ein Forensik-Institut, das zum Leichenhaus umfunktioniert worden ist: Insgesamt starben in Spanien bislang 8189 Menschen am Coronavirus.
Foto: dpa/Europa Press/Comunidad de Madrid

Regierung hielt Bürgern Unvernunft vor

Die Chronik der angekündigten Katastrophe könnte am Abend des 27. Februar beginnen, als der erste Covid-19-Patient entdeckt worden war, von dem man nicht wusste, wo er sich angesteckt hatte, und Gesundheitsminister Salvador Illa in einem Fernsehinterview sagte: „Die Panikszenen, die wir sehen, haben keinerlei rationale Grundlage.“

Mit „Panikszenen“ meinte der Minister keine Menschenmassen, die Lebensmittelläden plündern oder auf der Flucht kleine Kinder niedertrampeln, sondern die von Bürgern, die sich in der Apotheke in die Schlange stellten, um Schutzmasken zu kaufen. Wer in jenen Tagen für schlimmere Tage vorsorgte, musste sich von der Regierung seine Unvernunft vorhalten lassen. Noch am 9. März, fünf Tage vor Ausrufung des Alarmzustands, versicherte Außenministerin Arancha González Laya, dass die Regierung weder „in Alarmismus noch in Übertreibungen“ verfallen werde.

Lesen Sie hier: Umstrittener Anti-Corona-„Winterschlaf“ in Spanien gestartet

Wiegen in Sicherheit

Am 23. Januar hatte China, mit damals 634 positiv Getesteten und 18 registrierten Toten, eine Totalquarantäne über Wuhan und vier andere Städte verhängt. Eine Woche später erklärte die Weltgesundheitsorganisation wegen der Covid-19-Epidemie den internationalen Gesundheitsnotstand. Einen Tag später entdeckte Spanien den ersten Infizierten, einen deutschen Touristen auf La Gomera. „Spanien wird nicht viel mehr als den einen oder anderen diagnostizierten Fall haben“, sagte Fernando Simón, Direktor des spanischen Koordinationszentrums für Sanitäre Notfälle, an jenem Tag.

Simón ist das Gesicht dieser Krise. Er ist kein Politiker, sondern ein Gesundheitsfunktionär, seit 2012 in seinem Amt. Aus Gründen, die nur er selber kennt, wiegte er die Spanier bei seinen täglichen Auftritten zur Coronavirus-Epidemie in Sicherheit. Mittlerweile ist er selbst infiziert.

Regierung blieb gelassen

Wochenlang konnte Simón kaum von neuen Fällen berichten, weil er nicht danach suchen ließ. „In Spanien gibt es weder ein Virus, noch wird die Krankheit übertragen,“ sagte Simón am 23. Februar. Zehn Tage vorher war der erste Spanier an den Folgen einer Coronavirus-Infektion gestorben, was am 3. März durch einen nachträglichen Test ans Licht kam. Am 24. Februar ließ Simón das Protokoll ändern, um Patienten mit verdächtiger Lungenentzündung auch dann auf das Virus untersuchen zu lassen, wenn sie nicht zuvor in China gewesen waren. So wurde am 27. Februar in Sevilla der erste Covid-19-Patient entdeckt, dessen Ansteckungsweg nicht mehr nachzuvollziehen war. Die Epidemie war nicht mehr unter Kontrolle. „Im Großteil des Landes ist das Risiko niedrig“, sagte Simón, in anderen Teilen sei es „mäßig“, „und es kann sogar hoch sein“.

Späte Schutzmaßnahmen

Die Regierung blieb gelassen, ihre größte Furcht waren Panik und Alarmismus. Sie rief die Spanier zur Teilnahme an den Demonstrationen zum internationalen Frauentag am 8. März auf, drei Ministerinnen infizierten sich (oder andere).

Am 13. März schließlich kündigte Ministerpräsident Pedro Sánchez für den nächsten Tag die Verhängung des Alarmzustandes an, was den Spaniern eine letzte Gelegenheit gab, durchs Land zu reisen und das Virus zu verteilen. Am ersten Tag der Totalquarantäne registrierte Spanien insgesamt 7754 Infizierte und 288 Tote, das waren jeweils etwa zehnmal so viele, wie China zu Beginn der drastischen Schutzmaßnahmen gemeldet hatte.