Die Empörungswelle schlug hoch, als der SPD-Ortsverein Essen-Karnap vorige Woche zu einer Demonstration gegen neue Flüchtlingsunterkünfte im Essener Norden aufrief. „Das schadet dem Ansehen der SPD insgesamt“, kritisierte NRW-Ministerpräsident Hannelore Kraft. Grüne und Linke rückten die Organisatoren in die Nähe der rechtspopulistischen AfD. „Kompletter Unsinn“, kontert nun SPD-Ortsvereinschef Stephan Duda (45) im Interview.

Herr Duda, Sie sind der Vorsitzende eines SPD-Ortsvereins im Ruhrgebiet mit 125 Mitgliedern. Am Wochenende haben Sie zu einer Demonstration gegen neue Flüchtlingsunterkünfte im Essener Norden aufgerufen. Seitdem stehen Sie im Scheinwerferlicht. Was ist das für ein Gefühl?

Das war anfangs erschreckend. Ich saß vor meinem Computer und sah, wie ich innerhalb von kurzer Zeit 93.000 Klicks auf meiner Facebook-Seite hatte. Ich bekomme Mails aus der ganzen Welt und werde in Zeitungen in Polen, Italien, Spanien und den Niederlanden zitiert.

Welchen Tenor haben die Reaktionen?

Das kommt aus allen Richtungen. Von jeder Gruppierung bin ich beschimpft worden – auch aus der eigenen Partei. Viele haben mich in die rechte Ecke gesteckt. Das war ein Shitstorm, aber es waren auch sehr viele positive Kommentare darunter - und zwar nicht von Rechtsextremisten.

Entschuldigung für Flyer

Ihr Flyer „Genug ist genug. Der Norden ist voll“ klang ziemlich fremdenfeindlich.

Ja, der Slogan war falsch. Das war unüberlegt und hätte mir nicht passieren dürfen. Ich kann mich dafür nur entschuldigen. Es hätte heißen müssen: Für eine gerechte Verteilung der künftigen Flüchtlingsstandorte in der Stadt Essen.

Viele halten Sie jetzt für einen AfD-Sympathisanten.

Das ist kompletter Unsinn. Ich bin Mitglied des Runden-Flüchtlings-Tischs in Essen-Karnap. Und ich bin 2012 in die SPD eingetreten, weil das definitiv meine Richtung ist. Von den rechten Parteien distanziere ich mich vehement.

Weshalb wehren Sie sich gegen neue Flüchtlingsunterkünfte?

Essen-Karnap ist eine ehemalige Bergarbeitersiedlung. Von den 7000 Einwohnern beziehen 35 Prozent Hartz IV, und 40 Prozent sind Migranten. Das gab nie Probleme. Rund 70 Meter Luftlinie von meinem Haus entfernt gibt es eine Zeltstadt für 650 Flüchtlinge. Da gehe ich als Flüchtlingshelfer ein und aus.

Was machen Sie da?

Ich organisiere im Flüchtlingslager zweimal die Woche ein Fußballtraining.

Und wo ist das Problem?

In Essen müssen neue Flüchtlingsunterkünfte gebaut werden. Auf dem Papier existieren dafür rund 300 Standorte. Aber nur 15 werden diskutiert. Dann bleiben sieben übrig – und von denen liegen sechs im strukturschwachen Norden. Wir reden hier über richtig große Flüchtlingsunterkünfte für insgesamt 2600 Menschen. Eine solche Ballung in einem sozial schwachen Gebiet finde ich falsch.

Weshalb?

Zunächst einmal bin ich generell gegen große Flüchtlingsunterkünfte. Und zwar als Sozialdemokrat. Da ich in der Flüchtlingshilfe tätig bin, sehe ich die Probleme: Das Zusammenleben verschiedener Kulturen auf engstem Raum ist extrem schwierig.

Was wäre die Alternative?

Wir brauchen viele Standorte, verteilt auf das ganze Stadtgebiet. Kleineren Gruppen kann man besser helfen. Es würde den Flüchtlingen ein etwas würdigeres Leben ermöglichen.

„Schade, dass Frau Kraft nicht mal hier herüberfährt“

Was stört Sie konkret an den geplanten Standorten?

Seit Jahrzehnten investiert man im Essener Norden, um die ehemalige Kohleregion attraktiver zu machen. Jetzt gibt es ein Prestigeprojekt: Unter dem Namen Marina Essen soll ein neues Hafenquartier mit 600 Arbeitsplätzen, hochwertiger Wohnbebauung und Yacht-Anlegestellen entstehen. Die Planungen stehen vor dem Abschluss. Aber genau auf diesem Gebiet sollen nun die Flüchtlingsunterkünfte entstehen. Damit wäre die Marina tot.

Wie ist denn die Stimmung in Ihrer Nachbarschaft?

Die sagen: Jetzt kriegen wir keine Boote. Stattdessen kommen noch mehr Flüchtlinge. Die Bürger fühlen sich verschaukelt. Dabei sind viele extrem für die Flüchtlinge engagiert und bieten vom Deutschunterricht über Nähkurse Unterstützung an. Wir helfen wirklich gerne. Aber man kann nicht immer noch eine Schippe drauflegen.

Sie sind von der SPD-Ministerpräsidentin Kraft scharf kritisiert worden. Hat Sie das getroffen?

Ich hätte mir gewünscht, dass sie direkt Kontakt zu mir aufnimmt, bevor Sie sich gegen mich wendet. Ein wenig Verständnis für die Bürger hätte ich erwartet.

Wie reagieren die Genossen in Karnap?

Die haben mir den Rücken gestärkt und gesagt: Mensch, mach bloß weiter! Viele sagen auch: Wir finden es schade, dass Frau Kraft nicht mal hier herüberfährt, um sich das anzugucken.

Und bleiben Sie in der SPD?

Darauf können Sie wetten. Und ich werde weiter für unsere Bürger und deren Anliegen da sein.

Das Interview führte Karl Doemens