Berlin - Die Demokratie und die Fußball-Bundesliga sind sich in einer Hinsicht sehr ähnlich. Die Sache ist spannender, wenn nicht alle den Eindruck haben, der Sieger stünde schon vorher fest. Ein offenes Rennen steigert das Interesse der Bürger an der politischen Auseinandersetzung – was, da diese von der Partizipation lebt, höchst begrüßenswert ist. Deshalb ist es gut, dass die SPD mit dem Kanzlerkandidaten und neuen Vorsitzenden Martin Schulz neue Kraft geschöpft hat.

Die Sozialdemokraten sind wie berauscht von der Aussicht, nach schwierigen Jahren womöglich eine Bundestagswahl gewinnen und den Kanzler zu stellen zu können. In diesem Licht ist das geradezu unglaubliche Ergebnis von 100 Prozent für Schulz bei der Wahl zum Vorsitzenden einer Partei zu verstehen, in der sonst immer gern noch jemand einen Einwand hat. Bislang hat Schulz, der nach eigenen Aussagen Sigmar Gabriel in Sachen Temperament sehr ähnlich ist, der Partei aber auch noch nichts zugemutet. Es wird spannend sein zu sehen, wie die Sozialdemokraten reagieren, wenn sich das einmal ändern sollte.

Kommt jetzt Teflon Martin?

Taktisch agiert Schulz sehr geschickt. Dadurch, dass er inhaltlich – von ausgewählten Ausnahmen wie dem Arbeitslosengeld Q – bislang nicht übermäßig konkret wird, kann er Projektionsfläche für alle möglichen und unmöglichen Wünsche sein, innerhalb wie außerhalb der Partei. Das ist eine alte Herangehensweise von Angela Merkel, mit der die Kanzlerin lange erfolgreich war. Kommt nach Teflon Merkel (die in der Flüchtlingskrise von der CSU schwer beschädigt wurde) nun Teflon Martin? Folgt auf Nüchternheit Pathos, während das Vage ein zentraler Eckpfeiler der politischen Kultur bleibt?

Das wäre schade. Und man sollte den Sozialdemokraten und ihrem neuen Parteichef bis zu ihrem Programmparteitag Ende Juni auch die Zeit geben zu überlegen, an welchen Stellen sie sich greifbar positionieren wollen. Schon vorab sei aber festgestellt: Nicht jede Taktik, mit der man gewinnen kann, ist gut für das Spiel. Unterm Strich ist es nur fair, wenn sich die Wähler vor ihrer Stimmabgabe ein möglichst umfassendes Bild machen können: von den Menschen, die das Volk in der Regierung vertreten wollen, aber auch von ihren konkreten politischen Vorhaben.