Bundesfinanzminister Olaf Scholz, SPD. 
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BerlinDie Kanzlerkandidatur des Sozialdemokraten Olaf Scholz, bisher Finanzminister, wird wahrscheinlicher. Mehrere SPD-Politiker beschreiben Scholz als kanzlerfähig. Dass sein Image wegen einer Verwicklung in den Wirecard-Skandal Schaden nimmt, glauben seine Genossen nicht.

Flügelübergreifendes Lob für den Vize-Kanzler

Der Vorsitzende des größten Landesverbands, Nordrhein-Westfalen, und Bundestagsabgeordnete Sebastian Hartmann erklärte bereits im Mai öffentlich den Vize-Kanzler als „logischen Kanzlerkandidaten“. Heute ist er nicht weniger überzeugt davon: „Angesichts der Vielzahl der positiven Äußerungen quer durch die Partei ist klar, dass Olaf Scholz ein guter und wahrscheinlicher Kanzlerkandidat ist. Er wird flügelübergreifend genannt und es gibt hohe Anerkennung für die gute Zusammenarbeit zwischen ihm und Norbert Walter-Borjans bezüglich des Konjunkturpakets“, lobt Hartmann im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Aus dem Wirecard-Skandal kann Scholz Hartmanns Auffassung nach nur gestärkt hervorgehen: „Heute sehen wir, dass Olaf Scholz einen effektiven Plan für eine verbesserte Finanzkontrolle vorgestellt hat. Da ist Olaf Scholz der richtige Mann für ein solch komplexes Problem.“

Zu der Vielzahl der Scholz-Anhänger gehört unter anderem die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer. „Olaf Scholz ist auf jeden Fall ein geeigneter Kandidat, das ist überhaupt gar keine Frage“, sagte Dreyer jüngst den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Scholz zeige seine Qualitäten derzeit auch bei der Aufarbeitung des Wirecard-Skandals. Er betreibe diesbezüglich „sehr intensiv Aufklärung“.

Der Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann positionierte sich gegenüber im Portal The Pioneer: „Bei den Schwierigkeiten, die die CDU erkennbar bei der Suche nach einem Kandidaten hat, könnte ich mir vorstellen, dass es nützlich wäre, sich auf eine Kandidatur von Olaf Scholz festzulegen.“ Fraktionsvize Achim Post sagte dem Portal, der richtige Kanzlerkandidat müsse „Regierungserfahrung und persönliche Integrität“ mit einem „klaren Blick für die Zukunft“ verbinden. Über diese Kanzlerkompetenzen verfüge Scholz zweifellos.

Stegner: Scholz macht guten Job in der Bundesregierung

Gute Chancen räumt auch Ralf Stegner, Fraktionsvorsitzender der SPD in Schleswig-Holstein, Scholz ein. „Dass die Debatte aufkommt, hat eine gewisse Logik. Er macht einen guten Job in der Bundesregierung. Und er hat auch gar nicht so schlechte Chancen. Denn viele Prozente der CDU, die wir momentan sehen, sind Merkel-Prozente“, sagte Stegner gegenüber der Berliner Zeitung. Während die SPD in den Umfragen bei circa 15 Prozent liegt, kommt die CDU auf 37 Prozent. Viele SPD-Politiker hoffen, dass der Merkel-Bonus nach dem Ende der Amtszeit der Kanzlerin auf ihren Vize-Kanzler Scholz übergeht.

Sollte Scholz aufgestellt werden, wird Stegner ihn unterstützen. „Wenn das so kommt, wünsche ich mir ein gutes Team aus Männern und Frauen, das sowohl die Breite der Partei abdeckt als auch die Temperamente, denn das hanseatische alleine bedarf sicherlich noch einer kleinen Ergänzung. Aber insgesamt sieht das dann nicht so schlecht aus.“

Die Sprecherin des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, Siemtje Möller, nannte den Vizekanzler „einen überzeugenden Kandidaten, der gemeinsam mit der Kanzlerin Deutschland besonnen und klug durch die Krise führt“.

Die Parteivorsitzenden der SPD, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, sollen nach der Sommerpause einen Kanzlerkandidaten präsentieren. Das Verfahren, in dem dieser dann gewählt wird, bestimmt ebenfalls das Spitzen-Duo.

Olaf Scholz

Der 62-Jährige stammt aus Osnabrück. Seine politische Karriere begann in Hamburg. Von 2007 bis 2009 bekleidete der Jurist das Amt des Bundesarbeitsministers, nachdem Franz Müntefering zurückgetreten war. Von 2011 bis 2018 war er Erster Bürgermeister der Hansestadt. Seit 2018 ist Olaf Scholz Vizekanzler und Bundesfinanzminister.