Berlin - Die Münder sind weit aufgerissen, es ist die eine oder andere Zahnlücke erkennbar. Ein Mädchen und ein Junge beugen sich weit nach vorn und sehen aus, als würden sie gerade kräftig Rabatz machen. Auf einem roten Quadrat steht in weißer Schrift: „Unsere Familienpolitik ist genauso: laut und fordernd.“ Natürlich darf auf dem riesigen Plakat auch der Hinweis auf den Slogan „Zeit für mehr Gerechtigkeit“ und die SPD nicht fehlen.

Das ist eines der Motive, mit denen in den kommenden Wochen die Kampagne des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz ins Laufen kommen soll. 24 Millionen Euro wird die Partei in diesem Wahlkampf ausgeben, verrät SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, der die Plakate gemeinsam mit Bundesgeschäftsführerin Juliane Seifert im Willy-Brandt-Haus in Berlin vorstellt. Er wisse, dass man in Umfragen bislang noch nicht die erhoffte Wechselstimmung feststellen könne, gibt Heil unumwunden zu. Und er ergänzt: „Es wäre ja auch komisch, wir sind ja bisher noch Teil der Regierung.“

Die Adventskalender-Taktik

Weihnachten ist fern. Dennoch lässt sich die Art und Weise, wie die SPD bislang in diesem Wahljahr um Aufmerksamkeit kämpft, am ehesten mit dem Prinzip eines Adventskalenders vergleichen. Dabei geht es darum, dass immer wieder etwas Neues präsentiert werden kann. Das begann mit dem Überraschungscoup im Januar, Martin Schulz als Kanzlerkandidaten zu nominieren. Dann folgten Präsentationen von immer neuen Teilen des Programms: von Familienpolitik über Bildung bis hin zu Fragen der inneren Sicherheit. Nachdem das gesamte Programm bereits verabschiedet war, stellte Schulz noch mal einen Deutschlandplan mit zusätzlichen Details vor. Eine Menge Stoff.

Nun also die Kampagne. Was die Plakate angeht, mit denen jetzt zunächst geworben werden soll, gilt: Es werden Menschen aus der normalen Bevölkerung gezeigt, wie sie bei den Auftritten von Martin Schulz in den vergangenen Monaten auch schon mal gern hinter dem Kandidaten als Kulisse platziert wurden. Junge Leute, die gebührenfreie Bildung wollen. Frauen, die gleiches Geld für gleiche Arbeit fordern. Klassische sozialdemokratische Botschaften. Aber sind sie zugespitzt genug, um die Kanzlerin in die Konfrontation zu zwingen? Das darf man bezweifeln. Kanzlerkandidat Schulz selbst soll übrigens erst in einer zweiten Phase in den Mittelpunkt der Plakatkampagne rücken.

Ein Plakat zur Flüchtlingspolitik präsentieren Heil und Seifert übrigens nicht. Dabei hat Schulz zuletzt versucht, die Kanzlerin auf genau diesem Gebiet anzugreifen. Ein Vorstoß, der viel Kritik fand – auch weil Schulz in seiner Zeit als Europapolitiker in Brüssel die Zeit die Öffnung der Grenzen durch die Kanzlerin im Jahr 2015 unterstützte. Viele kritisierten das Manöver von Schulz deshalb als wenig glaubwürdig. Als eine Annäherung an den sprunghaften Politikstil seines Vorgängers im SPD-Vorsitz, Sigmar Gabriel.

Setzen sie in der SPD jetzt wieder stärker auf Risikominimierung? In den kommenden Wochen dürfen keine großen Fehler passieren, um die Chancen bei der Bundestagswahl zu wahren. Heil wird an diesem Tag nicht müde zu betonen, dass die Wähler im kurzfristiger entschieden. Das stimmt – aber es lässt sich gar nicht ändern, dass es zurzeit auch nach einer verzweifelten Hoffnung klingt. Der Rückstand zur Union hat sich in Umfragen auf etwa 15 Prozent verfestigt.

Immerhin: Das Plus der Sozialdemokraten ist derzeit eine Geschlossenheit, die gemessen an der schwierigen Lage außergewöhnlich ist. Keiner der Parteiflügel schießt quer, Altkanzler Gerhard Schröder und die Juso-Vorsitzende Johanna Uekermann feierten Schulz auf einem gut orchestrierten Parteitag gleichermaßen. Und: Die Tausenden von Menschen, die seit der Nominierung von Schulz in die SPD eingetreten sind, gibt es ja tatsächlich.

So wollen sie in der SPD in der zugespitzten Schlussphase des Wahlkampfes auf den Kandidaten und die Mitglieder setzen. 20.000 Kilometer werde Schulz in Deutschland zurücklegen, um möglichst viele Menschen zu sprechen, kündigt Seifert an. Und SPD-Mitglieder würden nicht nur im Internet werben, sondern auch überall im Land an die Türen der Menschen klopfen.