Herr Röskau, Frau Leuker, Sie schreiben das Drehbuch zum Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule. Doch noch ist das ganze Ausmaß des institutionellen Missbrauchs an dem Vorzeigeinternat der Reformpädagogik nicht erfasst, geschweige denn, dass das, was man als Schamfrist empfinden könnte, abgelaufen wäre. Ist es nicht zu früh für einen Spielfilm?

Benedikt Röskau: Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ein Stoff an mich herantritt und ich den Eindruck habe, den könnte ich machen, dann ist die Zeit dafür genau die Richtige. Das war bei dem Film „Contergan“ auch so.

Aber der Conterganskandal lag damals schon lange zurück.

Röskau: Ja, ungefähr 25 Jahre, und das ist kein Zufall. Bei dem Romy-Schneider-Film bin ich auch im 25. Jahr nach ihrem Tod angerufen worden. Unser Film über die Odenwaldschule wird ebenfalls vor 25 Jahren spielen. Die Contergan-Opfer sind 25 Jahre nach dem Prozess, der 1970 endete, alle in Frührente gegangen und hatten Zeit, sich zu organisieren. Und ich kenne Ehemalige der Odenwaldschule, die heute Anfang 40 sind. Das ist das Alter, wo man noch mal über sich nachdenkt. Die fangen jetzt an zu reden.

Sylvia Leuker: Nach Christoph Röhls Film „Wir sind nicht die Einzigen“ muss einfach etwas nachgeschoben werden. Die Doku geht einem sehr an die Nieren, weil Röhl endlich die Opfer reden lässt. Aber von den Tätern kommt nichts, weil sie entweder verstorben sind oder sich nicht äußern. Noch ist der Skandal relativ frisch, aber bald wird sich die Geschichte abnutzen, wenn die Medien weiter darüber berichten. Von daher ist es höchste Zeit, diesen Film zu machen.

Können Sie erklären, warum genau Ihnen der Dokumentarfilm von Röhl wehtut? Was könnte sich da abnutzen?

Röskau: Wenn man im Film die Wahl hat, ist das Opfer in der Regel blond, weiblich, jung und kreischend. Das ist besonders im Horrorfilm ein Topos, gelegentlich sogar ein Klischee. Jungs gelten nicht als klassische Opfer. Nun sind sie es geworden, was sie in Röhls Film im Mannesalter offenbaren. Und sie haben riesige Schwierigkeiten damit, sich einzugestehen, schwach gewesen zu sein. Das gesteht man, wenn überhaupt, eher Frauen zu. Das hat mich extrem schmerzhaft berührt.

Leuker: Was in Röhls Dokumentation sichtbar wird, ist der Schmerz der Männer. Aber man bekommt auch eine Vorstellung von der Systematik des Missbrauchs an der Odenwaldschule. Wie die Kinder da hinein verwickelt wurden, wie sie schon auf ihre Bedürftigkeit hin ausgesucht und abgerichtet wurden, die Übergriffe als etwas ganz Normales zu sehen. Wie sie eine Scham entwickeln und wie das Schweigen funktioniert. Das ist etwas, was ein Spielfilm wahnsinnig gut zeigen kann, weil er Strukturen beleuchten kann.

Wenn man eine Missbrauchsgeschichte erzählt, dann ist da immer die Gefahr, dass man die Opfer abermals traumatisiert, sie erneut zu Opfern macht. Wie werden Sie das in Ihrem Drehbuch verhindern?

Leuker: Wir wollen zeigen, dass die Jungs das Gegenteil von „selber schuld“ waren, wie Gerold Beckers Lebensgefährte Hartmut von Hentig später behauptete. Das Perfide ist, dass pädophile Täter auf Jungs von zwölf bis vierzehn oder fünfzehn stehen, noch ohne Körperbehaarung. Ausgewachsene Männer machen sich da an Kinder ran, denen sie körperlich absolut überlegen sind. Die Betroffenen erzählen in Röhls Film, dass die Übergriffe erst so im Alter von fünfzehn, sechzehn Jahren aufhörten, weil die Jungs wehrhafter wurden und unattraktiver für die Täter. Und wer sich gegen den Schulleiter Gerold Becker oder den Musiklehrer Wolfgang Held wehrte, wurde sofort aus diesem System ausgegliedert, bekam Schwierigkeiten an der Schule und war unter Umständen nicht mehr lange da.

Wie schnell war Ihnen klar, dass Sie die Geschichte Mitte der achtziger Jahre spielen lassen? Weil Ihnen historische Stoffe liegen?

Röskau: Es geht ja in einem Film darum, der handelnden Person ein Ziel zu geben. Und das kann in diesem Fall nur die Eliminierung des Feindes sein. Da Gerold Becker die Odenwaldschule 1985 verlassen hat, war ganz klar, dass der Film kurz davor spielt, sonst funktioniert die Geschichte nicht. Im Übrigen habe ich noch nie einen historischen Film geschrieben. Meine Filme spielen immer in der Gegenwart. Das wird nur mit den Kostümen und dem Szenenbild kaschiert. Die Verkleidung im historischen Film gibt uns die Möglichkeit über Themen, die wir heute selbstverständlich finden, neu nachzudenken.