Berlin - Es ist jetzt schon eine ganze Weile her, als offenbar wurde, dass die amerikanischen Geheimdienste auch vor dem Allerheiligsten der deutschen Politik nicht zurück schreckten: dem Handy der Kanzlerin. Angela Merkel raffte sich damals zu ein bisschen Empörung auf. Von wegen Freunde ausspähen, das gehe gar nicht und so. Nun stellt sich heraus, dass der vom Kanzleramt beaufsichtigte Bundesnachrichtendienst dabei zur Hand ging, hochrangige Beamte des französischen Außenministeriums, des Élysée-Palastes in Paris und der EU-Kommission in Brüssel zu bespitzeln. Wie aber soll man, wenn das stimmt, Merkels Empörung von damals nun nennen?

Die Konstellation ist jedenfalls erstaunlich. Zwar waren sich Amerikaner und Franzosen seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie besonders nah. Die Regierungen in Paris haben seit Charles de Gaulle auf Eigenständigkeit Wert gelegt. Sie hielten sich von der Nato fern und verfügten in Afrika über eine separate Einflusssphäre. Die daraus resultierende Politik der früheren Kolonialmacht nannte man Gaullismus. So viel Eigenständigkeit mögen sie in Washington eher nicht. Umgekehrt haben sie sich in Bonn und Berlin auf die deutsch-französische Freundschaft stets einiges zugute gehalten. Jetzt zeigt sich: Das Misstrauen ist allseitig.

Die neue Wende schadet Angela Merkel

Die neueste Wende im BND/NSA-Skandal nützt Merkel nun. Sie schadet ihr aber auch. Der Nutzen besteht darin, dass viele Deutsche denken werden: Ach, was Frankreich angeht, das geht uns im Zweifel nichts an. Und das Ausspähen des Handys der deutschen Regierungschefin war ja eh nicht mehr zu toppen. Zugleich steht die Kanzlerin gegenüber dem französischen Präsidenten François Hollande blamiert da.  Der freilich wird schon vor Zeiten geahnt haben: Wenn Merkels Mobiltelefon nicht sicher ist, dann ist es meines erst recht nicht.

So oder so ist das, was Berlin, Paris und Washington verbindet, keine Freundschaft und schon gar keine Wertegemeinschaft, sondern allenfalls eine Art Partnerschaft unter Wölfen. Den Bürgern wird das den Schlaf nicht rauben.