Berlin, Moskau - Während in Deutschland über politisches „Impfversagen“ debattiert wird, werden weltweit Millionen Menschen mit dem russischen Vakzin Sputnik V geimpft. Einer der Vorantreiber der  Impfstoffentwicklung war Kirill Dmitriev, Generaldirektor des Russischen Fonds für Direktinvestitionen (RDIF). Im Interview mit der Berliner Zeitung erzählt er, warum Russland bereits sehr früh einen Impfstoff präsentierte und warum die Europäische Union  seiner Meinung nach eine Chance verpasste, rechtzeitig auch auf Sputnik V zu setzen.

Herr Dmitriev, wie hat die Entwicklung von Sputnik V begonnen?

Als unabhängige russische Organisation – Russischer Investment-Fonds (RDIF) –, die in unterschiedliche bedeutsame Projekte investiert, haben wir uns zu Beginn der Pandemie auf die Suche nach den besten Ansätzen für den Kampf gegen Covid-19 konzentriert. Wir haben sowohl in die Entwicklung von Schnelltests und Arzneimitteln investiert als auch in die Entwicklung des Corona-Impfstoffs. Dabei stellten wir uns die Frage: Welche bewährte Technologie können wir verwenden? Wir fokussierten uns auf Impfstoffe, die bereits existieren. Wir wussten, wir können uns hier noch nicht auf eine neue Technologie verlassen, sondern wollten auf etwas aufbauen, das es schon gab.

Auf welche Technologie setzten Sie?

Wir haben die Impfstoffe für Mers und Ebola genommen, die im Gamaleja-Zentrum – einem weltweit führenden Forschungsinstitut für die Entwicklung von Impfstoffen – entwickelt wurden. Diese Impfstoffe basieren auf einer gut erforschten Plattform der menschlichen Adenoviren, das heißt, sie benutzen das Virus einer normalen Erkältung, das die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet und gut untersucht ist. Wir wussten, dass wir schnell handeln müssen. Unsere Impfstoffe gegen Mers und Ebola sind schon weltweit in Verwendung, und wir haben viel Erfahrung.

Foto: Alex Const
Zur Person

Kirill Dmitriev wurde 1975 in Kiew, Ukraine, geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an den US-Universitäten Stanford und Harvard, arbeitete als Investmentbanker bei Goldman Sachs in New York und als Berater bei McKinsey & Company in Los Angeles, Moskau und Prag, bevor er 2000 nach Russland zurückkehrte. Seit 2011 ist er Generaldirektor des Russischen Fonds für Direktinvestitionen (RDIF). Der Zehn-Milliarden-Fonds investiert in führende Unternehmen wachstumsstarker Sektoren, um die russische Wirtschaft weniger abhängig von der Erdölindustrie zu machen und ausländische Investoren anzuziehen.

Unterstützt wird auch der Kampf gegen Corona. So förderte Kirill Dmitriev die Produktion des Corona-Medikaments Avifavir, das in mehr als 15 Länder der Welt exportiert wird. Und er setzte früh auf einen Impfstoff, der auf der bewährten Vektor-Technologie beruht. Dieser wurde am Moskauer Gamaleja-Forschungsinstitut entwickelt. Der Name Sputnik V wurde bewusst gewählt, um an eine der größten wissenschaftlichen Leistungen der Vergangenheit zu erinnern. 1957 hatte die Sowjetunion unter dem Namen „Sputnik“ den ersten Satelliten ins All geschossen.

Wie sind Sie in der Entwicklung konkret vorgegangen, wann haben Sie erfahren, dass die Lage ernst ist?

Chinesische Partner haben uns im Januar informiert, dass die Lage ernst ist.

Und wann wussten Sie, um welches Virus es sich handelt?

Wir haben im Februar eine Kopie des Virus von China erhalten. Und wir hatten auch einige Fälle in Russland selbst. Wir wussten dann genau, um welches Virus es sich handelt, und konnten mit der Entwicklung beginnen.

Wie ist die Entscheidung für Sputnik V gefallen?

Wir hatten bei RDIF etwa 20 verschiedene Kandidaten für einen Impfstoff. Unsere Kriterien waren: Der Impfstoff soll auf einer bewährten und sicheren Methode aufsetzen, er soll bei Kühlschrank-Temperaturen gelagert werden können, er soll sicher, effektiv und leistbar sein. Dies waren die Bedingungen, und der Cocktail von Sputnik V erfüllte diese alle am besten.

Wann haben Sie mit den ersten Tests begonnen?

Die Wissenschaftler des Gamaleja-Zentrums haben im März 2020 die ersten Tierversuche gestartet. Wir waren weltweit die ersten.

Mit welchen Tieren haben sie begonnen?

Es waren kleine Tiere, bei denen wir herausgefunden haben, dass Covid-19 für sie gefährlich ist. Es war gar nicht so leicht, die richtigen Tiere zu finden, weil Covid-19 für die meisten Tiere keine besondere Gefahr ist.

Wann haben die Tests mit Menschen begonnen?

Ich darf Ihnen sagen, dass ich einer der Ersten war, der selbst geimpft wurde – noch vor der offiziellen Testphase. Auch meine Frau und meine Eltern wurden geimpft.

Was haben die gesagt?

Meine Eltern sind Mikrobiologen. Sie haben sich mit dem Impfstoff beschäftigt und verstanden, was genau der Cocktail enthält. Sie wussten, dass die besten Köpfe des Landes an der Entwicklung gearbeitet haben. Wie gesagt: Unsere Methode ist ja keine neue Methode, wie die von Pfizer mit ihrer mRNA-Technologie. Wir benutzen dafür eine gut untersuchte Vektorenplattform, die schon über viele Jahre bei der Entwicklung von Impfstoffen eingesetzt wird. Wir wussten, dass es sich nicht um irgendein verrücktes neues Ding handelt. Daher haben wir Vertrauen in den Impfstoff. Meine Frau wurde übrigens sogar 14 Tage vor mir geimpft, weil ich gerade auf Reisen war.

Wie viele Personen haben am ersten Test teilgenommen?

Das waren 76 Personen. Es wurde uns oft vorgehalten, dass dies nur sehr wenige Personen seien, weil zum Beispiel Astrazeneca seinen ersten Test mit 1000 Leuten gemacht hat. Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied: Unsere Forscher haben schon sehr früh erkannt, dass in zwei Teilen geimpft werden muss. Bei Astrazeneca hat man zunächst versucht, die Immunität mit einer Impfung herzustellen. Mit zwei Teilimpfungen wurden auch bei Astrazenca nur 100 Personen getestet. Weil wir das aber schon früh wussten, hatten wir einen zeitlichen Vorsprung.

Welcher Ansatz war es, der Sputnik V in Ihren Augen besser gemacht hat als andere Impfstoffe?

Der entscheidende Unterschied ist, dass die zwei Teilimpfungen bei uns aus zwei unterschiedlichen Adenovirus-Typen bestehen. Wir impfen also nicht zweimal dasselbe, sondern unterschiedliche Cocktails. Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn Sie in eine Burg eindringen und dafür einen auffälligen Wagen benutzen wollen, dann würde man Ihre Automarke registrieren und beim nächsten Mal nicht in die Burg reinlassen. Daher würden Sie beim zweiten Versuch die Marke eines anderen Automobilherstellers nutzen und so in die Burg gelangen. In unserem Falle würde es einen umfassenden Schutz bedeuten.

Wann kam die erste Zulassung in Russland?

Die kam im August. Es war eine befristete und vorläufige Zulassung. Das ging einerseits schnell, weil man in einer Pandemie schnell reagieren muss. Zum anderen war eine so schnelle Zulassung möglich, weil wir eine bewährte und bekannte Methode verwendet haben.

Foto: Fethi Belaid/AFP
Ankunft von Sputnik-V-Impfdosen auf dem Flughafen von Tunis, der Hauptstadt Tunesiens, März 2021.

Wie viele Menschen wurden schon mit Sputnik V geimpft?

Die Phase III läuft gerade. wir haben im August 2020 mit 31.000 Personen begonnen. Bis heute sind in Russland mehr als fünf Millionen Personen geimpft worden.

Welche Nebenwirkungen hat Sputnik V?

Sputnik V hat bisher keine ernsthaften Nebenwirkungen oder Allergien ausgelöst. Das Einzige, was man von Sputnik V bekommen kann, ist eine leichte Erkältung. 90 Prozent der Geimpften Personen haben keinerlei Nebenwirkungen gehabt. Etwa 10 Prozent bekommen eine Art leichte Grippe, die einen halben Tag oder einen Tag dauert.

Werden die Nebenwirkungen aufgezeichnet?

Selbstverständlich. In Russland werden alle Nebenwirkungen genau verfolgt. Wir haben jeden, der geimpft wurde, in einer Datenbank registriert. Auch alle anderen Länder wie Venezuela, Argentinien, Indien, Bahrain, Mexiko, Ungarn oder die Vereinigten Arabischen Emirate führen Aufzeichnungen. Sputnik V wurde bisher in 52 Staaten eingeführt, von denen die Hälfte bereits den Impfstoff benutzt. Alle diese Staaten liefern ihre Daten auch an uns, sodass wir genau nachvollziehen können, was passiert. All diese Länder haben eine große Verantwortung ihrer Bevölkerung gegenüber. Außerdem gibt es unabhängige Studien, wie zum Beispiel eine aus Argentinien, die genau untersucht, wie sich die Wirkung von Sputnik V entfaltet.

Wie lange schützt Sputnik V vor Corona?

Basierend auf Untersuchungen früherer Impfstoffe, die im Gamaleja-Zentrum entwickelt wurden, erwarten unsere Wissenschaftler, dass der Schutz zwei Jahre hält.

Auf welche Probleme sind Sie während der Entwicklung gestoßen? Es ist ja doch ein neuartiges Virus?

Die größte Herausforderung für uns sind die neuartigen Сoronavirus-Mutationen. Sputnik V lässt sich wie kein anderer Impfstoff so adaptieren, dass er auch gegen Mutationen hilft. Da Mutationen weiterhin ein Problem bleiben, schlagen wir den Herstellern vor, international zusammenzuarbeiten. Wir haben zum Beispiel eine Partnerschaft mit Astrazeneca begonnen. So erhöhen wir die Schutzwirkung ihres Impfstoffes dadurch, dass die zweite Spritze mit den Komponenten von Sputnik V verabreicht wird. Wir haben die Zusammenarbeit auch anderen Impfstoffherstellern angeboten. In einer Pandemie sollten wir politische Unterschiede überwinden und zusammenarbeiten.

Sie haben ja einigen Ländern auch die Zusammenarbeit bei der Produktion angeboten. Wie sieht eine solche Partnerschaft aus?

Entscheidend ist: Wir bieten Sputnik V als eine Art offenes System an. Das bedeutet: Jedes Land kann eine Produktionsstätte eröffnen und Arbeitsplätze schaffen. Dann wird der Impfstoff lokal produziert und kann eingesetzt werden. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass der Impfstoff in einem Land produziert wird und das fertige Produkt dann an uns zurückgeschickt wird und wir verkaufen es dann. Das kann in Fällen sinnvoll sein, wenn es in einem Land noch keine Zulassung der jeweiligen Behörden gibt.

Sie kündigten konkret an, dass es bereits Vereinbarungen mit Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien gibt. Sind die einzelnen Produktionsstandorte schon bekannt?

Zuerst einmal: Eine Produktion in Europa wäre gut für Europa selbst, auch wenn die EMA Sputnik V nicht zulassen würde. Sie schafft Jobs und Fähigkeiten. Sie erlaubt Europa, Impfstoffe zu exportieren, nach Amerika, Afrika und anderswo hin. Zum zweiten: Wegen des seltsamen politischen Drucks möchten wir zurzeit nicht offiziell verkünden, wer unsere Partner sind. Denn sobald wir sie offiziell verkünden, ist es ein großes Medienthema. Die Firmen werden von Journalisten überrannt, Politiker befassen sich damit, und das lenkt von der eigentlichen Arbeit ab. Ein Produktionsort in Europa ist das schweizerisch-italienische Unternehmen Adienne in der Lombardei. Grundlage ist eine rechtliche Vereinbarung mit einem privaten Unternehmen. Wir bestätigen auch, dass es zum Beispiel Verhandlungen von deutschen Politikern mit unserem Portfoliounternehmen R-Pharm im bayerischen Illertissen gibt, das Arzneimittel für 150 Länder weltweit produziert. R-Pharm ist in Russland bereits an der Herstellung von Sputnik V beteiligt.

R-Pharm hat ja auch den Antrag zur Zulassung von Sputnik V bei der EMA gestellt.

Ja, und wir haben Vorvereinbarungen mit zwei anderen Produzenten in Deutschland getroffen. Die deutschen Regelungen erlauben es den Unternehmen zu exportieren, auch wenn das russische Vakzin im eigenen Land nicht zugelassen ist. Aber sie sagten, dass sie die Zulassung der EMA als Voraussetzung für eine Produktion sähen. Wir haben auch Vereinbarungen mit Frankreich und Spanien, aber wir möchten sie nicht vorzeitig öffentlich machen.

Können Sie verstehen, dass der Zulassungsprozess in der EU so lange dauert?

Zuerst möchte ich sagen, dass wir große Unterstützung von Kanzlerin Angela Merkel, Präsident Emmanuel Macron und dem österreichischen Kanzler Sebastian Kurz erhalten haben. So hat zum Beispiel Angela Merkel gesagt: Okay, warum sprecht ihr nicht mit dem Paul-Ehrlich-Institut? Und wir haben Kontakt mit dem Institut aufgenommen, uns regelmäßig ausgetauscht. Sie haben uns gute Hinweise gegeben. Und das ist ein gutes Beispiel für einen Gewinn: Leben retten, ohne zu politisieren. Natürlich hat Kanzlerin Merkel auch ganz unterschiedliche Positionen zu Russland, aber sie hat zugleich einen sehr pragmatischen Ansatz: Wenn dieser Impfstoff wirkt, dann sollten wir zusammengehen. Wir haben sehr positive Kooperationen.

Aber es gibt auch viele Vorurteile und Äußerungen in Politik und Medien, zum Beispiel, dass es sich bei Sputnik V nur um russische Propaganda handle.

Wir sind sehr überrascht von einigen politischen Statements. Wir finden so etwas, ehrlich gesagt, unprofessionell. Auch das Missverständnis mit der EMA fanden wir überraschend, weil wir die Bewerbung zur Zulassung vor langer Zeit gesendet haben und sich alles verzögert hat. Wir erwarten jetzt eine EMA-Delegation für Mitte April, und wir hoffen, dass die Entscheidung über Sputnik V eine rein wissenschaftliche sein wird und keine politische. Wir glauben, dass die Politiker, die sich negativ über eine Kooperation und den Impfstoff äußern, sehr voreingenommen sind und mit den Kommentaren Schaden anrichten. Wir glauben, dass wir als Menschen lernen sollten, die Fragen des menschlichen Lebens über die politische Auseinandersetzung zu stellen.

Wie ist der aktuelle Stand des EMA-Verfahrens, und wie viele Dosen an Impfstoff könnten Sie für Europa liefern?

Wir sind in Kontakt mit der EMA. Die sogenannte Rolling Review ist Anfang März gestartet. Wir sind mitten in einem sehr professionellen Prozess. Die EMA-Delegation will zum Beispiel auch Produktionsstätten sehen. Wenn eine Zulassung kommt – voraussichtlich nach Juni – könnten wir innerhalb von drei, vier Monaten etwa 100 Millionen Dosen für 50 Millionen Menschen in der EU liefern. Damit kann man zwar Europa nicht retten, aber man kann einen Beitrag leisten. Wir erwarten auch, dass neben Ungarn und der Slowakei in den nächsten drei Wochen weitere europäische Länder Interesse zeigen, Sputnik V direkt zuzulassen, unabhängig von der EMA-Entscheidung. Eben weil sie die Dringlichkeit sehen, jetzt Menschenleben zu retten. Diesen Ländern könnten wir Impfstoffe noch im April senden.

Das Gespräch führten Torsten Harmsen und Michael Maier.