Berlin - „Impfdesaster“ ist bereits jetzt ein Kandidat für das Wort des Jahres. Der Nachschub an Impfstoffen reicht nicht aus, um die deutsche Bevölkerung auch nur annähernd zügig zu impfen. Die Impfungen mit dem Impfstoff von Astrazeneca sind sogar wegen vereinzelter, aber schwerer Nebenwirkungen ausgesetzt. Wie nahe liegt es da, möglichst jede Chance zu nutzen und zum Beispiel die Zulassung und Produktion des russischen Impfstoffs Sputnik V voranzutreiben.

Während bei der EU-Arzneimittelbehörde (Ema) ein sogenanntes rollierendes Verfahren („rolling review“) zur Zulassung läuft, hat Russland bereits Vereinbarungen zur Produktion seines Corona-Impfstoffs Sputnik V in Europa getroffen. So zumindest teilte es Kirill Dmitrijew, Generaldirektor des Russischen Fonds für Direktinvestition (RDIF), in dieser Woche mit, wie die Agentur Interfax berichtete. Es gebe Vereinbarungen mit Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Namen von Unternehmen wurden nicht genannt.

IDT Biologika ist ein heißer Kandidat

Italien hat allerdings bereits vor einer Woche mitgeteilt, dass Sputnik V im Biopharmazie-Unternehmen Adienne hergestellt werden soll. Dies ist ein Schweizer Unternehmen, das in der Lombardei bereits über einen Produktionsstandort für Medikamente verfügt. Die Produktion soll im Juli beginnen. In diesem Jahr sollen voraussichtlich zehn Millionen Dosen hergestellt werden. Insgesamt stellte Russland der EU bereits 100 Millionen Impfdosen von Sputnik V in Aussicht.

Auch mit Deutschland sei eine Vereinbarung getroffen worden. Zwar wird ein genauer Standort nicht genannt. Aber in bisherigen Darstellungen war immer wieder nur ein Kandidat genannt worden: das Pharmaunternehmen IDT Biologika aus Dessau-Roßlau. Es gehört – neben CureVac und Biontech – zu den drei deutschen Unternehmen, die zur Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 von der Bundesregierung mit 750 Millionen Euro gefördert wurden.

Bereits im Februar 2021 kam IDT Biologika als möglicher Hersteller von Sputnik V ins Gespräch, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte, es würden Gespräche mit Moskau geführt, um Produktionskapazitäten für den Impfstoff in Deutschland auszuloten. Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt bestätigte, dass die russischen Entwickler das Unternehmen in Dessau-Roßlau kontaktiert hätten. Dieses soll zu einem der größten Produktionsstandorte für Impfstoffe in Europa ausgebaut werden soll.

Erst am 15. März hat IDT Biologika verkündet, dass es den Corona-Impfstoff des US-Pharmakonzerns Johnson & Johnson mit produzieren werde. Wann dieser auf den deutschen Markt komme, sei aber noch unklar. Bereits zuvor war verkündet worden, dass ab Ende 2022 der Impfstoff von Astrazeneca dort hergestellt werden soll. Dazu wolle das Unternehmen seine Produktionskapazitäten weiter ausbauen. Zu Sputnik V gibt es bisher keine offizielle Erklärung. Wie der MDR diese Woche mitteilte, halte sich die Firma mit Aussagen zurück. Aber der Firmenchef habe auf eine Nachfrage bestätigt, dass IDT Biologika wohl der einzige deutsche Hersteller sei, der Sputnik V schnell und gut in großen Mengen fertigen könne.

Dass Sputnik V aber sehr schnell kommen könnte, ist zu bezweifeln. Das Zulassungsverfahren bei der Ema läuft seit Anfang März. Wie es heißt, würden zurzeit erste Ergebnisse wissenschaftlicher und klinischer Tests analysiert, bevor alle für eine Zulassung nötigen Daten vorlägen. Bei den bisher zugelassenen Corona-Impfstoffen hatte das Verfahren für eine Zulassung in der Europäischen Union zwischen mehreren Wochen und drei Monaten gedauert. Entscheidend seien am Ende die Belege für die Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit des Vakzins, teilte die Ema mit – und nichts anderes.

„Das ist ein guter Impfstoff, der vermutlich auch irgendwann in der EU zugelassen wird“, sagte vor einer Woche Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut. „Die russischen Forscher sind sehr erfahren mit Impfungen. Sputnik V ist clever gebaut.“

EU-Bürokratie als größtes Problem

Dem gegenüber stehen andere Äußerungen wie die der Österreicherin Christa Wirthumer-Hoche, der Vorsitzenden des Ema-Verwaltungsrates. Diese sagte im Fernsehsender ORF: „Die Zulassung von Sputnik V – wie in Ungarn im Rahmen einer nationalen Notfallzulassung geschehen – ist wie russisches Roulette.“ Dagegen verwahrte sich Russland scharf. Bei keinem anderen Impfstoff habe sich die Ema solche Äußerungen erlaubt, hieß es in einer Stellungnahme von Dmitri Peskow, Pressesprecher von Präsident Putin. Solche Kommentare seien „gelinde gesagt unangemessen“ und würden die Glaubwürdigkeit der Ema untergraben. Der russische Außenpolitiker Konstantin Kossatschow warnte vor einem „Krieg der Impfstoffe“.

Christa Wirthumer-Hoche hatte aber keine generelle Zulassung gemeint, sondern Notzulassungen wie etwa in Ungarn. Auch Tschechien und die Slowakei hätten bereits Dosen bestellt und erklärt, nicht auf die Genehmigung durch die Ema warten zu wollen, heißt es. Laut russischen Angaben sei der Impfstoff bereits in fast 50 Staaten in verschiedenen Teilen der Welt zugelassen.

Die Produktion des vom Moskauer Gamaleja-Institut entwickelten Impfstoffs in Russland selbst findet Berichten zufolge im riesigen Pharmaunternehmen Biocad des Unternehmers Dmitry Morozov vor den Toren Sankt Petersburgs statt. Sputnik V war bereits im August 2020 in Russland zugelassen worden, obwohl die notwendigen Massenstudien dazu noch nicht stattgefunden hatten. 

Morozov ist der Meinung, dass die Europäer und Deutschland beim Rennen um die Impfstoffe große Fehler machten. „Man kann von einem Impfstoff-Nationalismus sprechen“, sagte er in einem Video. „Ihr Europäer seid für die Amerikaner Partner zweiter Klasse. Pfizer beliefert sein eigenes Land. Das ist die höchste Priorität.“ Angesichts der langen Zulassungsverfahren sagte er: „Das größte Problem, das ihr habt, ist eure Bürokratie. Den chinesischen Impfstoff wollt ihr nicht zulassen. Mit dem russischen geht ihr genauso um. Also bleibt euch nur, zu warten.“

Angesichts der Vorgänge um Astrazeneca zeigt sich aber, wie wichtig es ist, dass die Zulassung nach gründlicher Prüfung auf der Grundlage vieler Testdaten erfolgt – nicht aufgrund eines Misstrauens, sondern um möglichst frühzeitig auch seltene Nebenwirkungen zu erkennen. Und um Entwicklungen wie bei Astrazeneca zu verhindern.

Sputnik V ist genau wie der Impfstoff von Astrazeneca ein Vektorimpfstoff, bei dem harmlose Erkältungsviren, in dem Fall ein Adenovirus, benutzt werden, um einen Teil der genetischen Information des Coronavirus in die Zellen des Körpers einzuschleusen, damit dagegen Antikörper und T-Zellen gebildet werden. 

Der Buchstabe V steht für Victory

Anders als bei Astrazeneca werden beim Impfstoff Sputnik V zwei verschiedene Adenovrius-Subtypen für die Erst- und Zweitimpfung verwendet. „Das ist sehr klug“, sagte Stiko-Chef Mertens dazu, „denn dadurch kann er potenziell auftretende Wirksamkeitsverluste durch Immunantworten gegen die Vektoren verhindern.“ Laut einer am 2. Februar im Fachmagazin The Lancet veröffentlichten Studie ist Sputnik V zu 91,6 Prozent wirksam. Er scheine schwere Krankheitsverläufe zu verhindern und auch bei Personen von über 60 Jahren sehr gut zu wirken, so die Aussagen, die auf Daten von bis dahin etwa 20.000 Probanden fußten.

Ernsthafte Nebenwirkungen habe es in der Impfstoffgruppe nicht gegeben. Zwei Impfungen im Abstand von etwa drei Wochen seien nötig. Der Impfstoff schütze russischen Angaben zufolge auch vor der britischen Sars-CoV-2-Variante. Er könne bei minus 18 Grad Celsius eingelagert werden. Ein gut transportierbarer und – auch bei Hausärzten – lagerbarer Impfstoff ist genau das, was für eine flächendeckende Impfkampagne gebraucht wird.

Um es ein für allemal zu klären: Das „V“ hinter Sputnik soll nicht für die Zahl 5 stehen, wie mancher glaubt, sondern für den Buchstaben V – wie Victory.