Berlin - Ein Trauergottesdienst und ein Staatsakt. Lassen wir den Trauergottesdienst weg. Wer nicht dran glaubt, der findet es lächerlich, wenn ein erwachsener Mann sich vor einen Sarg stellt, die Arme ausbreitet und erklärt: „Ins Paradies mögen Engel Dich begleiten.“ So jemand registriert auch die auffällige Diskrepanz, wenn der Pfarrer sich hinstellt und erklärt „Was er für uns war, was er für uns bedeutet hat, bedenken wir in der Stille“, aber nach knapp einer Minute schon weiterredet, als könnte er davon ausgehen, dass Roman Herzog so viel uns dann doch nicht bedeutete.

Der Dom als politisches Statement

Wenn wir vom Staatsakt sprechen, dann muss man sich doch fragen, was der im Berliner Dom zu tun hat. Roman Herzog hätte mir das vielleicht noch erklären können. Aber der Berliner Dom ist ja nicht irgendein Gotteshaus. Es ist gewissermaßen der Petersdom des preußisch-deutschen Protestantismus, das Haus, das Kaiser Wilhelm II. sich errichten ließ als Summus Episcopus, als Oberhaupt der evangelischen Landeskirche. In der Gruft ruhen zahlreiche Mitglieder des Hauses Hohenzollern. Dieser Dom, für den ein Vorgängerbau von Karl Friedrich Schinkel weggeräumt wurde, war von Anfang an ein politisches Statement.

Nirgendwo sonst wird die Verbindung von „Thron und Altar“, mit der sich der geschichts- und prunkbewusste Kaiser in die Tradition zum Beispiel Ottos des Großen stellen wollte, so programmatisch herausgestellt wie im Berliner Dom. Hier blicken die großen Prediger des Protestantismus auf Gläubige und Ungläubige herab. Ein Spaß für Preußen und das neue deutsche Reich, das damals gerade den Kulturkampf gegen die katholische Kirche hinter sich gebracht hatte, aber ein denkbar ungeeigneter Ort, um des Bundespräsidenten einer Demokratie zu gedenken, zu deren Wesenskern die Trennung von Kirche und Staat gehört. Jedenfalls so lange man die Umgebung, in der man das tut, nicht thematisiert.

Beim Staatsakt sprachen Bundespräsident Joachim Gauck, Verfassungsgerichtspräsident Andreas Voßkuhle, der Präsident des Europäischen Rates und mehrmaliger Präsident Polens Donald Tusk und Finanzminister Wolfgang Schäuble. Alle sprachen von Roman Herzogs Fähigkeit zu klaren Worten, von seiner Selbstironie. Dazwischen gab es Mozart und Schubert und am Ende die Nationalhymne.

Tusk, der Roman Herzogs Verdienste um eine Verständigung mit Polen und sein Interesse an einem vereinigten Europa betonte, schloss seine Rede, indem er sich an Roman Herzog wandte, als würde der noch leben: „Ja, Herr Präsident, auch durch Europa muss ein Ruck gehen.“ Keiner, der nicht auf Herzogs Ruckrede vom April 1997 hinwies, aber auch keiner, der daran erinnerte, dass bereits im nächsten Jahr das Wahlvolk Helmut Kohl aus dem Amt schickte. Ihm traute man den Ruck offenbar nicht mehr zu. Schröder und Fischer sollten das neue Deutschland reformieren. Der Rest ist Geschichte.

Wolfgang Schäuble war der einzige der Festredner, der darauf hinwies, dass es Helmut Kohl gewesen war, der den jungen Roman Herzog für die Politik entdeckte. Ihm war auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass Roman Herzog niemals einen Gegensatz zwischen Freiheit und Sicherheit gesehen hatte und für Herzog Veränderungsbereitschaft und Konservativismus stets zwei Seiten derselben Medaille waren.

Gelandet in der Demokratie

Voßkuhle dagegen unterschied zwischen dem baden-württembergischen Innenminister Roman Herzog, der den Einsatz von Reizgas gegen Demonstranten befürwortete und der liberalen Praxis des Verfassungsgerichtspräsidenten. Voßkuhle erinnerte daran, dass Roman Herzog bei Theodor Maunz, einem alten Nazijuristen gelernt und an dessen Seite den berühmten Maunz/Dürig/Herzog/Scholz-Kommentar zum Grundgesetz geschrieben hatte. Aber auch Voßkuhle erklärte dem Publikum des Staatsaktes nicht, dass Maunz bis zu seinem Lebensende für die National-Zeitung geschrieben hatte.

Roman Herzog war einen weiten Weg gegangen. Aber von dieser Leistung Roman Herzogs war im Berliner Dom keine Rede. Man tat so, als wäre er schon immer dort gewesen, wo er doch erst nach vielen Kämpfen und Irrungen landete: in der Demokratie.