Soll es eine Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre geben?
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BerlinFranziska Giffey (SPD) ist als Ministerin für Kinder zuständig und hat im Sommerloch ein Thema platziert, über das sich immer mal wieder reden lässt: Sie wäre dafür, das Wahlalter von 18 auf 16 Jahre zu senken. Im vorigen Jahr hatte Katarina Barley (SPD) als Justizministerin dasselbe gefordert. Die Grünen wollen es auch. Sie hätten übrigens am meisten davon, erreichen in der Gruppe der Erstwähler zuverlässig Bestwerte.

Im Falle der SPD sieht es angesichts stabil mickriger Umfragewerte eher aus wie das Haschen nach dem helfenden Strohhalm. Immerhin kann die Partei – Durchschnittsalter der Mitglieder 60 Jahre – auf Tradition verweisen: Die Senkung des Wahlalters von 21 auf 18 Jahre ging auf die Sozialdemokraten und ihren Vorsitzenden Willy Brandt zurück. Der Mann bewirkte, dass junge Leute massenhaft politisch wurden.

Auf den ersten Blick hat die Absenkung einen wirklich guten Grund: Wer ein Gefühl für Fairness hat, erkennt, dass das immer weiter steigende Lebensalter zu einem Übergewicht alter und sehr alter Wähler führt. Die Jungen mit ihren langfristigen Interessen verlieren an Gewicht. Eine gute Balance braucht mehr jugendliche Stimmen.

Tatsächlich fordert eine beträchtliche Zahl junger Leute zum Beispiel mit ihren hartnäckigen Aktionen für mehr Klimaschutz politischen Beistand. Von der coronabedingten Zwangspause für Fridays for Future lasse man sich nicht täuschen. Links-grüne Parteien wären schön blöd, würden sie nicht versuchen, in diesem lebensvollen Teich zu fischen.

Andererseits ist die Sache mit dem Wahlalter 16 sehr unpopulär: In Umfragen sprechen sich bis zu drei Viertel der Befragten gegen eine solche Reform aus. Jugendliche äußern sich uninteressiert. Als die Berliner Zeitung vor der Bundestagswahl 2017 Erstwähler fragte, wie sie das Wählen mit 16 fänden, sagten die: Bloß nicht. Politik-Unterricht beginne erst in der zehnten Klasse, 16-Jährige könnten nicht mal Bundestags- von Kommunalwahlen unterscheiden.

Damit wären zentrale Argumente der Gegner ins Feld geführt: Die jungen Leute seien nicht reif für schicksalhafte Entscheidungen, überblickten die Komplexität nicht, seien noch anfälliger als Ältere für Manipulation. Eltern, fragwürdige Vorbilder oder orientierungslos pubertierende Altersgenossen könnten die Präferenz beeinflussen. Alles wenig stichhaltig, denn auch Ältere lassen sich manipulieren. Und wer weiß schon, wer für die sehr Alten die Kreuze bei der Briefwahl wohin setzt. Aber – siehe oben – die Argumente für eine Änderung sind nicht wegzuwischen. Dass Jugendliche im politischen System der Bundesrepublik unterrepräsentiert sind, kann man ja nicht übersehen.

Im Handstreich ist eine Änderung nicht zu machen. Sie braucht langfristige Vorbereitungen – im Grunde einen prinzipiellen Wandel der Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen. Im Mittelalter endete die Kindheit mit sieben Jahren. Dann hatten Mädchen wie Jungen für den eigenen Lebensunterhalt zu arbeiten. Früh bekamen sie zu spüren, was Verantwortung für das eigene und andere Leben heißt. Dahin zurück kann es natürlich nicht gehen. Aber die Rundumversorgung für die Prinzen und Prinzessinnen der Wohlstandsära hat Heranwachsende auch entmündigt.

Muss Mutti für die 14-Jährige die Stullen schmieren? Kann der 15-Jährige keine Waschmaschine bedienen? Sind sie nicht in der Lage, Familieneinkäufe zu erledigen und zu kochen? Ich habe beste Erfahrungen mit folgendem Modell: Der Sprössling bekommt mit 14 Jahren ein Girokonto und das monatliche Kindergeld. Davon zahlt er all seine persönlichen Bedürfnisse – Kleidung, Freizeit usf. und bekommt klare Aufgaben im Haushalt – wie Wäschewaschen. Hat funktioniert.

Was schon im Familienmikrokosmos revolutionär erscheint, braucht eine gesellschaftliche Entsprechung. Wer mit 16 wählen darf, von dem ist konsequenterweise verantwortungsbewusstes Handeln zu verlangen: Entsprechend wäre das Jugendstrafrecht anzupassen, ebenso Rechte und Pflichten in der Schule oder im Straßenverkehr. Also: Fahrerlaubnis mit 16. Alkohol mit 16. „Erwachsenenfilme“ mit 16. Wenn schon, dann ehrlich. Was sagt Ministerin Giffey zur Aufwertung des Jugendlichenstandes? Mehr Vertrauen wagen?

Wer das Wahlrecht mit 16 will, muss spätestens in der siebten Klasse Politik-Unterricht an den Schulen bieten, so wie das die DDR seit 1969 machte. Der Name Staatsbürgerkunde war übrigens richtig gut, die Inhalte dürfen gerne den selbstbewussten Staatsbürger bilden statt den angepassten Ja-Sager.