Berlin - Am Ende entschlüpft ihr ein Wort: „Scheiße.“ Es ist der Moment, als Annalena Baerbock im alten Postbahnhof in Kreuzberg von der Bühne geht. Das Mikrofon ist noch offen. Das Wort ist deutlich zu hören. 

Gerade ist sie gemeinsam mit Robert Habeck als Spitzenduo und selbst als Kanzlerkandidatin mit 98,5 Prozent der Stimmen bestätigt worden. In der anschließenden Rede hat sie ein neues Wir-Gefühl beschworen. Annalena Baerbock hat das Abwenden der Klimakrise als größte Aufgabe unserer Zeit bezeichnet. Und das könne sozial gerecht erfolgen. Machbar sei das, hat sie gesagt, und der einzige Weg hin zu einer Sicherheit für jeden Einzelnen.

Niemand muss Angst haben. Nicht vor ihr und nicht vor den Grünen. Das ist ihre Botschaft.

Die Rede ist lang gewesen, 40 Minuten, Baerbock hat viele Themen gestreift. Jeder sollte sich mitgenommen fühlen und niemand bedroht. Es ist keine Ruck-Rede mit einem engen Fokus gewesen. Aber staatstragende Strahlkraft gab es durchaus. „Veränderung ist immer ein Wagnis und ein Risiko. Wir sind Schritt für Schritt weitergekommen, weil Menschen Neues gewagt haben“, hat Annalena Baerbock gesagt.

Der Applaus ist enorm. Auch wenn nur einige Dutzend Menschen leibhaftig beim digitalen Parteitag anwesend sind, jetzt gerade vergisst man das. Die meisten Menschen in dieser riesigen Halle in Kreuzberg verlassen ihre Plätze und stellen sich um die Bühne herum. Sie klatschen und klatschen.

Läuft doch. Warum also dieses Wort? Später wird es aus Annalena Baerbocks Umfeld heißen, sie habe sich geärgert, weil sie sich einmal verhaspelt hat. Im Grunde ist das Wort egal. Es ist nur interessant, weil es zur Performance der Kandidatin und ihrer Partei passt. Strahlender Gesamteindruck. Aber dann immer wieder Patzer, die alles infrage stellen.

Die Grünen präsentieren sich als regierungstauglich

Einen Parteitag sollte man vielleicht von seinem Ende her erzählen. Aber das wäre langweilig. Kandidatin gekürt. Trotz Absturz in den Umfragen. Und alle strittigen Punkte abgeräumt. Immer dann, wenn die grüne Jugend oder andere Antragsteller das Wahlprogramm verschärfen wollten: Die Delegierten entschieden dagegen. Einen viel höheren CO2-Preis? Gibt es nicht. Das Wort Deutschland aus der Präambel streichen? Findet nicht statt. Tempo 70 auf Landstraßen? Lieber nicht. Der Einsatz von Kampfdrohen? Bleibt prinzipiell möglich. Die Grünen präsentieren sich regierungstauglich.

Interessanter ist die Temperaturkurve im Wahlkampf, in den dieser Parteitag fällt. Aus Kleinigkeiten werden jetzt Skandale. Das eine Wort nach der Baerbock-Rede geht viral. Genauso wie die Auseinandersetzung um die Publizistin Carolin Emcke. Im letzteren Fall ist der eigentliche Skandal allerdings, wie die Autorin zum Opfer im Wahlkampf gemacht wird.

Es ist Freitagabend, als die Videobotschaft von Carolin Emcke im großen Saal und daheim auf den Bildschirmen der Delegierten eingespielt wird. Ein Satz daraus schafft es später in die Bild-Zeitung. Er lautet: „Es wird sicher wieder von Elite gesprochen werden. Und vermutlich werden es dann nicht die Juden und Kosmopoliten, nicht die Feministinnen und die Virologinnen sein, vor denen gewarnt wird, sondern die Klimaforscherinnen“, sagt Carolin Emcke. Der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak geißelt Emckes Satz später als antisemitisch und geschichtsvergessen.

Wider besseres Wissen Sätze aus dem Kontext zu reißen, ist weder der Sache angemessen, noch wird es der Person Carolin Emcke gerecht. Dass sich Paul Ziemiak dabei an die Spitze stellt, ist zutiefst daneben.

Michael Kellner, Grünen-Geschäftsführer

Am Sonntag nimmt Michael Kellner, der Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfmanager der Grünen, die Autorin dann in Schutz. „Der Kampf gegen Antisemitismus ist zu ernst, um ihn im Wahlkampf zu instrumentalisieren“, sagt Kellner in einer Morgenrunde vor Journalisten. Das werde weder der Sache noch der Autorin gerecht. Dass Paul Ziemiak sich dabei an die Spitze stelle, „ist zutiefst daneben“. Da ist der Ruf der Autorin allerdings bereits ruiniert.

Dabei könnte Politik so nett sein. So lieb. Wie Robert Habeck eben. Nicht dreckig und böse. Der Chef der grünen Bundespartei nutzt seine Rede zu Beginn des Grünen-Parteitags nicht für eine Ansprache an die etwa 800 Delegierten. Sein Blick geht über die Kamera direkt ins Auge der Nation.

Wenn es nach Robert Habeck ginge, würden sich die deutschen Wähler ein Beispiel an den Grünen nehmen. An ihrer Disziplin und der Lust an Inhalten. Sich ansehen, wie Argumente ausgetauscht werden und abgestimmt wird. Um zu einem Parteiprogramm zu kommen, das „im besten Fall Wirklichkeit wird“. Eine lebenswerte Zukunft für unser Land nennt Robert Habeck das. Der Grünen-Parteitag, eine Folie für den Wahlkampf: „Streit der Argumente, abstimmen und dann das Beste für unser Land hinbekommen.“

Die blutige Wirklichkeit sieht anders aus. Da geht es weniger um den Nutzen höherer Spritpreise für die Ökologie und das Klima, auch nicht um eine Umverteilung von Reich zu Arm oder die Rolle Deutschlands in Europa und der Welt. Schneller oder langsamer Wandel. Es geht um Lebensläufe und Glaubwürdigkeit der Kandidaten, persönliche Stärken und Schwächen.

Die Debatte um Annalena Baerbocks Ungenauigkeiten im Lebenslauf, ihr Versuch, sich ein kleines bisschen größer zu machen, als sie wirklich ist, prägt diesen Parteitag. Obwohl bis zu Baerbocks Rede nicht eine Silbe darüber verloren wird, bleibt die Debatte spürbar. Und so beginnt Annalena Baerbock ihre Rede auch damit. Sie sagt noch einmal, dass sie sich über sich selbst „tierisch geärgert“ habe.

An diesen drei Tagen kann man die Grünen so diszipliniert erleben wie noch nie. Manches ist dem digitalen Format geschuldet. Im Saal sind nur hundert Neumitglieder anwesend, die hier für echten Applaus sorgen. Die Delegierten sitzen anderswo. Sie haben rosa Buttons auf ihren Bildschirmen, eine virtuelle Stimmkarte, einen Knopf zum Applaudieren.

Redner werden eingespielt, wenn sie dafür werben, die Vorschläge des Bundesvorstands zu verschärfen. Die Gegenrede kommt aus der Halle, aber ohne Publikum hat sie keinen Resonanzboden. Und so ist von Streit auch nichts mehr zu spüren, als der Klimaaktivist Jakob Blasel zugeschaltet wird. Er will einen deutlich höheren CO2-Preis ins Wahlprogramm bekommen: 80 Euro ab 2022 statt 60 Euro ab 2023. Er spricht, Robert Habeck redet dagegen. Zack, Abstimmung, Blasel verliert. Es bleibt beim Vorschlag des Bundesvorstands.

So geht es auch bei anderen Anträgen. Am Tagesende bleibt vor allem eins: Der Parteitag will die Klimaziele nicht weiter verschärfen.

Auf der Straße wird die Stimmung krasser

Dafür wird die Stimmung auf der Straße krasser. Daran arbeiten Lobbyorganisationen wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), finanziert von der Metall- und Elektro-Industrie. In einer Anzeigenkampagne ließ die Gesellschaft Baerbock als eine Art weiblichen Moses mit Steintafeln im Arm abbilden. Darauf zehn Verbote: „Du darfst kein Verbrennerauto fahren“, „Du darfst nicht fliegen“ und so weiter.

Offenbar soll insinuiert werden, die Grünen wollten die Deutschen mit Verboten gängeln. Auf Zeit online bezeichnet der Politikwissenschaftler Michael Koß die Kampagne als antisemitisch, weil sie Baerbock eine göttliche Mission unterstelle, ein jüdisch-messianisches Ansinnen, mit dem Baerbock unseren Lebensstil infrage stelle.

Annalena Baerbock hat bereits vor einigen Tagen öffentlich festgestellt, dass der Wahlkampf härter wird. „Der Wind bläst uns jetzt voll ins Gesicht“, sagte sie. Mit ihrem Lebenslauf hat sie dazu beigetragen.

Infratest dimap sieht die Grünen aktuell nur noch bei 20 Prozent, die Union käme auf 28 Prozent. Während Annalena Baerbock im Mai auf die größte Unterstützung in der Bevölkerung kam, würden jetzt die meisten Bundesbürger Armin Laschet wählen.

Ob es besser liefe, wenn der Parteitag kurzentschlossen Baerbock gegen Habeck ausgetauscht hätte, wie die Journalistin Bettina Gaus vorgeschlagen hatte?

Die eigentliche Frage ist doch eine ganz andere. Die Grünen wollen Veränderung. Die Wissenschaft verlangt Veränderung. Gerade hat die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in einer Stellungnahme schnelles und systematisches Handeln der Politik angemahnt. Zeit sei das knappste Gut, schreiben die Wissenschaftler.

Fraglich ist nur, ob die angeblich so hohe Veränderungsbereitschaft in der Bevölkerung tatsächlich da ist oder ob es nicht doch eher so ist, wie das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner jüngsten Ausgabe schreibt. Die meisten Menschen seien dafür, dass der Klimawandel bekämpft werde. Aufs eigene Auto oder regelmäßige Flugreisen wollten sie aber nicht verzichten. Die Veränderungsbereitschaft sei ein Mythos, schreibt der Spiegel.