Traditionen und Gewohnheiten zum Fest sind so unterschiedlich wie die Menschen auch.
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BerlinEndlich. Die Läden schließen, der Alltagslärm schwindet, die Reisenden kommen heim, der Verkehr schläft ein. Ja, es wird still – so still wie sonst nie im ganzen Jahr. Weihnachten verändert das Land, zuverlässig, immer wieder. Keine andere Feier-Konvention gilt derart unangefochten und gleichermaßen in Ost und West, in Stadt und Land, bei Jung und Alt. Deutschland einig Weihnachtsland.

Das zu beobachten, tut wohl in Zeiten des vielfach beklagten gesellschaftlichen Auseinanderdriftens, der Fragmentierung in immer noch kleinere Identitäts-Mikrokosmen. Wie kommt das? Ganz einfach: Weihnachten ist das elementarste aller unserer Feste. Leicht sind alle Kulturschichten weggekratzt und die Urgeschichte liegt frei, die jeden angeht und der sich niemand entziehen kann.

„Es werde Licht“

Es geht um den Beginn des Lebens und die erste Voraussetzung dafür: Licht. Die längste Nacht ist vorbei, und anders als unsere frühen Vorfahren machen wir uns keine Sorgen, die Sonne könnte nicht wiederkehren. Sol invictus, unbesiegbare Sonne, feierten die Römer Ende Dezember. „Es werde Licht“, heißt es gleich am Anfang des Alten Testaments in der Schöpfungsgeschichte. Die nächste Kulturzugabe feiert die Geburt eines Menschen als Lichtgestalt: „Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“, lesen wir im Johannes-Evangelium.

Kerzen anzuzünden, grüne Bäume mit Lichterketten zu behängen ist ausreichend heidnisch, um für alle möglichen Kulturen und Religionen anschlussfähig zu sein. Noch universaler wirkt die mit Weihnachten verbundene, reichlich unchristliche, exzessive Konsumfreude. Obwohl: Gerade die darf nun gar nicht mehr so leichtfertig-freudig ausgelebt werden wie ehedem. Schließlich herrscht Klimanotstand.

Noch keine Weihnachts-Scham

Jedes Extra kostet nicht nur Euros, sondern steigert die CO2-Schuld. Jede Reise, jeder Bogen Geschenkpapier belastet die Umwelt. 30 Millionen Bäume starben allein in diesem Jahr. Nicht wegen der Dürre, sondern für die tradierte und deshalb wichtige Weihnachtsgemütlichkeit. Trotzdem wagt niemand eine Fundamentalkritik.

Das Wort Weihnachts-Scham blieb in diesem Jahr noch tabu. Die Stuben werden beheizt, auch in Familien mit „Fridays for Future“-Fans. Anders verhält es sich im Fall der immer strenger werdenden Speisevorschriften. Gans oder ganz vegan? Ich werde eine Tafel der Toleranz erleben: Veganer, Vegetarierin, Fleischfreundin und Allesesser – jeder kocht seins und isst, was er für sich passend hält. Kein Zusammenprall von Traditionsbeharren und Weltverbesserei, keine stillen Vorwürfe. Macht mehr Arbeit, macht aber nichts. Tatsächlich bedeutet ja nicht jeder Verzicht zugleich Verlust. Allerdings las man in diesem Advent häufiger als sonst, Weihnachten schade der Gesundheit.

Deutlich mehr Scheidungen nach Weihnachten

Man weiß nun, dass Darmbakterien verstört auf Völlerei reagieren – und das bekommt das Hirn zu spüren. Am stärksten betroffen seien Leute, die es Weihnachten mit den Schwiegereltern zu tun bekommen. Überall gab es Tipps, wie man die schlimmsten Kollisionen vermeidet, und seit längerem weiß man: Nach Weihnachten reichen deutlich mehr Leute die Scheidung ein als in normalen Zeiten. Aber dafür kann Weihnachten nichts. Dem schönen Fest täte allerdings gut, wenn es weniger mit Erwartungen und Ansprüchen befrachtet würde.

Nun, fast am Ende des Textes, wird es Zeit, Jesus zu erwähnen – das Kind, die Hauptperson des Festes, seit das Christentum es für sich deutete. Christen fanden neue Worte, Bilder und gedankenvolle Erzählungen für die alte Geschichte. Die Legende von der Geburt des Gottessohnes als Mensch lebt auch in Nichtchristen als wundervolles Erbe.

Nach der Wende fanden es viele Westdeutsche irritierend, dass die Leute in den ostdeutschen Dörfern zwar glaubensfern lebten, nie in die Kirche gingen, aber ihr Kirchlein, das vielerorts seit 800 Jahren dasteht, energisch verteidigten. Weil es einfach dazugehört und seit Jahrhunderten das Gemeinsame symbolisiert. Weil es Stabilität vermittelt und Zuversicht, dass es weitergeht. So wie Weihnachten. Was wichtig ist, das bleibt.

Und nun freuen wir uns auf hellere Tage.