LONDON - Der Albemarle Club, wenn es ihn noch gäbe, läge heute nicht weit vom Hotel Ritz, zwischen Galerien und Schaufenstern, in denen kirschgroße Edelsteine glitzern. „Hausnummer 13“, sagt Vinny, der Stadtführer, und deutet quer über die Albemarle Street auf eine noble Fassade: „Das war der Schauplatz eines der größten Skandale, den die Londoner Gesellschaft je erlebt hat. Und Skandale gab es reichlich in Mayfair.“

Der, den Vinny meint, ereignete sich 1895, am Vorabend der Premiere von Oscar Wildes Theaterstück „Bunbury oder Ernst sein ist alles“, als der Marquis von Queensberry durch die Tür des Clubs stürmte. Er verlangte, Oscar Wilde zu sprechen, der Mitglied war – und der Liebhaber seines Sohnes. Der erboste Queensberry wurde abgewiesen und hinterließ eine berühmt gewordene Visitenkarte: adressiert an „Oscar Wilde, posierender Sodomit“. Der Schriftsteller erhob Verleumdungsklage, die zu Gerichtsverfahren gegen ihn selbst wegen Homosexualität und zu einer Zuchthausstrafe führte. „Der Beginn seines tragischen Endes“, sagt Vinny. Er hat selbst von 2003 bis 2006 in Mayfair gelebt, eine Zeit lang sogar in der Albemarle Street. Doch nicht hinter den Prachtfronten. Sondern auf Pappstücken, draußen, auf dem Treppenabsatz eines Hauseingang.

Nächte auf der Türschwelle

London ist überall ein teures Pflaster, aber Mayfair in seiner unterkühlten Pracht scheint auf den ersten Blick eine absurd unerschwingliche Wahl für einen Obdachlosen zu sein. In dem Karree zwischen Park Lane im Westen und Bond Street im Osten befinden sich einige ausnehmend luxuriöse Hotels, das Dorchester, das Connaught und das Claridge’s; letzteres wird wegen seiner fürstlichen Gäste gern der „Erweiterungsbau des Buckingham Palasts“ genannt. In Mayfair gehen pelzbehangene Frauen mit fünf Corgis an der Leine spazieren; hier stehen einige der teuersten Immobilien des Planeten zum Kauf; manche Gassen sind mit Olivenbäumchen geschmückt. Doch das ist nur die sichtbare Seite. Um die Hintertüren, die Kellereingänge, die besetzten Häuser und nicht zuletzt die Dekadenz der Millionärsspielwiese zu sehen, empfiehlt es sich, den 40-jährigen Vinny als Stadtführer an der Seite zu haben. Er kennt Mayfair so gut wie seinen Handrücken, wie man in England sagt: „like the back of his hand“. Oder: so gut wie die Linien im Gesicht, die sich in Nächten auf der Türschwelle in die Wange gegraben haben.

Am Samstagnachmittag um zwei steht Vinny am U-Bahn-Eingang Green Park in der Stratton Street, ein selbstgemaltes Schild mit der Aufschrift „Unseen Tours“ in der Hand. Es ist kalt, gegen den Wind hat er eine Wollmütze mit Zöpfen in die Stirn gezogen; das unterscheidet ihn etwas von den Anzug- und Mantelträgern im Quartier. Nur drei Leute sind an diesem Tag gekommen, aber Vinny marschiert trotzdem los, zunächst Richtung Berkeley Street. Auf dem Weg nickt er mit dem Kopf kurz Richtung Nummer 19, auf der anderen Straßenseite. „In dem Hauseingang“, bemerkt er knapp, „habe ich auch geschlafen.“ Bis ein Mann vom Wachdienst kam, der ihn vertrieb.