Dieser wunderschöne, nach Tabak, edlen Herrenwässern und Weinbrandbohnen duftende, stets sehr teuer und elegant gekleidete, stattliche Mann mit wohlgestutztem Graubart wacht einfach nicht mehr auf. Der Berliner Diskokünstler Friedrich Liechtenstein träumt und spinnt und saugt einen jeden, der ihm über den Weg läuft, in seine glamourösen, blasigen, fluffigen, glitzernden Welten.

Einst verhalf er uns im Sophien-„Schlafsaal“ als Maître Morphée zu Seelenruhe. Oder er schwebte als melancholischer Entertainer zusammen mit ondulierten Pudeln und einer 50-beinigen Tänzerinnenriege durch sein „Press-Pomp-Tableau“ zu Ehren der längst vergessenen Hollywood-Primadonna Carmen Miranda. Auch zeigte er immer mal wieder seinen Bärenbauch her, der so kuschlig, wuschlig und voluminös ist wie Liechtensteins Bass-Stimme: Man versinkt darin.

Liechtensteins Traum handelt von Ruhm, Bekanntheit, Liebe und Zahlungskraft. Und nun endlich zieht die Wirklichkeit mit: Soeben erlebt er seinen Durchbruch − mit Werbung für Edeka-Supermärkte. Sein Song „Supergeil“ wurde schon millionenmal angeklickt, ebenso die einzelnen Clips, in denen er den Betrachter als „supergeile Frau“, „supergeiler Kollege“, „supergeile Mutti“ oder „supergeiles Geburtstagskind“ bejubelt, und zwar so unwiderstehlich, dass man bei aller Bescheidenheit nicht umhin kann, ihm im Kern recht zu geben.

Geboren ist Liechtenstein als Hans-Holger Friedrich vor nicht einmal sechzig, spurlos an ihm vorbei gewehten Jahren im damals nigelnagelneuen Stalinstadt (heute: Eisenhüttenstadt); er zog nach Berlin, um das Puppenspieldiplom an der Ernst-Busch-Schule abzulegen und im Jahr 2003 auch seinen bürgerlichen Namen. „Verzeihen Sie mir bitte“, sagte er vor Publikum, „dass ich in meiner Fantasie ein bisschen größer und schöner geworden bin.“ Wer könnte ihm deshalb wohl böse sein, verhilft er einem doch nun mit diesen Werbespots dazu, selbst ein wenig größer und schöner, also supergeiler zu sein, als man ohnehin schon ist.

Und wenn Liechtenstein in einem der Spots die supergeilen, eigentlich ganz normalen Produkte – etwa Frost-Dorsch, Biojoghurt oder Klopapier – sanft über die Scannerkasse des supergeilen, eigentlich ganz normalen Supermarktes zieht, dann kann man ganz hinten in den Augen noch das Traumstaunen eines Stalinstädter Buben sehen, den es mit valutaprallen Taschen in einen Intershop verschlagen hat − und der, wie gesagt, nun nicht mehr aufzuwachen gedenkt.