Start der Kältehilfe: Auch für die Stadtmission steigen die Energiepreise

In diesem Jahr geschieht die Versorgung von Obdachlosen unter besonders schwierigen Vorzeichen: Die Energiekrise verdoppelt den Preis der Schlafplätze.

 Katja Kipping (Die Linke), Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, steht vor Fahrzeugen der Kältehilfe nach einer Pressekonferenz der Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege zum Start der Kältehilfe. 
Katja Kipping (Die Linke), Berliner Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, steht vor Fahrzeugen der Kältehilfe nach einer Pressekonferenz der Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege zum Start der Kältehilfe. dpa/Carsten Koall

Eine schmale Treppe führt hinab zur Notübernachtung in der Lehrter Straße. Am Ende der Treppe befindet sich ein großer Raum, in einer Ecke eine Essensausgabe, an anderen Wänden stehen Bücherregale und ein großer Bibelvers: „Herr, wir bitten komm und segne uns“, steht dort, „lege auf uns deinen Frieden, segnend halte Hände über uns, rühr uns an mit deiner Kraft.“

Die Berliner Stadtmission bietet hier jeden Winter etwa 120 Menschen einen Schlafplatz an. Ab diesem Sonnabend, dem 1. Oktober, steht dieses Angebot wieder bereit, denn dann startet in Berlin zum 33. Mal die Kältehilfe. Nach Angaben der Senatsverwaltung für Soziales werden 643 Notübernachtungsplätze zur Verfügung stehen. Um den 1. November wird die Zahl noch einmal auf rund 1000 Plätze erweitert. Die Menschen sollen einen Schlafplatz erhalten und mit warmem Essen versorgt werden.

Außerdem ist jeden Abend der Kältebus der Berliner Stadtmission im Einsatz, dort werden Kleidung und Schlafsäcke an Bedürftige verteilt. Dennoch sind sich Senatsverwaltung und Wohlfahrtsverbände einig: Diesen Winter steht die Kältehilfe vor besonderen Herausforderungen. Der dritte Corona-Winter, die Inflation und besonders die steigenden Energiepreise werden zum Problem für die Finanzierung.

Sozialsenatorin Katja Kipping freut sich über die Zusammenarbeit. Ihr sei bewusst, dass die gesamte Kältehilfe dieses Jahr vor besonderen Herausforderungen stehe. „Wir haben die Explosion der Energiekosten, der Nahrungsmittel und der Immobilienmarkt ist sehr, sehr angespannt“, sagt die Linke-Politikerin am Mittwoch. Mit Blick auf die aktuelle Zusammenarbeit und die Finanzierungssteigerungen in den letzten Jahren zieht die Senatorin dennoch eine recht positive Bilanz. „Nach Angaben der Senatsverwaltung steigen die verfügbaren Plätze an.“ Einen Grund dafür sieht Kipping in der gestiegenen Finanzierung durch die Senatsverwaltung, so habe es in den vergangenen Jahren eine Vervierfachung der Senatszuschüsse gegeben.

Zugang zu Medizin ist ein Menschenrecht.

Ulrike Kostka, Direktorin des Berliner Caritasverbandes

Zum Start der Kältehilfesaison gab es dieses Jahr erstmals eine gemeinsame Pressekonferenz der Senatsverwaltung für Soziales und der Liga der Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege in Berlin. Bereits im Sommer hatte es einen ersten „Kältehilfegipfel“ mit Senat, Bezirken und Verbänden gegeben, um sich auf den Winter vorzubereiten.

Die Wohltätigkeitsorganisationen bemängeln dennoch eine Unterfinanzierung. Ein Großteil der Kosten werde immer noch über Spenden finanziert. Statt den momentan vom Senat zur Verfügung gestellten 17 Euro pro Kopf und Übernachtung, wären eher 30 bis 40 Euro nötig, heißt es. Grund dafür sind vor allem die steigenden Energiekosten. Die Preise für die Heizung einer Traglufthalle in Friedrichshain-Kreuzberg seien enorm gestiegen, sagt Oliver Nöll (Linke), der zuständige Bezirksstadtrat für Soziales. Der Bezirk bietet die meisten Plätze in Notübernachtungen an, doch die steigenden Energiepreise machen sich auch hier bemerkbar. Zusätzlich dazu sei es auf dem angespannten Immobilienmarkt immer schwieriger, geeignete Räume für die Unterbringung zu finden.

Doch auch für andere Bereiche sei eine bessere Finanzierung nötig. Ulrike Kostka, Direktorin des Berliner Caritasverbandes fordert eine gesicherte Basisfinanzierung, um medizinische Versorgungsangebote bereitstellen zu können. „Die meisten obdachlosen Menschen seien nicht krankenversichert“, sagt Kostka, „aber der Zugang zu Medizin ist ein Menschenrecht.“ Auch die Corona-Pandemie habe noch immer Auswirkungen auf die Kältehilfe. So wird es auch dieses Jahr wieder Quarantänestationen für obdachlose Menschen geben.

Außerdem betonen die Liga-Vertreterinnen, dass es sich bei der Kältehilfe nur um eine Notfallversorgung handle, dies solle nicht zum Dauerzustand werden. Gabriele Schlimper, die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Berlin fordert daher mehr preiswerte Wohnungen, um obdachlosen Menschen dauerhaft zu helfen. Die Kältehilfe sei ein Ansatzpunkt, um mit Menschen in Kontakt zu kommen und ihnen Hilfe anzubieten, doch hier sei noch viel mehr Förderung nötig. Auch fehle es an professionellem Personal.

Das Kältehilfe-Telefon (030 34397140) ist ab dem 1. Oktober jeden Tag von 19 bis 23 Uhr besetzt. Kipping fordert die Berlinerinnen und Berliner zu Aufmerksamkeit. Am wichtigsten, sagt die Senatorin, sei es zu fragen, ob die Betroffenen Hilfe brauchen und möchten, bevor man sich an das Kältehilfe-Telefon wendet. Laut einer offiziellen Zählung gibt es rund 2000 Obdachlose in Berlin, doch Experten gehen davon aus, dass es eher rund 10.000 Obdachlose sind.