Berlin - Die Journalistin Ruth Hoffmann hat 2012 das ebenso informative wie spannende Buch „Stasi-Kinder: Aufwachsen im Überwachungsstaat“ veröffentlicht. Hier spricht sie über den Fall Andrej Holm und andere Kinder von Eltern hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter.

Frau Hoffmann, der neue Berliner Staatssekretär Andrej Holm steht wegen seiner Stasi-Tätigkeit schwer in der Kritik. Wie bewerten Sie den Fall?

Ruth Hoffmann: Zum einen geht es um parteipolitische Machtspielchen. Für die Linke wäre es natürlich ein Erfolg, ihren Kandidaten durchzubekommen – und ein Signal an gewisse Teile ihrer Wählerschaft, dass es nach 27 Jahren endlich gut sein müsse mit der leidigen Stasi-Debatte. Die Krise in der Koalition ist wiederum für die CDU ein gefundenes Fressen. Letztlich geht es aber aus meiner Sicht vor allem um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit den ehemaligen Hauptamtlichen umgehen wollen. 1990 gab es eine politische Entscheidung gegen deren Einstellung in öffentliche Ämter. Damit wäre der Fall Holm eigentlich klar. Ich hoffe trotzdem, dass jetzt eine neue, differenziertere Debatte entsteht.

Holms Eltern waren Mitglieder der SED, der Vater, in Moskau geboren, war Stasi-Offizier. Ist das der typische Background für die Karriere, die dann auch der Sohn machen wollte?

Nicht notwendigerweise. Aber tatsächlich rekrutierte die Stasi ihr – überwiegend männliches – Personal bevorzugt in den eigenen Reihen. Viele Väter sahen es auch selbst gern, wenn der Nachwuchs ebenfalls „zur Firma“ kam, wie es damals intern hieß, denn das bewies, wie „klassenbewusst“ es bei ihnen zuhause zuging und wie gut sie ihre Sprösslinge im Griff hatten. Holm wird wie alle Stasi-Kinder von klein auf zum guten Parteisoldaten erzogen worden sein. Dass er mit gerade mal 14 Jahren die Bereitschaftserklärung für eine Laufbahn im MfS unterschrieben hat, passt ins Bild und war in Mitarbeiter-Familien eher die Regel als die Ausnahme.

Wie viele Stasi-Kinder gab es denn?

Genaue Zahlen gibt es nicht, aber wenn man bedenkt, dass das MfS sein Personal über 40 Jahre hinweg etwa alle zehn Jahre verdoppelte und am Ende der DDR über 91000 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigte, bekommt man eine Ahnung von den Dimensionen.

Und wie sah das Leben dieser Stasi-Kinder konkret aus?

Fast alle erzählen von großer Strenge und häufigen Strafen, viele von körperlicher oder verbaler Gewalt. Das ist kein Zufall, denn die Stasi hatte das Privatleben ihrer Mitarbeiter genauestens im Blick: Wenn Sohn oder Tochter eines Hauptamtlers aus der sozialistischen Norm fielen, konnte das für ihn unangenehme Konsequenzen haben. Um seine Karriere nicht zu gefährden, musste er also dafür sorgen, dass die gesamte Familie auf Linie war. Für die Kinder bedeutete das ein Leben mit Angst und Misstrauen. Es herrschte gewaltiger Konformitätsdruck.

Und wie sind die Kinder mit diesen sehr speziellen Lebensumständen umgegangen?

Viele haben gut „funktioniert“ und sich an die Regeln gehalten – es stand ja schließlich die Familie auf dem Spiel. Spätestens in der Pubertätszeit kam es dann aber meist trotzdem zu Konflikten, weil die Kinder zum Beispiel anfingen, Musik aus dem Westen zu hören, Freunde trafen, die den Eltern politisch nicht genehm waren oder Klamotten trugen, die aus Sicht der Stasi auf „negativ-dekadentes Gedankengut“ hindeuteten. So wurden völlig harmlose Dinge brisant und für den Vater zur Gefahr. Manche Teenager haben heimlich weitergemacht oder es sogar zur offenen Konfrontation kommen lassen. Viele andere haben resigniert, bewusst oder unbewusst.

Was waren die interessantesten und die Sie am stärksten berührenden Fälle?

Besonders berührt hat mich zum Beispiel die Geschichte von Thomas Tröbner, der immer in den Westen wollte, einfach weil so viele seiner Kumpel schon „drüben“ waren. Schließlich hat er versucht zu fliehen, ist erwischt worden und im Knast gelandet. Der Vater hat sich daraufhin von ihm losgesagt, um seine Karriere zu retten, denn ein „Republikflüchtling“ als Sohn ist für einen Stasi-Mann der Super-GAU. Er blieb sogar noch lange nach Ende der DDR bei dieser Linie. So etwas hinterlässt natürlich massive Verletzungen. Bis heute. Oder die Geschichte von Anna Warnke, die erst 2009 mit Hilfe eines Therapeuten dahinterkam, dass ihr Vater ein hohes Tier bei der Stasi gewesen war, obwohl sie mit den Eltern in luxuriösen Ferienheimen Urlaub gemacht hatte, wo sogar auf dem Besteck „MfS“ stand. Sie hatte einfach alles verdrängt.

Nun liegt das alles über 27 Jahre zurück. Haben Sie eine Ahnung, wie es den Stasi-Kindern heute geht und wie sehr ihre Prägung nachwirkt?

Praktisch alle erzählen, wie schwer es ihnen fällt zu vertrauen – sich selbst und anderen. Viele suchen therapeutische Hilfe, noch viel mehr aber haben nicht den Mut dazu und zerbrechen. Im vergangenen Jahr hat sich Andreas Derball das Leben genommen, mit dessen Geschichte mein Buch beginnt. Ich weiß auch von Selbstmordversuchen anderer. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass alle Stasi-Kinder in irgendeiner Weise leiden – an ihren zum Teil traumatischen Erlebnissen; an der Scham über ihre Väter oder über sich selbst, weil sie sich nicht gewehrt haben. Sogar die, die bis heute loyal zu ihren Eltern stehen, müssen damit klarkommen, dass diese als Täter gelten. Das ist sehr schmerzhaft. Auch die Ungewissheit, inwieweit ihr Vater sich schuldig gemacht hat, treibt viele um.

Würden Sie sagen, dass die Stasi-Kinder genau so frei sind, ihr Leben zu bestimmen wie andere Heranwachsende? Oder sind sie Gefangene ihrer Biografie?

Egal, wie sie heute zu ihren Eltern stehen: Stasi-Kinder tragen ein schweres Erbe, und nur wenigen gelingt es, sich davon frei zu machen. In gewisser Weise sind auch sie Opfer des SED-Regimes, aber durch ihre Nähe zu den Tätern werden sie nicht also solche wahrgenommen, und sie selbst würden es sich nie zugestehen, sich so zu sehen. Immerhin gibt es in Berlin jetzt die erste Selbsthilfegruppe. Vielleicht kommt da etwas in Gang.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang Holm?

Auf mich wirkt auch er wie jemand, der mit sich und seiner Geschichte ringt. Er war offenbar ein folgsamer Sohn und bis zuletzt auf Linie seines Vaters. Wäre nicht zufällig im Herbst 1989 die DDR implodiert, wäre er vermutlich ebenfalls in der Bezirksverwaltung aufgestiegen.

Holm sagt nun, er habe zwar im September 1989 eine Ausbildung beim Wachregiment Feliks Dzierzynski begonnen mit dem Ziel einer späteren Tätigkeit im MfS. Ihm sei aber nicht bewusst gewesen, dass er damals bereits hauptamtlich bei der Stasi war. Finden Sie diese Erklärung überzeugend?

Überhaupt nicht. Es ist undenkbar, dass er nicht wusste, worauf er sich einließ. Er hat die Verpflichtungserklärung doch eigenhändig geschrieben. Es ist der Standardtext, den jeder neue Mitarbeiter diktiert bekam. Meiner Meinung nach zeigt gerade diese Aussage, dass Holm Teile seiner Biografie entweder verschweigt oder verdrängt.

Haben Sie das Gefühl, dass er sich mit seiner Vergangenheit ausreichend auseinander gesetzt hat?

Was er im stillen Kämmerlein denkt, wissen wir natürlich nicht. Aber von dem, was er bisher von sich gegeben hat, habe ich nicht den Eindruck. Hauptsächlich versucht er, die Sache herunterzuspielen und Lügen als Unwissenheit darzustellen. Zum Beispiel sagt er, er habe bei der Humboldt-Uni angegeben, sich nie für die Stasi verpflichtet zu haben, weil er dachte, die Frage bezöge sich auf eine informelle Tätigkeit als IM. Was für eine bizarre Erklärung! Vielleicht kann er in dieser Situation nicht anders, nach wirklich verarbeiteter und abgeschlossener Vergangenheit klingt das für mich jedenfalls nicht.

In der fraglichen Zeit war Holm noch keine 20 Jahre alt. Ist das nicht ein mildernder Umstand?

Als er sich verpflichtete, war er knapp 19 Jahre alt. Das ist ein Alter, in dem man durchaus schon selber denken kann. Außerdem zeichnete sich damals bereits ab, dass sich in der DDR etwas zusammenbraute. Es hatte Proteste gegen die Fälschung der Kommunalwahlen gegeben, die ersten Friedensgebete und Demonstrationen. Wer Stasi-Offizier wurde, bekannte sich zum Regime – und gegen das demonstrierende Volk. Trotzdem: Über Holms Motive kann man nur spekulieren. Vielleicht war er überzeugt, das Richtige zu tun, vielleicht fürchtete er auch nur die Enttäuschung oder den Zorn seines Vaters. Angst spielte in den meisten Stasi-Familien eine beherrschende Rolle. Und selbständiges Denken gehörte nicht zu den Tugenden, die in diesen Kreisen gern gesehen waren.