Berlin Um die Spuren zu verwischen, wurden Mauertote meistens schnell eingeäschert. So geschah es auch mit den Leichen der beiden in Treptow erschossenen Kinder Jörg Hartmann und Lothar Schleusener. Im Register für Feuerbestattungen des Krematoriums Baumschulenweg aus der fraglichen Zeit wurde unter der Nummer 701 ein angeblich „unbekannter Mann“ eingeäschert. Später wurde der Name nachgetragen: Hartmann Jörg, geboren am 27.10.55, gestorben am 15.3.66 in Berlin-Mitte.   

Gefälschte Dokumente, eine „auf Anordnung des Rates des Stadtbezirks Berlin-Mitte“ nachträglich berichtigte Sterbeurkunde für Jörg Hartmann, Spitzelberichte – all das hatte die Kriminalbeamtin Waltraud Aengenheister irgendwann auf ihrem Tisch.

Aengenheister kam nach der Wende von Kleve zur Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität (ZERV) nach Berlin. 1993 übernahm sie den Fall der tödlichen Schüsse auf Jörg Hartmann und Lothar Schleusener.

Mauertote: Todesschützen ermittelt

„Es gab zunächst sehr wenige Hinweise in diesem Fall“, erinnert sich die heute 65-Jährige. Die Ermittlungen hätten sich als sehr schwierig erwiesen. Doch Aengenheister durchforstete Archive und Stasiakten. Sie sprach mit Überläufern und schließlich Mitwissern. Bis sie auf die beiden Todesschützen stieß.

Die ZERV wurde am 1. September 1991 eingerichtet, sie war anhängig beim Berliner Polizeipräsidium als kriminalpolizeiliche Dienststelle. Die dort arbeitenden Ermittler sollten die SED- und DDR-Vergangenheit strafrechtlich aufarbeiten.

Dazu gehörten auch die Todesschüsse an der Berliner Mauer. Die ZERV bearbeitete nach Angaben der Senatsinnenverwaltung insgesamt 20.327 Ermittlungsverfahren, von denen 3.236 Verfahren wegen der Todesfälle an der innerdeutschen Grenze geführt wurden. Sie mündeten ins insgesamt mehr als 100 Mauerschützenprozesse, von denen die meisten mit Bewährungsstrafen endeten.

Tod an der Berliner Mauer: von Chris Gueffroy

Der erste derartige Prozess begann im September 1991. Es ging um den Tod des 20-jährigen Chris Gueffroy im Februar 1989. Er war das letzte Opfer an der Berliner Mauer, das erschossen wurde. Der letzte Mauerschützenprozess endete vor dem Landgericht Berlin im November 2004. Zu dieser Zeit war die ZERV längst Geschichte. Sie wurde am 31. Dezember 2000 aufgelöst.

Ein Jahr höchstens wollte Waltraud Aengenheister damals bei der ZERV in Berlin bleiben. Fünf Jahre wurden daraus. Sie sagt, die Ermittlungen im Fall der getöteten Jörg Hartmann und Lothar Schleusener seien ihr besonders nahegegangen. „Gerade weil es Kinder waren, die Opfer des damaligen Systems wurden“, sagt Waltraud Aengenheister, die mittlerweile im Ruhestand ist.