Es ist Freitag, der 9. März 2012, 15.49 Uhr, als Roland Jahn einen großen kleinen Sieg erringt. Um 14.23 Uhr hat der Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde bei Tempo 150 auf der Autobahn zwischen Erfurt und Suhl übers Telefon bei seinen Leuten angefragt, wie viele Menschen zuletzt Einsicht in die Stasi-Akten Verstorbener beantragt haben. 86 Minuten später klingelt der Blackberry im Suhler Ringberghotel. Der Apparat in Berlin spuckt das Ergebnis aus. Jahn versenkt den Blackberry zufrieden in seiner schwarzen Jacke. Er hat den Beweis erbracht, dass der Satz „Am Freitag nach eins macht jeder seins“ in der Behörde nicht gilt.

Zuvor hat Jahn in seiner Dienstlimousine 72 Kilometer zurückgelegt – von Thüringens Hauptstadt in eine der früheren DDR-Bezirksstädte, von einem Gespräch mit der CDU-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht in der altehrwürdiger Staatskanzlei zur Geschichtsmesse der Stiftung Aufarbeitung in ein altes DDR-Hotel 750 Meter über dem Meeresspiegel, auf Geheiß von Staats- und Parteichef Erich Honecker erbaut. Seit einem Jahr macht der langjährige Journalist das jetzt – eine Behörde führen, die 1650 Mitarbeiter zählt, 97 Millionen Euro jährlich kostet und 111 Kilometer Akten verwaltet. Kritiker fragten vorher: Kann der das?

Der Bilderbuch-Dissident

Jahn ist mit flotten Sprüchen zurückhaltend. Ob die Behörde sich von innen anders darstelle als von außen, ob er Fehler gemacht habe, ob sein Vorvorgänger und künftige Präsident Joachim Gauck so ein richtiger Bürgerrechtler gewesen sei – zu all dem sagt er auf der Fahrt entlang der grünen Hügel Thüringens wenig. „Eine Behörde ist kein Selbstzweck“, gibt Jahn allenfalls zu Protokoll. Und dafür, ob einer Dissident gewesen sei, gebe es keinen Maßstab. Das ist großzügig. Denn Jahn selbst hat mehrfach gegen die DDR-Oberen demonstriert, er flog deswegen von der Uni, saß im Gefängnis, wurde auf Befehl der der Stasi in einen Zug gesperrt und außer Landes geschafft. Er ist der wandelnde Maßstab. Doch ein Prahlhans ist er nicht. Charisma geht ihm ab.

Gleichwohl hat der Bilderbuch-Dissident in den ersten 365 Amtstagen heftig polarisiert. Dabei ist ein Bild entstanden, das den Realitäten nicht entspricht.

Heute vor einem Jahr nämlich hat Jahn jene Antrittsrede gehalten, die den in der letzten Reihe sitzenden SPD-Bundestagsabgeordneten Dieter Wiefelspütz aufspringen und lauthals zweifeln ließ, ob er denn im Bundestag dem Richtigen die Stimme gegeben habe. Jahn sagte damals: „Die Beschäftigung von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern in der Behörde für die Stasi-Unterlagen ist unerträglich. Jeder ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer.“ Die seinerzeit 47 und heute noch 44 unter den 1650 Mitarbeitern beschädigten die Glaubwürdigkeit der Aufarbeitung, befand er. Glaubwürdigkeit sei jedoch „die Grundlage für die Existenz dieser Behörde“. Und, fügte er hinzu: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“

Jahn mahnt also nicht in aller ihm sonst eigenen Bescheidenheit, dass es besser wäre, die vielen Wachleute und einige Archivare würden das Haus verlassen – weil sie den Opfern damit einen Gefallen täten. Seine Rede lautet: Ich will. Und ich werde. Dies ist prinzipiell umstritten, taktisch eine Eselei und bei all dem wohl eine Variante des Streits über Bärbel Bohleys Bonmot, wonach man Gerechtigkeit ersehnt und den Rechtsstaat bekommen habe. Jahn wohnt an der Gethsemane-Kirche im Prenzlauer Berg, wo die Trauerfeier für Bohley stattfand.