Berlin - Auf die Empörungswelle ist Verlass. Kaum lagen am Donnerstag die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes über die Entwicklung der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung vor, meldeten sich die üblichen Bedenkenträger zu Wort: „Es rollt eine Lawine der Altersarmut auf uns zu“, schlug Ulrich Schneider, der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, routiniert Alarm. Und Ulrike Mascher, die Chefin des Sozialverbandes VdK, sprach von „alarmierenden“ Nachrichten für die Senioren. Mit diesem Tenor griffen auch die Nachrichtenagenturen die Meldung auf. Spiegel Online und viele Tageszeitungen am Freitag folgten. „Immer mehr alte Menschen auf Grundsicherung angewiesen“, lautet der beunruhigende Tenor. 

Aber stimmt das überhaupt? Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zunächst die Statistik etwas genauer anschauen. Sie verzeichnet für den 31. Dezember 2014 (die aktuelleren Zahlen fürs erste Quartal 2015 sind nach Angaben der Statistik-Behörde wegen eines Computerfehlers nicht aussagekräftig) exakt 1.002.168 Empfänger von Grundsicherung. Freilich sind – was nicht allen Kommentatoren aufgefallen ist - die Hälfte von ihnen keine Senioren, sondern Menschen ab 18 Jahren, die wegen einer Behinderung erwerbsgemindert sind. Auf staatliche Stütze im Rentenalter waren Ende 2014 genau 512.262 Frauen und Männer angewiesen. Ein Jahr zuvor lag die Zahl bei 497.433.

Die Gruppe der Senioren wächst

Von einer „Lawine“ kann man bei einem Zuwachs von 15.000 zwar kaum sprechen. Aber die absolute Tendenz zeigt eindeutig nach oben – und das ist schlecht. Freilich altert die deutsche Gesellschaft ziemlich schnell. Es gibt also immer mehr Senioren. Nur ein paar Klicks weiter auf der Homepage des Statistischen Bundesamts findet sich eine interessante Tabelle. Derzufolge waren 1990 von den 80 Millionen Bundesbürgern  20,4 Prozent über 60 Jahre. 2013 (neuere Zahlen gibt es hier nicht) lag der Anteil bei 27,1 Prozent. Die Gruppe der Senioren wuchs also um stolze fünf Millionen. Das sind im Durchschnitt immerhin 200.000 pro Jahr.

Die Zahl der Älteren wächst stärker als die der armen Senioren? Richtig! Um das zu erkennen, muss man mit dem Finger in der Grundsicherungs-Statistik nur eine Spalte nach rechts rücken. Dort ist der Anteil der Bezieher staatlicher Hilfe an der Gesamtheit der Senioren ausgewiesen. 2013 betrug er 3,0 Prozent. 2014 waren es 2,9 Prozent. Der Anteil der Armen ist also nicht etwa gestiegen, sondern leicht gesunken! Dass die Bevölkerungszahl in beiden Fällen auf Basis des Zensus von 2011 lediglich hochgerechnet ist, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt. Es ändert an der Tendenz gar nichts: Den Rentnern geht es im Schnitt unverändert – vielleicht sogar ein bisschen besser.

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