Berlin - Noch nie hatte die Bundeswehr so viele Minderjährige in ihren Reihen wie im Jahr 2017. Bis Ende des vergangenen Jahres (31. Dezember) traten 2128 Rekruten, die unter 18 Jahren alt sind, ihren Dienst bei den Streitkräften an. Darunter waren 448 junge Frauen. 90 Soldaten waren auch nach Ablauf der sechsmonatigen Probezeit noch minderjährig. Das geht aus einer Antwort auf eine Anfrage der Linken hervor, die dieser Zeitung vorliegt.

Das ist keine neue Entwicklung. Die Zahl der Minderjährigen ist seit Abschaffung der Wehrpflicht 2011 kontinuierlich gestiegen: Während 2011 noch 689 Minderjährige von der Bundeswehr ausgebildet wurden, waren es im Jahr 2016 bereits 1576. Jetzt wurde erstmals die 2000er-Marke gerissen.

Anstellung mit frühestens 17 Jahren

Als Grund für die höheren Zahlen nennt die Bundeswehr vor allem das geringe Durchschnittsalter deutscher Schulabgänger: „Circa 75 Prozent der Schulabgänger waren 2016 noch minderjährig“, so eine Sprecherin des Verteidigungsministerium gegenüber dieser Zeitung. Die Bundeswehr stelle geeignete Bewerber mit frühestens 17 Jahren an – „und nur mit Zustimmung der Eltern“, so die Sprecherin weiter. Ein Viertel der minderjährigen Rekruten breche ihre Ausbildung im Laufe des ersten halben Jahres ab. Das entspreche der Quote der zivilen Wirtschaft und ungefähr auch der Aussteigerquote bei erwachsenen Rekruten.

An Minderjährige werden bei der Bundeswehr nicht in allen Bereichen dieselben Anforderungen gestellt wie an Erwachsene: Sie dürfen zum Beispiel nicht an Auslandsdiensten und Wachdiensten teilnehmen, Umgang mit der Waffe dürfen sie nur zu Ausbildungsgründen und unter strenger Aufsicht haben.

SPD schlägt Kompromiss vor

Der SPD-Abgeordnete Fritz Felgentreu sieht die hohe Zahl jugendlicher Rekruten dennoch kritisch als „Trend, der dringend gestoppt werden muss“. Minderjährige an der Waffe auszubilden entspreche nicht seinen Vorstellungen von Jugendschutz. „Wer bestimmte Computerspiele aus Altersgründen noch nicht benutzen darf, soll auch nicht lernen, wie man ein Sturmgewehr bedient“, so Felgentreu gegenüber dieser Zeitung.

Damit die um Personal ringende Bundeswehr „geeignete und motivierte Siebzehnjährige“ nicht abweisen müsse, fordert der SPD-Abgeordnete – wie schon seine Partei im Programm für die Bundestagswahl 2017 - die Einrichtung eines zivilen Vorbereitungsdienstes. In dreimonatigen Ausbildungsmodulen sollen die Rekruten, die noch keine 18 Jahre alt sind, nach Vorstellung der SPD in Bereichen geschult werden, die sie später als Soldaten „sinnvoll nutzen“ könnten. Denkbar seien zum Beispiel Module zu „NATO-Englisch, politische Bildung, Sport, Technik oder das Erlangen eines Führerscheins“. Erst mit Erreichen des 18. Lebensjahres sollten sie dann aus dem zivilen Bereich in den Dienst in Uniform wechseln, so Felgentreu.

Linke gegen Minderjährige bei der Bundeswehr

Die Linke hingegen lehnt eine Ausbildung von Minderjährigen bei den Streitkräften generell ab. Die Bundeswehr verstoße mit der Anwerbung von Jugendlichen gegen die Bestimmungen der UN-Kinderrechtskonvention, teilt Linke-Abgeordnete Helin Evrim Sommer mit. „Junge Heranwachsende dürfen nicht als Kanonenfutter bei Auslandseinsätzen verheizt werden, sobald sie volljährig geworden sind.“ Die Bundesregierung gefährde außerdem ihre eigenen Bemühungen zur internationalen Ächtung des Einsatzes von Kindersoldaten.

Auch die Grünen äußern scharfe Kritik: „Die Zuwächse deuten darauf hin, dass massiv und gezielt bei Minderjährigen geworben wird“, so Grünen-Abgeordnete Agnieszka Brugger, die im Verteidigungsausschuss des Bundestages sitzt. „Ursula von der Leyen sollte endlich aufhören, ihre völlig unrealistischen Personalversprechen mit immer mehr Minderjährigen erreichen zu wollen.“ Der Dienst bei der Bundeswehr sei nicht vergleichbar mit einem Job in irgendeinem beliebigen Unternehmen.

Von der Leyen hatte im Frühjahr 2017 angekündigt, die Streitkräfte bis zum Jahr 2024 auf 198.000 Soldaten aufzustocken. Zum Erreichen der genannten Ziele fehlen weiterhin rund 19.000 Soldaten.