Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich angesichts der Probleme bei der Bekämpfung der Pandemie gegen  Resignation und Selbstmitleid gewandt. Natürlich müssten Fehler identifiziert und Schwachstellen abgestellt werden, sagte er am Freitag. „Aber wir verbrauchen wahrlich viel Kraft auf der Suche nach dem Schuldigen des Tages. Kraft, die wir als Gesellschaft an anderer Stelle brauchen“.

Steinmeier sprach bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Özlem Türeci und Ugur Sahin, die Erfinder des Corona-Impfstoffs der Firma Biontech. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm an der Zeremonie im Schloss Bellevue teil.

Steinmeier: Jetzt hilft nur impfen, mit allen Mitteln

Jetzt helfe nur eines: mehr und schneller impfen – „mit allen Mitteln, die wir haben!“ Das sei das Gebot der Stunde, sagte der Präsident. „Mit Mut, mit Klugheit, mit einem guten Stück mehr Pragmatismus. In dieser wohl schwierigsten Phase der Pandemie kann die Geschichte der heute ausgezeichneten Ordensträger uns Mut machen, sie kann im besten Sinne Vorbild sein – für Bürger, für Politiker, für alle, die Verantwortung tragen“.


Er sei sich sicher: „Eine ähnlich existenzielle wissenschaftliche Großtat ist in diesem Schloss selten ausgezeichnet worden“, sagte der Präsident. Viele hätten versucht, die beiden Forscher  zu vereinnahmen, ihrer Entdeckung eine Nationalität zu verleihen. „Ein Impfstoff aber hat keine Nationalität – er ist weder deutsch noch türkisch, er ist auch nicht amerikanisch.“ Wenn er etwas zeige, dann, dass Menschen zu Großem und Größtem fähig sind, wenn sie in Freiheit und Respekt füreinander zusammenarbeiteten, wenn sie über politische, soziale und kulturelle Grenzen hinweg miteinander etwas Neues wagten. „Dafür sind Sie ein Beispiel für Menschen überall auf der Welt“.

Erste Liga der Impfstoff-Forschung

Auch Dank der Arbeit von Türeci und Sahin sei die Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz aus der ersten Liga der Impfstoff-Forschung nicht mehr wegzudenken. „Was soll denn schon Großes aus Mainz kommen?“, habe man ihnen jahrelang verächtlich nachgerufen. „Ich bin sicher: Dank Ihnen wird diese Frage niemand jemals wieder stellen – nicht in Harvard, nicht in Oxford, nicht im Silicon Valley. Und nicht nur Mainz darf stolz darauf sein.“

Mit Mut und Demut und mit einem klaren Ziel hätten sie alles auf eine Karte gesetzt, seien als Unternehmerin und Unternehmer ein großes Wagnis eingegangen. Hohe Risiken einzugehen, wenn es um finanzielle Wagnisse geht, sei nicht leicht in Deutschland, trotz mancher Förderung, die auch die beiden Forscher erhalten hätten.

„Das Besondere ist, dass Sie unermüdlich über eine lange Zeit selbst bereit waren, alles einzusetzen, um Ihre Vision zum Erfolg zu führen. Ihr Mut, Ihre Tatkraft und Ihr Vertrauen ins Gelingen beeindrucken mich zutiefst. Wir brauchen ganz viel davon in unserem Land! Wir brauchen Mut und Tatkraft, gerade wenn es schwierig wird.“

Natürlich gebe es Rückschläge im Kampf gegen die Pandemie, gerade erst in dieser Woche wieder, natürlich würden  Fehler gemacht, sagte Steinmeier. „Wir sind nicht so weit, wie wir sein wollten und wie wir sein sollten. Und, ja, es herrscht viel Verunsicherung, viel Frust in unserem Land. Ich verstehe das nur zu gut.“

Eines aber „hat dieses großartige Paar doch vorgemacht: Wir können es! Deutschland kann es! Allen Widrigkeiten zum Trotz, und später als erhofft –, aber wir werden die Pandemie unter Kontrolle bringen“, unterstrich Steinmeier.

Auch die beiden Wissenschaftler und Unternehmer äußerten sich in ihren Dankesworten zuversichtlich. „Das Licht im Dunklen wird heller“, sagte Türeci. Nach den Worten Sahins sind zwei Drittel des Weges bei der Bekämpfung der Pandemie geschafft. Die nächsten sechs Monate würden noch einmal hart. „Aber lassen wir uns von der dritten Welle nicht demoralisieren. Wir wissen, was wir zu tun haben.“ Es sei zu schaffen, dass bis Ende des Sommers alle, die es wollten, geimpft würden.