Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
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Mit einer vergleichsweise bescheidenen Zeremonie hat das offizielle Deutschland inmitten der Corona-Pandemie des Kriegsendes vor 75 Jahren gedacht. Statt eines Staatsaktes am Reichstagsgebäude kamen die Spitzen der Verfassungsorgane zu einem fast stillen Gedenken an der Neuen Wache Unter den Linden zusammen. Sie legten Kränze an der Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft nieder, bevor Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Wort ergriff.

Er erinnerte an den Gedanken seines Vorgängers Richard von Weizsäcker, der den 8. Mai 1945 in seiner Rede vor 35 Jahren erstmals für die bundesdeutsche Politik eindeutig als einen Tag der Befreiung gewürdigt hatte. „Ja, der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung. Aber er war es noch lange nicht in den Köpfen und Herzen der allermeisten Deutschen“, sagte Steinmeier. Es habe drei Generationen gedauert, „bis wir uns dazu aus vollem Herzen bekennen können.“ Heute sei der Tag der Befreiung ein Tag der Dankbarkeit.

Keine Erwähnung der Roten Armee

Die Befreiung sei 1945 von außen gekommen, sagte Steinmeier, ohne die daran beteiligten Alliierten zu nennen, etwa die Rote Armee, die mit der Schlacht um Berlin die deutsche Kapitulation erzwang. Sie habe von außen kommen müssen, so tief sei das Land in sein eigenes Unheil und seine eigene Schuld verstrickt gewesen. Aber: „Auch wir selbst haben Anteil an der Befreiung. Es war die innere Befreiung. Sie geschah nicht am 8. Mai 1945, nicht an einem einzigen Tag. Sondern sie war ein langer, ein schmerzhafter Weg. Aufarbeitung und Aufklärung über Mitwisserschaft und Mittäterschaft, quälende Fragen in den Familien und zwischen den Generationen, der Kampf gegen das Verschweigen und Verdrängen.“ Diese Jahrzehnte des Ringens mit der Geschichte seien Jahrzehnte gewesen, in denen die Demokratie in Deutschland erst reifen konnte, „bis hin zu jenem glücklichsten Moment der Befreiung, der friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung“.

Dieses Ringen bleibe bis heute. „Es gibt kein Ende des Erinnerns. Es gibt keine Erlösung von unserer Geschichte. Denn ohne Erinnerung verlieren wir unsere Zukunft“, betonte er. „Nur weil wir Deutsche unserer Geschichte ins Auge sehen, weil wir die historische Verantwortung annehmen, haben die Völker der Welt unserem Land neues Vertrauen geschenkt. Und deshalb dürfen auch wir selbst uns diesem Deutschland anvertrauen. Darin liegt ein aufgeklärter, demokratischer Patriotismus. Es gibt keinen deutschen Patriotismus ohne Brüche. Ohne den Blick auf Licht und auf Schatten, ohne Freude und Trauer, ohne Dankbarkeit und Scham.“

Rabbi Nachman habe gesagt: „Kein Herz ist so ganz wie ein gebrochenes Herz.“ Die deutsche Geschichte sei eine gebrochene Geschichte – mit der Verantwortung für millionenfachen Mord und millionenfaches Leid. „Das bricht uns das Herz. Deshalb: Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben.“ Wer das nicht ertrage, wer einen Schlussstrich fordere, der verdränge nicht nur die Katastrophe von Krieg und NS-Diktatur. Der entwerte auch all das Gute, das wir seither errungen haben – „der verleugnet den Wesenskern unserer Demokratie“.

Weizsäckers Satz neu lesen

„Ich glaube: Wir müssen Richard von Weizsäckers berühmten Satz heute neu und anders lesen“, fuhr Steinmeier fort. 1985 sei dieser Satz ein Meilenstein im Ringen mit der Vergangenheit gewesen. Heute müsse er sich an die Zukunft richten. „Damals wurden wir befreit. Heute müssen wir uns selbst befreien“, appellierte der Präsident. „Von der Versuchung eines neuen Nationalismus. Von der Faszination des Autoritären. Von Misstrauen, Abschottung und Feindseligkeit zwischen den Nationen. Von Hass und Hetze, von Fremdenfeindlichkeit und Demokratieverachtung – denn sie sind doch nichts anderes als die alten bösen Geister in neuem Gewand. Wir denken an diesem 8. Mai auch an die Opfer von Hanau, von Halle und Kassel. Sie sind durch Corona nicht vergessen!“

Steinmeier bedauerte, dass es keine größeren Gedenkveranstaltungen geben könne. Er rief die Bürger auf, diese Stille zum Innehalten zu nutzen und zu bedenken, was der 8. Mai für ihr Leben und Handeln bedeute. 75 Jahre nach Kriegsende dürften die Deutschen für vieles dankbar sein. „Aber nichts von all dem Guten, das seither gewachsen ist, ist auf ewig gesichert. Der 8. Mai war nicht das Ende der Befreiung – Freiheit und Demokratie sind sein bleibender Auftrag, unser Auftrag.“