Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Dresden.
Foto: AFP/ Ronny Hartmann

DresdenKerzen, stilles Gedenken und eine kilometerlange Menschenkette: Dresden hat 75 Jahre nach der Bombennacht des 13. Februar an die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg erinnert. Immer wieder klangen dabei auch Warnungen vor einem Wiedererstarken von Rechtsextremismus, Antisemitismus und Nationalismus an. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erinnerte bei der Gedenkfeier am Nachmittag im Kulturpalast an die Opfer von Kriegen - und schlug in seiner Rede einen Bogen zur heutigen Zeit.

„Wir erleben, wie auch in unserem Land Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit das öffentliche Leben wieder zu vergiften beginnen, wie Rechtsstaat und demokratische Institutionen verächtlich gemacht und ihre Repräsentanten beleidigt und angegriffen werden“, sagte Steinmeier. „Wenn gewählte Abgeordnete heute die Parlamente, in denen sie sitzen, vorführen und lächerlich machen, dann ist das der Versuch, die Demokratie von innen zu zerstören.“

Appell zur Verteidigung der Demokratie

In Thüringen war Anfang Februar der FDP-Politiker Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten gewählt worden. Dies gelang nur, weil die AfD für ihn stimmte, obwohl sie einen eigenen Kandidaten aufgestellt hatte. Der Vorgang löste in Erfurt eine schwere politische Krise aus - mit Wirkung bis nach Berlin.

Steinmeier verknüpfte das Gedenken an die Zerstörung Dresdens vor 75 Jahren mit einem Appell zur Verteidigung der Demokratie. Die Bombardierung Dresdens erinnere an die Zerstörung des Rechtsstaates und der Demokratie in der Weimarer Republik, an nationalistische Selbstüberhebung und Menschenverachtung, an Antisemitismus und Rassenwahn, sagte er auf einer Gedenkveranstaltung im Dresdner Kulturpalast: „Und ich befürchte, diese Gefahren sind bis heute nicht gebannt.“

Es reiche nicht, wenn Demokraten erschauerten und sich angewidert abwendeten, so Steinmeier: „Nichts davon darf in unserem Land unwidersprochen bleiben. Wir alle müssen Hass und Hetze zurückweisen, Beleidigungen widersprechen, Vorurteilen entgegentreten. Wir alle müssen, so erbittert der politische Streit in der Sache auch sein mag, Diskussionen mit Vernunft und Anstand führen und die Institutionen unserer Demokratie schützen.“

Dresden: Menschenkette mit 11.000 Bürgern

Am frühen Abend reihte sich das Staatsoberhaupt dann mit rund 11.000 Bürgern in eine vier Kilometer lange Menschenkette ein - mit dabei waren auch der Herzog von Kent, Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) und Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP). Die Menschenkette will ein Zeichen setzen für Versöhnung und gegen den Missbrauch des historischen Datums durch Rechte. Tausende reichten sich dafür um 18.00 Uhr trotz Regens die Hand, um einen symbolischen Ring um die Innenstadt zu bilden.

„Wir gedenken heute aller Opfer von Völkermord, Krieg und Gewalt, und wir gedenken gemeinsam mit den Kriegsgegnern von einst“, sagte Steinmeier, eine weiße Rose am Revers, vor der Dresdner Frauenkirche. Das vom Sohn eines britischen Bomberpiloten geschaffene Kuppelkreuz der Frauenkirche sei ein Zeichen für Frieden und Verständigung, das weit über Dresden hinausrage. „Die vielen Kerzen heute in der Stadt, das sind Lichter der Hoffnung.“ 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M.) und seine Frau Elke Büdenbender reihen sich in die Menschenkette ein.
Foto: dpa/Jens Büttner

Auch Dresdens Oberbürgermeister lobte die Menschenkette als „kraftvolles Zeichen“. Die Debatte um das Gedenken an ein so „schreckliches wie widersprüchliches Ereignis“ dürfe nicht den Rändern überlassen werden, sondern müsse aus der Mitte der Gesellschaft kommen, so Hilbert. Störer versuchten, das Gedenken in der Menschenkette mit Feuerwerk und Sprechchören zu behindern. Nach Angaben eines dpa-Reporters handelte es sich um linke Störer. Sonst blieb es nach Angaben der Polizei ruhig.

Dresden war am 13. Februar 1945 und in den Tagen danach von britischen und amerikanischen Bombern schwer zerstört worden. Bis zu 25 000 Menschen starben im Bombenhagel und einem daraus folgenden Feuersturm.

Kretschmer: „Es ist wichtig, dass wir uns erinnern“

Das Gedenken an die Zerstörung der Stadt hatte am Donnerstagvormittag auf verschiedenen Friedhöfen begonnen. Zum Auftakt versammelten sich rund 200 Menschen zur traditionellen Kranzniederlegung für die Opfer der alliierten Bombenangriffe auf dem Heidefriedhof im Norden der Landeshauptstadt, darunter Landtagspräsident Matthias Rößler sowie Abgeordnete von Landtag und Stadtrat. Erstmals wurden auch die Namen von 3867 Toten der Luftangriffe verlesen - dagegen gab es allerdings lautstarke Proteste linker Demonstranten. Sie warfen den Organisatoren vor, mit der Lesung auch Nazi-Täter zu würdigen.

„Es ist wichtig, dass wir uns erinnern, weil sich Geschichte dann nicht wiederholt, wenn wir sie kennen und die richtigen Schlüsse daraus ziehen“, sagte Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Es sei richtig, dass junge Menschen keine Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten treffe. „Sie und wir alle tragen aber Verantwortung für einen verantwortlichen Umgang mit der Geschichte im Hier und Heute.“

In der Stadt gab es tagsüber auch bunten und lautstarken Protest gegen Rechtsextremisten, die immer wieder versuchen, das Gedenken für ihre Zwecke zu instrumentalisieren - in diesem Jahr etwa ist ein Marsch für Samstag durch die Innenstadt angekündigt.

Bürger bilden am Abend vor der historischen Altstadtkulisse in Dresden eine Menschenkette.
Foto: Getty Images/Gabriel Kuchta

Am Donnerstag waren die „Rolling Angels“ der dänischen Künstlerin Benthe Norheim an verschiedenen Plätzen der Stadt unterwegs - das Kunstprojekt steht für Hoffnung, Frieden und Trost. Einige der insgesamt 17 Engel-Betonskulpturen auf Rollbrettern tauchten am Altmarkt auf, wo Demonstranten in pinkfarbenen Kostümen gegen Nazis protestierten, lautstark mit Trommeln. Direkt gegenüber erinnerte die AfD an die Kriegsopfer.

Am Neumarkt wurde bereits am Nachmittag das Sandbett für eine meterhohe Kerze auf dem Pflaster bereitet, das sich bis in die Nacht mit brennenden Kerzen füllen soll. „Werner“, „Liselotte“ - auf einem Tisch an der Fassade der Frauenkirche standen mit Vornamen von Opfern der Bombennacht beklebte Gläser, in denen Teelichter flackerten. Davor lagen rote und weiße Rosen.

Nach den Bombenangriffen amerikanischer und britischer Flugzeuge auf Dresden am 13. und 14. Februar 1945 ist die Innenstadt völlig zerstört.
Foto: dpa/picture alliance

Im Gedenkbuch der Frauenkirche hinterließen Besucher seit dem Morgen Wünsche nach Frieden und Toleranz oder ihre Freude darüber, dass sie überlebt haben. „Ich bin heute glücklich, in diesem Kirchenraum zu sein“, schrieb ein Mann aus Andernach am Rhein, der vor 75 Jahren als Soldat dabei war. „Nie wieder darf vom deutschem Boden ein Krieg ausgehen“, hinterließ ein anderer.

Am Abend waren unter anderem noch eine Podiumsdiskussion im Albertinum und Gedenkkonzerte der beiden großen Orchester von Dresden geplant. Die im Krieg zerstörte und nach der deutschen Einheit wieder aufgebaute Frauenkirche blieb als Symbol der Versöhnung zum stillen Gedenken geöffnet. Zum Zeitpunkt der ersten Angriffswelle gegen 21.45 Uhr sollten am Abend alle Kirchenglocken in Dresden läuten.