Berlin - Es ist erst ein paar Tage her, da ignorierte der Bundespräsident in seiner Rede zum 60. Jahrestag des Mauerbaus die vielen DDR-Bürger, die 1961 durchaus begrüßten, dass das Ausbluten ihres Landes im Kalten Krieg gestoppt wurde. Millionen gestalteten hernach, allen Zumutungen zum Trotz, östlich der Mauer ihr Leben, verglichen mit der Alternative West: Wir bleiben hier. Das war übrigens der Ruf der Leipziger Demonstranten im September und Oktober 1989.

Der Bundespräsident steckte in seiner Rede vom 13. August 2021 allen Ernstes wieder einmal alle Bürgerinnen und Bürger der DDR in den einen und einzigen Sack des sogenannten „Unrechtsstaates“. „Der Westen“ – um genauso dumm pauschalisierend zurückzuätzen – hat es noch immer nicht begriffen: In der DDR lebten auch denkende Menschen, die meinten, der DDR-Sozialismus hätte ihnen etwas zu bieten. Er bot zu wenig, um zu überzeugen. Wohl wahr.

Jetzt zieht Frank Walter Steinmeier durch den Osten, feiert „Leuchttürme“ der ostdeutschen Wirtschaft und ruft die Ostdeutschen zu Selbstbewusstsein auf. Das klingt peinlich nach Schmeichelei in Wahlkampfzeiten. Wir bedanken uns artig bei Bosch, Siemens und VW und vergessen flugs, wie die Kompetenzen der DDR-Mikroelektroniker, Autobauer und Chemieingenieure in die Tonne getreten wurden und wer die Vorstandsposten der „Leuchttürme“ besetzt.

Aber einmal dazu aufgefordert, soll der Aufruf zu Selbstbewusstsein nicht unerhört bleiben: Selbstbewusst sei jenen gedankt, die 1989 dafür sorgten, dass ein welthistorisch einzigartiger Umsturz stattfinden konnte. Hunderttausende Menschen, die seinerzeit für grundlegende Änderungen der DDR demonstrierten – für die Einhaltung der Verfassung, für Reisefreiheit, Wohlstand und das Ende des Spitzelstaates – verloren ihre Angst, weil sie erlebten, dass der untergehende Staat sie gewähren ließ statt sich mit der verfügbaren Gewalt seinem Untergang zu widersetzen. Ein Leuchtturm-Moment der deutschen Geschichte.

Bis heute bewundert alle Welt den friedlichen Verlauf der DDR-Wende. Nachahmer fanden Egon Krenz und Hans Modrow nirgendwo in der Welt. Friedliche Machtübergabe als Exportschlager deutscher Kultur gesellschaftlichen Wandels zu preisen – so viel Selbstbewusstsein brachte noch kein Bundespräsident auf.