Präsident Frank-Walter Steinmeier bei seiner Rede in Yad Vashem am 23. Januar 2020.
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BerlinBislang legten unsere Spitzenpolitiker in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem Kränze nieder und äußerten einige Sätze tiefer Betroffenheit. Erst jetzt, 75 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, konnte dort ein deutscher Staatsmann öffentlich reden, nämlich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Am vergangenen Donnerstag sprach er in Yad Vashem vor den wenigen Überlebenden und den vielen Nachfahren der Ermordeten, vor den Repräsentanten Israels und jener Staaten, die Mörderdeutschland 1945 unter unsäglichen Opfern zur Kapitulation gezwungen hatten.

Wie Angela Merkel, als sie Anfang Dezember die Gedenkstätte Auschwitz besuchte, fand auch Steinmeier den richtigen Ton und eindeutige Sätze. Er sprach nicht von „den Nationalsozialisten“, die Ungeheuerliches „im deutschen Namen“ begangen hätten, sondern von Deutschen. Er mied die Wörter Hitler, Diktatur, NS-Regime, Ideologie, Machthaber, Rassenwahn, Weltanschauungskrieger. Warum verzichtete er auf alle diese unter Journalisten, Historikerinnen und Moderatorinnen, Gedenkpädagogen und Schulbuchautoren so hochbeliebten Distanzformeln? Die Antwort ist einfach. Alle diese Begriffe dienen dazu, sich um das zentrale unbeantwortete Problem herumzudrücken: Wie konnte ein ganzes Volk, und zwar das deutsche, derart tief sinken?

Der Bundespräsident stellte diese Fragen in Yad Vashem nicht, dazu reichte weder die Redezeit, noch taugten Ort und Anlass dazu. Aber er weiß, dass die genannten Sprechblasen als gängige Ausreden herhalten, um die Schuld an der Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden und die Last der historischen Verantwortung auf möglichst wenige „Unmenschen“, auf möglichst kleine Gruppen („Monopolkapital“, „SS-Schergen“, usw.) zu reduzieren. Noch beliebter ist es, eine völlig entpersönlichte, uns Heutigen fremd erscheinende „völkische Blut-und-Boden-Rassenideologie“ zur Generalschuldigen zu erklären und „die Nationalsozialisten“ mit angeekeltem Unterton so darzustellen, als seien sie vom Mars eingeschwebt – mörderische Unpersonen, mit denen zwischen Rhein und Oder kaum jemand verwandt oder verschwägert sei.

Die ganze Wahrheit

Im bewussten Gegensatz dazu sprach Steinmeier geradeaus und klar über den Mord an Millionen Menschen: „Deutsche haben sie verschleppt. Deutsche haben ihnen Nummern auf die Unterarme tätowiert. Deutsche haben versucht, diese Menschen zu entmenschlichen, zu Nummern zu machen, im Vernichtungslager jede Erinnerung an sie auszulöschen. (…) Die Täter waren Menschen. Sie waren Deutsche. Die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche. Der industrielle Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte – es wurde von meinen Landsleuten begangen. Der grausame Krieg, der weit mehr als 50 Millionen Menschenleben kosten sollte, er ging von meinem Lande aus.“

Wir werden bis zum 8./9. Mai noch oft hören und lesen, was angeblich allein „die Nationalsozialisten“ alles verbrochen haben. Eine Rede des Bundespräsidenten wird das nicht ändern. Aber als erster Bürger seines Landes hat Frank-Walter Steinmeier einen guten Anfang gemacht, um an die ganze Wahrheit zu erinnern.