Menschen müssen Abschiednehmen können.
Foto: Imago Images/Martin Wagner

BerlinStell dir vor es ist Tod und keiner geht hin. Beim Krieg mag das hoffentlich funktionieren, beim Sterben ist das bis jetzt irgendwie schwieriger. Corona trifft alle, auch die, die kein Corona haben. Ich weiß, es herrscht schon ein bisschen Überdruss an dem Thema, aber ans Sterben denken wir, wie immer zuletzt. Es hat ein bisschen gedauert, bis auch Berlin begriffen hat, dass zumindest das Bestatten systemrelevant ist. Danke. Aber auch das Abschiednehmen ist zumindest gesellschaftlich systemrelevant. Was es mit einer Generation macht, wenn sie sich nicht verabschieden kann, hat man das letzte Mal nach 1945 erleben dürfen.

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Ich sage bewusst nicht Trauerfeier, die sind in Berlin auf den meisten Friedhöfen gerade untersagt. Ich sage Abschiednehmen. Abschiednehmen ist ein Prozess des Verstehens: Ich sehe, spüre und verstehe, dass ein Mensch sterben wird oder verstorben ist. Abschiednehmen ist aber auch eine Aktivität: Ich handle, gestalte und verarbeite.

Viele Krankenhäuser und Pflegeheime lassen den Besuch gerade nicht mehr zu, um ihre Bewohner zu schützen. Ein Abschied wird zumindest vor Ort gerade immer schwerer. Gerade in der deutschen Gesellschaft, die im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern, das Altern und Sterben von zu Hause weginstitutionalisiert hat.

In Deutschland starben im Jahr 2018 pro Tag 2616 Menschen. In diesem Jahr werden es bedingt durch die Alterszusammensetzung noch einmal signifikant mehr werden. Dementsprechend werden Freunde und Familien es in über 80 000 Situationen schwerer haben, sich von ihren Liebsten zu verabschieden.

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Aber es ist weiterhin möglich. Man muss nur wollen, von allen Seiten.

Was spricht dagegen, einen Verstorbenen, der nicht infektiös ist, noch einmal nach Hause zu holen? Nichts. (Machen wir gerade im Tagesrhythmus.)

Was spricht dagegen, Trauerfeiern digital zu verbreiten, damit alle daran teilen haben können? Nichts. (Wir übertragen bald die Rede eines Opas für seinen Enkel per Skype auf eine Leinwand.)

Was spricht dagegen, Menschen in den Arm zu nehmen, die man auch sonst tagtäglich sieht? Nichts.

Was spricht dagegen, eine Urne oder einen Sarg zu gestalten, um aktiv den Abschied mitzugestalten? Nichts.

Was spricht dagegen – bedingt durch Corona – zu einer anonymen Entsorgung unserer Verstorbenen überzugehen? Alles.

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Es kann nicht sein, dass in einer Zeit, wo in Deutschland der Ausnahmezustand herrscht, der erste Bereich, der nur noch Dienst auf Minimalbasis anbietet, das Sterben betrifft. Während sich erste Friedhöfe wieder trauen zu öffnen, beschließt der Bezirk Reinickendorf mal eben keine Urnenbeisetzungen mehr durchzuführen. Immerhin die häufigste Beisetzungsart in Berlin und Brandenburg. Begründung: Personalmangel. Und zur Erklärung, das Ausheben einer Urnengruft sollte jeder Bestatter mit einer Schaufel hinbekommen. Es regt mich umso mehr auf, weil in den letzten Jahren immer nach einer größeren Bedeutung der Trauerkultur gerufen wurde, aber in Zeiten, in denen man zeigen kann, nein zeigen muss, wird der Dienst noch strenger als jede Vorschrift gemacht.

Diese Zeiten bringen aber auch Gutes mit sich. Die aktuelle Situation ist mit Trauer vergleichbar. Durch die Einschränkung des normalen Lebens wird auf einmal deutlich, was wirklich wichtig ist. Vielleicht merken wir uns das ja ein bisschen, für die Zeit danach. Das mag pathetisch klingen. Aber wie ich es vermisse, meine Freunde regelmäßig zu sehen, die Uromas meiner Tochter einfach mal zu besuchen und in meiner Lieblingskneipe, dem Walhalla, abends noch ein, zwei, drei, vier, fünf Rum zu trinken. Ich verzichte gerne, weil ich damit etwas bewirken kann. Aber wie sehr ich mich darauf freue, das alles wieder tun zu können.

Bis dahin sind wir möglichst kreativ, um auch weiterhin vielen Berlinern einen Abschied zu ermöglichen. Bleibt alle gesund, ich bin doch eh faul.

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