In Deutschland beginnt mit dem Karlsruher Urteil eine neue Zeitrechnung (Symbolbild). 
Foto: imago images/Martin Wagner 

BerlinKaum fünf Minuten ließ der erste Scherzkeks auf sich warten. Das richtungsweisende Urteil der Verfassungsrichter aus Karlsruhe hatte es gerade erst in Nachrichtenform geschafft, da piepste mein Handy. „Bietest Du jetzt auch Suizid an? Würde doch zum Geschäft passen? ,lebensnah-sterben‘.“ „Wir dürfen alles versuchen, ihn (den Sterbewilligen) umzustimmen, wir müssen seine freie Entscheidung aber in letzter Konsequenz akzeptieren.“

Der Satz aus der Begründung der Karlsruher Richter liest sich wie eine Kampfansage an die anno 2015 durch die Bundesregierung getroffene Regelung, die professionelle Unterstützung beim Suizid unter schwere Strafe stellte. Und das trifft laut Meinung der Verfassungsrichter nicht nur auf körperlich kranke Menschen zu. Bämm. Ein völlig neuer Zeitgeist in Deutschland, eine neue Zeitrechnung beginnt mit diesem Urteil.

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Ob es nur Gutes bringt, wird man sicherlich erst in einigen Jahren sehen können. Aber bei den ganzen politischen Unkenrufen kann der Blick auf die Fakten helfen. Zuletzt haben in Holland, wo es seit Jahren einen sehr liberalen Umgang mit Sterbehilfe gibt, 3,6 Prozent der Sterbenden sich für Sterbehilfe entschieden. Tendenz stagnierend.

Deutschland hat viele Verbrechen mitzuverantworten 

Während man bei der anderen großen gesundheitspolitischen Frage der letzten zwölf Monate, dem Gesetz zur Organspende, noch gesellschaftlich hart gestritten hatte, scheinen die Richter mit ihrem Urteil etwas getroffen zu haben, das man sonst nicht so von ihnen erwartet: Zeitgeist. Nur Beatrix von Storch scheint irgendwas zu stören, aber vielleicht ist sie auch wieder auf der Maus ausgerutscht. Und die Richter haben gut daran getan, die letzten Widerworte von Seiten konservativer, zumeist religiöser Kreise zu überhören.

Die Zeiten, in denen Selbstmördern die priesterliche Weihe vorenthalten wurd, sind zwar nicht überall vorbei, aber zumindest hat man mittlerweile überall einen Anspruch auf einen Platz auf dem normalen Friedhof. Vielfach waren es auch Ärzte, welche noch sehr kritisch waren. Aus drei nachvollziehbaren Gründen. Erstens: Sie sind es, die letztendlich zum Teil den Sterbeprozess initiieren, durch die hoffentlich zukünftlich geregelte Abgabe von todbringenden Medikamenten.

Zweitens sieht es der klassische hippokratische Eid, welcher die Ethik des Arztberufes klar definiert, nicht vor. Erst in einer Überarbeitung von 2017 ist die Autonomie des Patienten in den Text überhaupt aufgenommen worden. Drittens haben Deutschland und seine Ärzteschaft im Dritten Reich viele Verbrechen mitzuverantworten, die lange nachgeklungen haben. Stichwort Euthanasie. Und zuletzt ist die Pharmaindustrielobby stärker, als man glaubt. An einem Toten lässt sich schlicht kein Geld mehr verdienen.

Danke Karlsruhe

Was man sich aber vor Augen halten muss, ist, was für eine gesellschaftliche Veränderung wir bis zu diesem Urteil hinter uns haben, sodass die Menschenwürde nicht mehr am Sterbebett endet. Die erste deutsche Palliativstation, welche sich nicht um Heilung, sondern um die Linderung von Leiden kümmerte, nahm 1983 ihre Arbeit in Köln auf, das erste deutsche Hospiz eröffnete 1986 in Aachen.

Das Bewusstsein, dass Sterben kein Versagen der Medizin, sondern auch eine Aufgabe der Ärzte ist, kommt ursprünglich aus England und ist mittlerweile eine weltweite Bewegung.

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Trotz der noch leisen Unkenrufe ist nun, wenn die Bundesregierung die Entscheidung schnell umsetzt, allen geholfen: – denen, die als Betroffene unnötig leiden und sich derzeit auf unsichere Art und Weisen versuchen, das Leben zu nehmen; – denen, die als Angehörige Leiden mitertragen und im schlimmsten Falle aus Liebe einen Suizid mit unterstützen mussten; – und last but not least all denen, die nun eine klare Arbeitsgrundlage bekommen und keine Angst mehr vor Bestrafung haben müssen. Bewusstes Sterbenwollen ist ein Menschenrecht. Danke, Karlsruhe! Und lebensnah-sterben wird es dennoch nie geben.