Washington - Der Angreifer hatte sich in einem Graben hinter dem Maschendrahtzaun um das Baseballfeld versteckt. Um kurz nach sieben Uhr legte er sein Gewehr an und zielte auf einen Spieler. Ein einzelner Knall erschütterte den wolkenlosen Mittwochmorgen in einem friedlichen Vorort von Washington.

„Er hat ein Gewehr“, rief jemand erschreckt. Es folgte eine Salve von Schüssen. Auf dem Rasen brach Steve Scalise, der Fraktionsgeschäftsführer der Republikaner im US-Repräsentantenhaus, getroffen zusammen.

Immer wieder drückte der Täter ab, wie man auf dem wackligen Video eines Augenzeugen hören kann. Während sich Scalise schwerverletzt vom Platz schleppte, suchten andere im Unterstand der Spielerbank, unter Autos oder hinter Bäumen Schutz. Nicht alle hatten Glück. Als die Polizei um 7.14 Uhr den Attentäter außer Gefecht setzte, waren sechs Menschen verletzt. Scalise, dessen Becken von einer Kugel durchschlagen wurde, schwebte bei Redaktionsschluss in Lebensgefahr.

Attentat in unmittelbarer Nähe zum Washingtoner Kongress

Die Bluttat von Alexandria, kaum zehn Meilen vom Washingtoner Kongress entfernt, schockt die an Waffengewalt gewöhnte USA mehr als üblich. An diesem Morgen hatte auf dem Baseballfeld nämlich eine Gruppe von Senatoren und Abgeordneten der regierenden Republikaner für ein Freundschaftsspiel gegen die Demokraten trainiert.

Der Schütze erkundigte sich vor der Tat, ob die Spieler Republikaner oder Demokraten seien. Außer Gefecht gesetzt wurde er schließlich von zwei Beamten der Kongress-Polizei, die zum Schutz des hochrangigen Fraktionsgeschäftsführers vor Ort waren. „Wenn diese beiden Beamten nicht gewesen wären, hätte es ein Massaker gegeben“, zeigte sich der Abgeordnete Barry Loudermilk, ein Augenzeuge, überzeugt.

Täter stirbt im Krankenhaus

Zwar wurden erste Gedanken an einen islamistischen Terroranschlag bald widerlegt, als die Identität des im Krankenhaus verstorbenen Täters bekannt wurde: Es handelt sich um einen 66-jährigen weißen US-Amerikaner aus Illinois, dessen Name laut FBI James T. Hodgkinson war. Doch dauerte es nicht lange, bis im Netz Hinweise auf die Facebook-Seite des Schützen auftauchten. Dort postete er unter einem Titelbild des Demokraten Bernie Sanders seit langem linke, aber keineswegs gewalttätige Thesen.

Am 22. März allerdings schrieb er: „Trump ist ein Verräter. Er hat unsere Demokratie zerstört. Es ist Zeit, Trump & Co. zu zerstören.“

Trump-Anhänger machen „linke Presse“ für Tat verantwortlich

In dem aufgeheizten Klima Amerikas dauerte es nicht lange, bis die Tat instrumentalisiert wurde. Ohne Kenntnis der Hintergründe twitterten die „Demokraten für Trump“: „Die linke Presse hat die Leute gegen alle radikalisiert, die den Präsidenten unterstützen.“ Donald Trump junior, der Sohn des Präsidenten, stimmte zu.

Kurz darauf retweetete der Trump-Sohn mit der Bemerkung „Genau“ einen Tweet, in dem die „Verherrlichung der Ermordung des Präsidenten“ durch das Theaterstück „Julius Caesar“ in einer New Yorker Inszenierung für die Tat mitverantwortlich gemacht wurde.

Tatsächlich erscheint James Hodgkinson im Rückblick eher als ein Mensch mit erheblichen persönlichen Problemen denn als fanatischer linker Aktivist. „Er war nicht glücklich mit der Politik“, sagt sein Bruder. Dass er jedoch deswegen zur Waffe greifen würde, komme völlig unerwartet.

Der frühere demokratische Bürgermeister von Alexandria, William D. Euille, hatte ihn zuletzt zufälligerweise öfter im YMCA unweit des Baseballfelds getroffen. Euille trainiert im dortigen Kraftraum, Hodgkinson campierte bei Alexandria mit seinem Wohnwagen und kam zum Duschen. „Er wirkte wie ein Einzelgänger“, berichtet der Ex-Bürgermeister: „Aber sehr nett.“

Hodgkinson verlor seine Tochter durch Suizid

Doch es gab auch eine andere Seite von Hodgkinson, der seine 17-jährige Tochter durch Selbstmord verlor. Mehrfach wurde die Polizei in seinem Heimatort Belleville wegen Fällen häuslicher Gewalt gerufen. Vor elf Jahren schlug der Mann einer Frau mit der Hand ins Gesicht und bedrohte ihren Freund mit dem Gewehr. Er zeigte Autofahrer an, die auf seinem Grundstück wendeten. Im März rief ein Nachbar beim Sheriff an, weil Hodgkinson wie verrückt auf ein paar Bäume schoss.

Bernie Sanders, der linke Senator von Vermont, distanzierte sich entschieden von der „verabscheuungswürdigen Tat“. Auch Präsident Trump widerstand zunächst der Versuchung, die Bluttat auszuschlachten. „Wir sind am stärksten, wenn wir vereint sind, wenn wir gemeinsam für das öffentliche Wohl arbeiten“, sagte er.

Ob der Appell in dem tief zerrissenen Land lange hält, ist fraglich. Schon am Mittwoch zeichnete sich die nächste erbitterte Debatte ab: Während ein republikanischer Politiker die Bewaffnung aller Abgeordneter forderte, kritisierten Demokraten, dass Hodgkinson trotz seiner Polizei-Akte einen Waffenschein besaß.