Paris - Aus Sicht der Meinungsforscher ist das Kräftemessen zwischen Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy und seinem Herausforderer François Hollande eine Woche vor der Stichwahl praktisch entschieden – zugunsten des Sozialisten. Die Institute CSA, Harris und TNS Sofres sind sich einig: Hollande, 54 bis 55 Prozent; Sarkozy, 45 bis 46 Prozent.

Und was den Amtsinhaber besonders hart treffen dürfte: Ein solcher Vorsprung ist nach Ansicht der Demoskopen kaum noch aufzuholen. Hollandes Plus belaufe sich auf rund 3,5 Millionen Stimmen, schätzte Emmanuel Rivière vom Institut TNS Sofres am Wochenende. Noch nie sei ein solch klares Kräfteverhältnis binnen einer Woche gekippt worden.

Sarkozy hat die Konsequenzen daraus gezogen. Zu zweit und mit verteilten Rollen rütteln der Präsident und sein Premier François Fillon am fest gefügten Meinungsbild, versuchen sowohl rechts außen als auch in der politischen Mitte neue Wähler zu gewinnen. Während Sarkozy um den Anhang der Rechtspopulistin Marine Le Pen wirbt und radikaler denn je deren Themen Immigration und Islam ausschlachtet, bemüht sich Fillon mit nachdenklich-moderaten Stellungnahmen um die Gefolgschaft des Zentrumspolitikers François Bayrou. Der Premier preist den Staatschef als seriösen Haushaltspolitiker oder stellt, wie etwa am Freitagabend bei einer Wahlkampfversammlung in Le Mans, „Humanismus, Weitsicht und Realitätssinn“ als „Gaullisten, Liberale und Zentristen verbindende Werte“ heraus.

"Kandidat von 700 Moscheen"

Um zu verhindern, dass Wähler Le Pens zu Hollande überlaufen, hat Sarkozy den Rivalen zum „Kandidaten von 700 Moscheen“ erklärt und zum „Politiker, der Massen illegaler Einwanderer mit Aufenthaltspapieren ausstatten will“. Beides entbehrt jeglicher Grundlage. Der Französische Rat muslimischer Religionsausübung hat dementiert, sich für Hollande stark gemacht zu haben. Der Sozialist hat stets dafür plädiert, die nach geltendem Ausländerrecht vorgesehene Einzelfallprüfung beizubehalten.

In dem Bestreben, Sarkozys von Rekordschulden und Rekordarbeitslosigkeit überschattete Bilanz nicht noch mehr zu verdüstern, verschieben Firmenchefs bereits beschlossene Massenentlassungen auf die Zeit nach der Wahl. Wie der Direktor der Personalberatungsgesellschaft Alixio, Xavier Lacoste, bestätigte, „sind in den Chefetagen ungewöhnlich zahlreiche Anrufe aus dem Arbeitsministerium“ eingegangen, die auf einen Aufschub geplanter Personalkürzungen zielten. Viele Unternehmer wüssten aber auch so, dass dies keine gute Zeit für Entlassungen sei, sagte Lacoste.

In einem am Wochenende im Magazin Le Parisien erschienenen Interview äußerte Hollande schon mal vorsorglich, nach der Wahl zu erwartende Entlassungen hätten nichts mit seinem Amtsantritt im Elysée zu tun. Es handle sich um feststehende, aber aufgeschobene Kündigungen.

Der Sozialist konterte die zunehmend scharfen Angriffe des Staatschefs mit Humor: „Ich soll also der Kandidat der Moscheen sein, glücklicherweise ist Bin Laden tot, sonst hätte er womöglich auch noch eine Wahlempfehlung für mich abgegeben.“