Berlin - Wenn Politiker die Beherrschung verlieren, kann das schädlich für die Kariere sein - muss es aber nicht. Eines garantiert es ihnen jedenfalls: Aufmerksamkeit. Eine Sammlung

Sigmar Gabriel: „Dein Vater hat das Land geliebt, und du zerstörst es!“ Maskierte Menschen bewegen sich pöbelnd, mit Plakaten bewaffnet in Richtung einer SPD-Wahlveranstaltung im Niedersächsischen Salzgitter. „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten“, heißt es immer wieder. Alte linke Parolen skandiert von Menschen, die sich junge Nationale nennen und die Gesichter mit Deutschlandfahnen verhüllt haben. Während Gabriels Parteikollege noch mit der wütenden Meute diskutieren möchte, rät Gabriel ab. Er dreht sich um und zeigt ihnen ganz nonchalant den Stinkefinger.

Peer Steinbrück: Sozialdemokraten und Stinkefinger, da war doch was. Der 2013er Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zeigte in der Süddeutschen Zeitung einst den Stinkefinger – aber ganz kalkuliert in einer Fotosession. Konfrontiert mit aktuellen Spitznamen wie „Pannen-Peer“ oder „Problem-Peer“ reagierte Steinbrück mit der Stefan-Effenberg-Pose. Einen tatsächlichen Gefühlsausbruch leistete sich der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident dagegen auf einem Parteikonvent 2013.  Nachdem seine Frau die Belastung durch die Kandidatur für die Familie schilderte, kamen dem ehemaligen Parteivize die Tränen.

Hillary Clinton: Tränen im Wahlkampf, das war auch in den USA schon ein prominentes Thema. Für Hillary Clinton, heute Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, wurde 2008 ein Tränenausbruch zum Wendepunkt im damaligen Rennen um die Kandidatur gegen einen gewissen Barack Obama. In einer Fragerunde mit Wählerinnen auf den Druck angesprochen, der auf ihr lastet, schossen der sonst als kalkuliert und kalt geltenden Frau die Tränen in die Augen. Erstmals im Wahlkampf wirkte sie volksnah – genützt hat es nichts. 2008 wurde Obama erst Präsidentschaftskandidat und dann Präsident der Vereinigten Staaten. Der derzeitige Wahlkampf läuft bislang noch tränenlos.