Berlin - Nach dem Mordanschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo gab es eine spontane, anrührende Solidaritätswelle: „Je suis Charlie“ bekannten Millionen Menschen weltweit in den sozialen Netzwerken.

Dann wurde diese Losung ganz schnell zu einem Motto, auf T-Shirts vermarktet und sinnentleert. Nach den Anschlägen von Paris, Brüssel und den vielen anderen Städten, in denen in den vergangenen Jahren islamistische Terroristen ihr hinterhältiges Mordhandwerk betrieben haben, wurde es üblich, Wahrzeichen in anderen Metropolen in den Farben des betroffenen Landes anzustrahlen. Man könnte auch sagen: es wurde Mode.

Beileidsbekundungen werden üblich

So sehr, wie der Terrorismus zu einer wenn auch monströsen, aber doch gar nicht mehr so außergewöhnlichen Erscheinung in westlichen Großstädten geworden ist, in dem Maße sind die Formen, in denen wir Betroffenheit bekunden, zu einem Ritual geworden. Das gilt für die oft schon Minuten nach den ersten Meldungen verbreiteten Beileidsbekundungen der Regierungen, deren Pressestellen dafür wahrscheinlich schon digitale Vordrucke bereitliegen haben. Das gilt aber besonders für das öffentlich inszenierte Farbenspiel. Das Bewegende dieser Geste ist auch schon verflacht zu etwas Üblichem.

Senatskanzlei zeigt sich kaltherzig

Also war es nur konsequent, dass Berlin am Montag darauf verzichtet hat, das Brandenburger Tor nach dem Anschlag von St. Petersburg in die russischen Farben zu tauchen – so wie übrigens auch andere Städte? Das könnte man akzeptieren, wenn es da nicht diese besonders kaltherzig klingende Begründung aus der Senatskanzlei gäbe: Berlin bekunde seine Solidarität am Brandenburger Tor nur noch, wenn Partnerstädte betroffen seien – oder solche, zu denen Berlin eine besondere Beziehung habe.

Welche das sind, entscheidet wohl der Regierende Bürgermeister? Oder er lässt auch dafür einen Leitfaden erstellen. Das Vorgehen zeigt, wie wenig Takt und Stilgefühl dieser Senat hat. Es zeigt aber auch, wie wenig diese Gesten noch mit spontaner, menschlicher Anteilnahme zu tun haben. Sie sind zu einem Verwaltungsakt geworden.

Besuch in Moskau ist noch nicht lange her

Nun hat aber dieser zumindest peinliche Umgang mit dem Leid der Menschen in einer anderen europäischen Großstadt auch eine politische Dimension. St. Petersburg ist eine russische Metropole. Es wird nicht wenige geben, die in dem Verzicht auf die symbolische Solidarität gerade mit ihr selbst ein Symbol erkennen. Dass man mit Putins Russland eben anders umgeht als mit anderen Ländern.

Die These sei erlaubt, das als abwegig zu betrachten. Schließlich war Berlins Regierender Bürgermeister Michael  Müller gerade erst zu einem freundschaftlichen Besuch in Moskau, das nämlich eine Partnerstadt Berlins ist. Wenn die Attentäter also in Moskau zugeschlagen hätten…. Aber lassen wir das, dies ist kein Anlass für Zynismus.

St. Petersburg gehört zu Europa

Sehr wohl aber sollten diese Vorgänge Anlass sein, nicht nur über die angemessenen Formen öffentlicher Anteilnahme nachzudenken. Sondern auch über die Pflege unserer Beziehungen zu Russland. Der Anschlag von Petersburg taucht eine eigentlich banale Tatsache in das grelle Licht des Augenblicks: Es ist eine europäische Stadt, deren Menschen den gleichen Gefahren ausgesetzt sind wie die Bürger von London, Paris oder Berlin.

Und so wenig manches an der Politik des starken Manns in Moskau, Wladimir Putin, den Regierungen in den westeuropäischen Hauptstädten gefallen mag – was im Übrigen auf Gegenseitigkeit beruht – so klar ist doch das Gebot zur Zusammenarbeit, um internationale Krisen und ihre Auswirkungen auf die eigenen Bürger  bekämpfen.

Verbal wird das auch immer wieder allseits betont. Aber was folgt daraus – zum Beispiel beim Ringen um ein Ende des sogenannten Bürgerkriegs in Syrien, der doch längst ein Stellvertreterkrieg verschiedenster anderer Mächte in und außerhalb der Region geworden ist? Man mag Putin vieles vorwerfen, aber er folgt doch einem berechenbaren Kurs, was für seinen Gegenpart Donald Trump in Washington eben nicht gilt.

Deutschland muss engere Zusammenarbeit pflegen

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat immerhin den Gesprächsfaden mit Putin mehr gepflegt als die meisten ihrer westlichen Kollegen. Aber den Status quo zu wahren, reicht nicht. Gerade jetzt, angesichts der amerikanischen Unwägbarkeiten, wäre es an Deutschland, neue Initiativen für eine engere Zusammenarbeit mit Russland zu ergreifen.

Es fügt sich, dass mit Frank-Walter Steinmeier nun ein außenpolitisch erfahrener Bundespräsident im Amt ist, der anders als sein Vorgänger keinerlei biografisch bedingte Russlandphobien pflegt. Es geht in internationalen Beziehungen viel um Fakten, aber doch auch um Stimmungen. Ein Treffen der Präsidenten beider Länder könnte da schon etwas bewirken. Dann wäre auch der Berliner Mangel an Empathie gegenüber den Menschen von St. Petersburg schnell vergessen.