Im Streit um eine Broschüre für Erzieher zum Umgang mit Rechtspopulismus hat der Jugendstadtrat in Berlin-Neukölln von der Nutzung abgeraten. Falko Liecke (CDU) teilte am Freitag mit: „Die Broschüre will Vorurteile bekämpfen, vermittelt sie aber selbst.“ Es sei nicht Aufgabe von Erziehern, die politische Gesinnung der Eltern zu überprüfen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), die die Broschüre unterstützte, und Martin Hikel (SPD), ihr Nachfolger als Bezirksbürgermeister in Neukölln, widersprachen.

Die 60-seitige Broschüre „Ene, mene, muh - und raus bist du“ stammt von der Amadeo Antonio Stiftung, die sich gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus engagiert. Im Bundestag hatte es von der CDU Kritik an der Broschüre gegeben. Moniert wurde unter anderem ein Fallbeispiel, in dem sich Eltern an Kita-Mitarbeiter wenden, weil sie wissen, dass die Eltern eines Geschwisterpaares einer „rechtsextremen Kameradschaft“ angehören. Eines der Geschwister lädt weitere Kinder zum Geburtstag ein. Die Eltern der eingeladenen Kita-Freunde bitten die Erzieher um Rat. In dem Fallbeispiel heißt es, das Mädchen trage Zöpfe und Röcke. Es werde zudem zur Handarbeit angeleitet. Ihr Bruder werde körperlich stark gefordert und gedrillt.

Liecke bemängelte eine „einseitige Fixierung auf rechtsradikale Elternhäuser“ und fügte hinzu: „In Neukölln sehen wir eher ein Problem mit religiösem Extremismus, wenn Kinder beispielsweise zum Tragen des Kopftuches genötigt oder Zwangsehen schon im Kindesalter arrangiert werden. Auch die Indoktrination durch Linksextremisten ist eine Gefahr.“

Fragwürdige Kategorien

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Hier wird zu einer Gesinnungsschnüffelei aufgerufen, wie sie zuvor der AfD wegen ihres „Lehrer-Prangers“ vorgeworfen worden war.“ Mit fragwürdigen Kategorien werde ein „völkischer Typus“ kreiert, „das ist abstoßend, kontraproduktiv und entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage“.

Giffey betonte dagegen, es gehe um Informationen und Unterstützung für Erzieher, die mit rechtsextremen oder radikalen Aussagen und Verhaltensweisen von Eltern in der Kita in Berührung kommen. Die Broschüre solle Erzieher unterstützen, „eigenständig und bezogen auf den konkreten Fall zu entscheiden“.

Auflage: 3000 Exemplare

Weiter betonte die Ministerin, es gehe nicht um Kontrolle, „sondern darum, eine Erziehungspartnerschaft auch mit völkisch lebenden Familien einzugehen, die im Sinne der Bildungschancen ihrer Kinder ist“. Den kritisierten Beispielen lägen wahre Fälle aus der langjährigen Beratungspraxis zugrunde. Die Broschüre sei mit 4600 Euro für die Druckkosten gefördert worden. Die Auflage betrage 3000 Exemplare.

Bezirksbürgermeister Hikel betonte, er beteilige sich nicht an einer Kampagne der AfD. „Ich finde es richtig, dass Erzieherinnen und Erzieher einen Ratgeber an die Hand bekommen, der über Rechtsextremismus und den Umgang damit in Kitas aufklärt.“ (dpa/BLZ)